ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2019Medizin im Nationalsozialismus: Auf der Suche nach Tätertypen

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Medizin im Nationalsozialismus: Auf der Suche nach Tätertypen

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 222

Jachertz, Norbert

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Weshalb wurden Ärzte zu „Medizinverbrechern“? Die neuere Täterforschung nimmt das gesellschaftliche Umfeld in den Blick.

Engel des Todes – Das war der Spitzname von Josef Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz grausame Menschenversuche vornahm. Er wurde nach dem Krieg als NS-Kriegsverbrecher gesucht, aber nie gefasst. Foto: dpa
Engel des Todes – Das war der Spitzname von Josef Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz grausame Menschenversuche vornahm. Er wurde nach dem Krieg als NS-Kriegsverbrecher gesucht, aber nie gefasst. Foto: dpa

Zu der Tagung „Medizintäter. Ärzte und Ärztinnen im Spiegel der NS-Täterforschung“ hatte der Veranstalter, das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen, neben einigen seit Jahren vertrauten auch viele junge Wissenschaftler geladen, die mit dem Abstand der zweiten und dritten Generation ans Werk gehen. Das fiel auf. Und auch das fiel auf: Zu den „klassischen“ Medizinhistorikern, die zumeist aus der Medizin kommen, treten zunehmend Zeithistoriker und Politologen, jedenfalls was die neuere Medizingeschichte und insbesondere die Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus (NS) angeht. Ein Referent forderte zudem, die soziologische Gewaltforschung einzubeziehen; Interdisziplinarität trage dazu bei, Täter und Taten differenziert und multikausal zu erklären (Henning Tümmers, Tübingen).

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Rassismus in der Gesellschaft

Mit der straff getakteten Veranstaltung am 1. und 2. April endete ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt über „Gruppenbiografische Studien zu KZ-Ärzten“, das Karl-Heinz Leven und sein (Medizin-)Historiker-Team seit 2013 verfolgen. Bei der Tagung standen indes nicht allein KZ-Täter im Blickfeld. Zu Recht. Der Täterkreis ist weitaus größer und muss insgesamt einbezogen werden, um Tätertypen und Tätergruppen – differenziert nach Karrierewegen, Motivation, sozialer Herkunft – ausmachen zu können. Schon jetzt aber ist klar, dass die medial lange verbreiteten Bilder des ärztlichen Sadisten oder des dämonischen SS-Arztes – Prototyp „Dr. Mengele“ – die Realität nicht wiedergeben (Philipp Rauh, München).

Wie selbstverständlich wird Daniel Goldhagens auf die Shoa bezogene These, Rassismus und Antisemitismus habe die gesamte deutsche Gesellschaft durchzogen, die Akteure hätten folglich aus sich heraus die Judenvernichtung betrieben, auf die Medizintäter übertragen. Demnach stimmten diese durchaus mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld überein, wenn sie „Ballastexistenzen“ zu verhindern suchten und „Vollidioten“ beseitigten. Sie hätten nicht mitmachen müssen, einzelne Ärzte verweigerten sich denn auch. Medizinische Forscher sahen es geradezu als Chance, mit „Menschenmaterial“ wie mit „Meerschweinchen“ (der Ausdruck wird KZ-Arzt Bickenbach zugeschrieben) experimentieren zu können.

Das alles ist nicht ganz so neu, wie es jetzt daherkommt. Schon aus Robert J. Liftons Klassiker „The Nazi Doctors“ (1986, deutsch 1988), ja bereits aus Alexander Mitscherlichs und Alice Platen-Hallermunds Berichten über den Nürnberger Ärzteprozess und den vielen seitdem erschienenen medizinhistorischen Arbeiten kann man solche Beweggründe entnehmen. Neu ist die methodische Zuspitzung. Die neue Forschungsrichtung kennzeichne, dass sie die Täter nicht als bloße Werkzeuge nationalsozialistischer Strukturen darstelle, sondern als bewusst handelnde Menschen, die mitunter über große Motivation, Eigeninitiative und Handlungsspielräume verfügten, resümierte Philipp Rauh. Persönlich überzeugt und im Einklang mit ihrer Umgebung beteiligten sich Ärzte – und auch Ärztinnen – vom Kreiskrankenhaus bis zu den großen Heilanstalten und Universitätskliniken zum Beispiel an Zwangssterilisationen, als hätten sie darauf gewartet. In Erlangen hätten, so eine drastische Diskussionsbemerkung, „die Psychiater mit den Hufen gescharrt“, um endlich loslegen zu können.

