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Die Klassifikation von Leitlinien nach dem Regelwerk der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) definiert die Systematik des Entwicklungsprozesses einer Leitlinie im Hinblick auf das methodische Vorgehen (daher: „S-Klassen“), nicht die Qualität der Datenlage (Evidenz aus klinischen Studien). Demnach sind für eine Leitlinie der Klasse S3 folgende Voraussetzungen erforderlich, die für die S3-Leitlinie Neuroborreliose (1) erfüllt wurden:

  • Repräsentatives Gremium: Beteiligt waren Mandatsträger von 19 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, dem Robert Koch-Institut, der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, drei Patientenorganisationen und der Deutschen Borreliose Gesellschaft (DBG).
  • Systematische Literaturrecherche, Auswahl und Bewertung der Literatur: Diese wurde über ein Jahr am Deutschen Cochrane Zentrum vorgenommen. Die Ergebnisse sind in vier systematischen Übersichtsarbeiten publiziert worden.
  • Strukturierte Konsensusfindung: Der strukturierte Konsensusprozess fand in fünf Konsensuskonferenzen unter unabhängiger Moderation der AWMF statt.
  • Erklärung von Interessen und Umgang mit Interessenkonflikten: Sind im Leitlinienreport ausführlich dokumentiert.

Für die hypothetische Annahme, dass eine Neuroborreliose im Spätstadium mit einem unauffälligen Liquor einhergehen könne und dass circa 30 % aller Fälle einer Lyme-Borreliose im Spätstadium Seronegativität aufweisen würden, gibt es keine Evidenz. Zudem widerspricht diese Vorstellung der infektionspathophysiologischen Rationale. Im Rahmen einer ergänzenden Konferenz wurde am 17. 01. 2017 die von den Mitgliedern der DBG hierzu zitierte Literatur von den Unterzeichnern im Einzelnen überprüft und detailliert – auch im Beisein eines Mandatsträgers der DBG – erläutert. Mit keiner der zitierten Studien lassen sich die oben genannten Annahmen belegen.

Der Borrelien-Lymphozyten-Transformations-Test (LTT) ist mangels Sensitivität und Spezifität für die Routinediagnostik nicht geeignet. Zur Studienlage wird auf die Mikrobiologische Leitlinie zur Diagnostik der Lyme Borreliose verwiesen (2).

Das „post treatment lyme disease syndrome“ (PTLDS) bezeichnet anhaltende unspezifische Beschwerden, die bei Patienten nach behandelter Lyme Borreliose auftreten können. Bei Patienten mit PTLDS kann in der Regel keine chronische Infektion mit Borrelia burgdorferi nachgewiesen werden. Demzufolge nützen wiederholte oder langfristige Antibiotikagaben in diesen Fällen nichts, sondern bergen das Risiko gravierender Nebenwirkungen. Zu dieser Problematik werden drei Klasse-I-Evidenz-Studien in der Leitlinie ausführlich dargestellt (35).

Kontrollierte Therapiestudien und Fallserien zur Neuroborreliose ergeben keine Anhaltspunkte für eine Erregerpersistenz nach einer zwei- bis dreiwöchigen Antibiotikabehandlung. In der LL wird ein pragmatisches Vorgehen für eventuelle Ausnahmen vorgeschlagen. Die von den Mitgliedern der DBG zitierte Publikation von Middelveen et al. trägt zu dieser Frage nichts bei, weil keiner der zwölf Patienten dieser Studie unter einer klinisch und liquordiagnostisch gesicherten Neuroborreliose litt.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0345

Für die Autoren

Prof. Dr. med. Sebastian Rauer

Universitätsklinikum, Neurologie, Freiburg
sebastian.rauer@uniklinik-freiburg.de

Interessenkonflikt

Prof. Rauer ist Teilhaber der Firma ravo Diagnostik, Freiburg, die serologische Tests zur Diagnostik der Lyme-Borreliose herstellt. Er hat Honorare für Gutachtertätigkeit, bei der Bezug zum Thema besteht, von verschiedenen Gerichten und Versicherungen erhalten. Für einen Vortrag wurde er honoriert von der Firma Biogen.

1.
Rauer S, Kastenbauer S, Fingerle V, Hunfeld KP, Huppertz HI, Dersch R: Clinical practice guideline: Lyme neuroborreliosis. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 751–6 VOLLTEXT
2.
Fingerle V, Eiffert H, Gessner A, et al.: Lyme Borreliose. In: Podbielski A, Abele-Horn M, Hermann M, Kniehl E, Mauch H, Rüssmann H, eds.: MiQ – Qualitätsstandards in der mikrobiologisch – infektiologischen Untersuchung, 2nd edition. München, Jena: Elsevier Urban & Fischer 2017.
3.
Klempner MS, Hu LT, Evans J, et al.: Two controlled trials of antibiotic treatment in patients with persistent symptoms and a history of Lyme disease. N Engl J Med 2001; 345: 85–92 CrossRef MEDLINE
4.
Fallon BA, Keilp JG, Corbera KM, et al.: A randomized, placebo-controlled trial of repeated IV antibiotic therapy for Lyme encephalopathy. Neurology 2008; 70: 992–1003 CrossRef MEDLINE
5.
Krupp LB, Hyman LG, Grimson R, et al.: Study and treatment of post Lyme disease (STOP-LD): a randomized double masked clinical trial. Neurology 2003; 60: 1923–30 CrossRef MEDLINE
1.Rauer S, Kastenbauer S, Fingerle V, Hunfeld KP, Huppertz HI, Dersch R: Clinical practice guideline: Lyme neuroborreliosis. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 751–6 VOLLTEXT
2.Fingerle V, Eiffert H, Gessner A, et al.: Lyme Borreliose. In: Podbielski A, Abele-Horn M, Hermann M, Kniehl E, Mauch H, Rüssmann H, eds.: MiQ – Qualitätsstandards in der mikrobiologisch – infektiologischen Untersuchung, 2nd edition. München, Jena: Elsevier Urban & Fischer 2017.
3.Klempner MS, Hu LT, Evans J, et al.: Two controlled trials of antibiotic treatment in patients with persistent symptoms and a history of Lyme disease. N Engl J Med 2001; 345: 85–92 CrossRef MEDLINE
4.Fallon BA, Keilp JG, Corbera KM, et al.: A randomized, placebo-controlled trial of repeated IV antibiotic therapy for Lyme encephalopathy. Neurology 2008; 70: 992–1003 CrossRef MEDLINE
5.Krupp LB, Hyman LG, Grimson R, et al.: Study and treatment of post Lyme disease (STOP-LD): a randomized double masked clinical trial. Neurology 2003; 60: 1923–30 CrossRef MEDLINE

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