An Überzeugungen festgehalten

Nach dem Ende der Nazi-Zeit hielt so mancher Medizintäter an seinen Überzeugungen fest, allenfalls kaschierte man diese. Das kann nicht verwundern. Denn, so brachte es Petra Betzien, Düsseldorf, auf den Punkt: „Die Nachkriegsgesellschaft ist auch die Vorkriegs- und die Kriegsgesellschaft und auch die NS-Volksgemeinschaft“. Zu den bekanntesten Tätern, die sich auch öffentlich bekannten, zählt der Pädiater Werner Catel, einer der Protagonisten der „Kindereuthanasie“. In Erlangen wurde sein Wirken zusammen mit dem seiner Mitarbeiterin Hannah Uflacker vorgestellt (Maike Rotzoll, Heidelberg/Christoph Beyer, München). Catel und Uflacker arbeiteten bis weit in die Nachkriegszeit zusammen. In seinem Buch „Leidminderung richtig verstanden“ verteidigte Catel noch 1966 „Euthanasie“ an „vollidiotischen Kindern“ als ärztlich gerechtfertigt. Uflacker lag auf derselben Linie. In einem (später eingestellten) Strafverfahren erklärte sie, der Arzt könne vor der Frage stehen, unheilbares Leiden zu verkürzen. Diese sei nicht juristisch zu beantworten, sondern ärztlich. So habe sie auch in der NS-Zeit gehandelt.

Zu Catels Buch über die „Leidminderung“ steuerte der renommierte Jurist Fabian von Schlabrendorff ein Vorwort bei. Schlabrendorff gehörte in der Nazizeit zum Widerstand konservativer Provenienz, ähnlich wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, und stieg in der Bundesrepublik zum Richter am Bundesverfassungsgericht auf. Er hielt Catel für einen geheimen Widerständler, in der Euthanasiefrage stand er ihm nahe.

Kümmern um Kriegsverurteilte

Vom Zusammenspiel eines Theologen aus dem Widerstand mit einem KZ-Täter berichtete in Erlangen Nicholas Williams (Mainz). Hans Stempel, Präses, später Kirchenpräsident in der Pfalz, kümmerte sich nach dem Krieg im kirchlichen Auftrag um „Kriegsverurteilte“. Nicht nur geistlich, er leistete auch stille Hilfe bei der vorzeitigen Entlassung seiner Schäflein, unter ihnen Otto Bickenbach. Bickenbach hatte im KZ Natzweiler-Struthof Versuche mit Phosgen durchgeführt, über 50 Häftlinge starben daran. Nach dem Krieg saß er deswegen in Frankreich ein. Stempels Betreuung von Bickenbach wirkt heute erstaunlich, weil er, Stempel, in der Nazizeit der Bekennenden Kirche angehört hatte. Solche Bemühungen hätten indes, so Williams, in den 1950er-Jahren einem weitreichenden gesellschaftlichen Konsens entsprochen.

Auf ein bislang wenig erschlossenes Terrain führte Katharina Trittel, Göttingen. Sie befasste sich mit der verschworenen Gemeinschaft der Flugmediziner der Wehrmacht. Trittel hat über sie eine kollektivbiografische Studie geschrieben, in deren Mittelpunkt Hermann Rein steht, in der aber auch das Berufs- und Elitenverständnis dieser Gruppierung untersucht wird. Der Münchener Ableger der Versuchsanstalt für Luftfahrt führte an Häftlingen des KZ Dachau quälende Versuche zum Höhen- und Kälteverhalten durch; diese wurden auch beim Nürnberger Ärzteprozess verhandelt. Ihre Taten gaben die Täter zu, die Menschenversuche rechtfertigten sie aber damit, so Trittel, dass man im Einvernehmen mit der gesamten Ärzteschaft gehandelt habe. Für Exzesse habe man die SS verantwortlich gemacht, während sie als Flugmediziner der „reinen Wissenschaft“ verpflichtet gewesen seien und der „sauberen Wehrmacht“ angehört hätten. Die Flugmediziner kamen nach dem Krieg glimpflich davon. Rein zählt zu den Mitgründern der Max-Planck-Gesellschaft. Siegfried Ruff, der an den Dachauer Versuchen direkt beteiligt war, betätigte sich als Arzt bei der Lufthansa. Hubertus Strugholt avancierte in den USA zum „Vater der Weltraummedizin“, man fühlt sich an Wernher von Brauns wundersame Karriere erinnert.

Mythos faschistenfreie DDR

Kontinuitäten gab es nicht nur in West- sondern auch in Ostdeutschland. Sie fielen aber selten auf. Die Staatsmacht versuchte, bekannt gewordene Fälle intern zu regeln, um den Mythos, die DDR sei faschistenfrei aufrechtzuerhalten. Im Fall des Kurt Heißmeyer, der im KZ Neuengamme Häftlinge mit Tbc-Erregern infiziert hatte und in der DDR ungehindert als Tuberkulose-Spezialist praktizierte, gelang das nicht. Heißmeyer war durch einen Artikel in einem Blatt aus dem Westen, dem „Stern“, aufgeflogen. Man machte ihm notgedrungen in Magdeburg den Prozess und schickte ihn lebenslänglich nach Bautzen. Markus Wahl, Stuttgart, der auf diesen und auch einige weniger bekannte DDR-Fälle hinwies, wartete in Erlangen vor allem mit einer aufschlussreichen Statistik auf. Aus Akten der Stasi und des Westberliner Vereins unabhängig-freiheitlicher Juristen gewann er eine Stichprobe von 128 Ärzten und untersuchte, ob und wie viele dieser Ärzte zunächst dem NS und später der DDR verbunden waren. Wahls Stichprobe zufolge hat die Hälfte der ärztlichen SED-Mitglieder zuvor einer NS-Organisation angehört, der Anteil bei den „bürgerlichen“ Blockparteien lag sogar bei fast neunzig Prozent.

Manche widersetzten sich

Es gab Ärzte, die ihren Handlungsspielraum nutzten und sich der „Euthanasie“ widersetzten. Der wohl bekannteste ist der Göttinger Psychiater und Klinikchef Gottfried Ewald. Seine eugenischen Auffassungen entsprachen durchaus dem Zeitgeist. Er war ein gefragter Sterilisationsgutachter. Doch bei der „Euthanasie“ machte er nicht mit, nachdem er bei einem Besuch der T4-Zentrale 1940 in Berlin erfahren hatte, was von ihm erwartet wurde. Ewald gelang es, aus vier „Transportlisten“ mit insgesamt 367 Patienten, die für die „Euthanasie“ vorgesehen waren, 129 herauszunehmen, die verbleibenden wurden indes „übergeführt“. Ein zwiespältiger Erfolg. Dennoch, Karl-Heinz Leven sprach in Erlangen von einer Leistung Ewalds, vergleichbar nur Franz Büchners Protest. Der Freiburger Pathologe hatte sich 1941 öffentlich gegen das Euthanasieprogramm der Nazis gewandt. Während Büchner in Freiburg einen Alleingang riskierte, bewegte sich Ewald in einem „eu-thanasiekritischen Umfeld“, zumindest auf seine Oberärzte hatte er sich verlassen können (Susanne Ude-
Koeller, Erlangen).

Auf der Anklagebank: Die Ärzte Otto Bickenbach (vorne Mitte) und Eugen Haagen (vorne links) müssen sich vor dem Militärgericht in Metz für ihre Menschenversuche verantworten. Foto: dpa
Auf der Anklagebank: Die Ärzte Otto Bickenbach (vorne Mitte) und Eugen Haagen (vorne links) müssen sich vor dem Militärgericht in Metz für ihre Menschenversuche verantworten. Foto: dpa

Keine Pseudo-Wissenschaft

Folgt man der Erlanger Tagung, so bewegten sich die Medizintäter durchweg in der Mitte der Gesellschaft. KZ-Ärzte wie Josef Mengele oder Claus Schilling galten als ernsthafte, wenn auch fanatische Forscher. Das sei keine Pseudo-Wissenschaft gewesen, bestätigte Paul Weindling (Oxford). Schillings Ergebnisse zum Beispiel seien in angesehenen Zeitschriften veröffentlicht worden; er hatte einen Ruf als Tropenmediziner und leitete lange die entsprechende Abteilung des Robert Koch-Instituts (RKI), ehe er sich auf seine alten Tage im KZ Dachau betätigte. Unterstützt, wenn nicht gar ermöglicht wurde eine solche „Selbstmobilisierung der Wissenschaftler“ (um diesen Begriff aus einem Aufsatz von Annette Hinz-Wessels und Marion Hulverscheid über die RKI-Tropenmediziner zu nehmen) von ihren wissenschaftlichen Institutionen. Diese taten sich lange schwer damit, ihre und ihrer Mitglieder Rolle im NS zu thematisieren. Die Rede war bis weit in die 1960er-Jahre hinein von „wenigen Einzeltätern“. Das hat sich gründlich geändert. Heiner Fangerau, Düsseldorf, sprach in Erlangen von einer „Aufarbeitungskonjunktur“, beginnend mit dem Deutschen Ärztetag 1989. Der Münsteraner Medizinhistoriker Richard Toellner nannte es damals eine schwere Last, die die Ärzte im Dritten Reich „für jetzt und in alle Zukunft“ hinterlassen haben. Seitdem begannen die Fachgesellschaften, so Fangerau, „sich der Last bewusst zu werden.“ Die Aufarbeitung geht über die Fachgesellschaften hinaus. So hat auch das RKI seine Verwicklungen durch Berliner Medizinhistoriker untersuchen lassen (veröffentlicht 2008), ein Disput bei der Tagung machte darauf aufmerksam.

Opfern ein Gesicht geben

Bei der Täterforschung stehen unweigerlich die Täter im Mittelpunkt, während der Opfer eher pauschal gedacht wird. Gerade bei den Opfern medizinischer Versuche, bei den zwangsweise sterilisierten, den zum Tode bestimmten Psychiatriepatienten ist es freilich nicht einfach, ihnen ein Gesicht zu geben. Immerhin, Petra Fuchs, Gerrit Hohendorf et. al. unternahmen das bereits 2007 mit einem aus Patientenakten zusammengestellten „Lesebuch“. Ansonsten bleibt Statistik. So auch bei der Erlanger Tagung, wenngleich redlich versucht wurde, „den Zusammenhang von Täter- und Opfergeschichten zu besprechen“ (Fritz Dross, Erlangen). Paul Weindling, der das Thema in seinem Buch „Victims and Survivers of Nazi Human Experiments“ (London 2015) ausführlich behandelt hat, sprach in Erlangen von 12 919 Patienten, die bei Versuchen in den Konzentrationslagern starben, die meisten in Auschwitz, Dachau und Mauthausen. Die Gesamtzahl derer, mit denen experimentiert wurde, also einschließlich der Überlebenden, dürfte weitaus höher liegen. Weindling schätzt sie (an anderer Stelle) auf 27 000. Doch das ist, statistisch gesprochen, nur eine Teilgröße. Die Zahl der Anstalts-patienten, die in der Gasmordaktion T4 ermordet wurden, durch Überdosierung von Medikamenten und durch Nahrungsentzug starben, bezifferte Rauh mit 300 000, die der Zwangssterilisierten mit 350 000. Was hinter solchen Zahlen steckt, lässt eine Statistik der Todesursachen aus der Anstalt Eglfing-Haar erahnen. Sie geht auf die Prosectur der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie zurück, deren Tätigkeit Medizinhistoriker der TU München gerade nachgehen. In Eglfing-Haar kamen zwischen 1939 und 1945 demnach 1 321 Patienten zu Tode. Bei 200 besteht der Verdacht, dass sie durch Medikamente getötet wurden, 192 sind mutmaßlich verhungert, 166 kamen durch Vernachlässigung, 113 mutmaßlich durch Vernachlässigung zu Tode, 102 starben durch Vernachlässigung oder Medikamente. Die verbleibenden starben eines natürlichen Todes, was immer darunter zu verstehen ist.

Bleibt die alte Frage, ob Täterforschung präventiv wirken kann. Eine Tagungsteilnehmerin erhofft sich von der gruppenbiografischen Methode zumindest, „die Rahmenbedingungen, die Täter zu Tätern machen“ kennenzulernen und so „eine Grundlage dafür zu haben, dass solche Verbrechen nicht mehr passieren.“ Norbert Jachertz

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