ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2019Interview mit Dr. phil. Jens Tiedemann, Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut: „Die Schambearbeitung ist eine heikle Balanceleistung“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. phil. Jens Tiedemann, Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut: „Die Schambearbeitung ist eine heikle Balanceleistung“

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 216

Britten, Uwe

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Das psychotherapeutische Setting ist prädestiniert dafür, auch auf jene Themenbereiche zu stoßen, die von den Klientinnen und Klienten als zutiefst peinlich empfunden werden. Das Herantasten an diese Themen bedarf viel Fingerspitzengefühls.

In Psychotherapien kommt es regelmäßig zu Situationen, die für den Klienten peinlich und sogar heftig beschämend sind. Wie sieht dann Ihre erste Reaktion aus?

Jens Tiedemann ist analytischer und psychodynamischer Psychotherapeut und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Schamgefühlen. Von ihm erschien das Buch „Scham“ im Psychosozial-Verlag. Foto: privat
Jens Tiedemann ist analytischer und psychodynamischer Psychotherapeut und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Schamgefühlen. Von ihm erschien das Buch „Scham“ im Psychosozial-Verlag. Foto: privat
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Jens Tiedemann: Die erste innere Reaktion ist, dass häufig auch ich selbst peinlich berührt bin. Scham ist ja ein sozial hoch ansteckender Affekt. Als Nächstes versuche ich natürlich, gemeinsam mit dem Patienten zu erforschen, warum mit dem, was er gerade erzählt hat, ein so hohes Maß an Scham verbunden ist.

Woran spüren Sie denn schambesetzte Szenen?

Tiedemann: Es gibt sowohl verbale als auch nonverbale Anzeichen dafür. Die Person kann sich plötzlich wegdrehen oder es kann ein eindeutiger Tonusverlust des Körpers auftreten. Manche bedecken das Gesicht – das ist ja ein ganz offensichtliches Zeichen von Scham. Die Mimik kann einfrieren, die Stimme flach werden. Wieder andere erstarren aber auch körperlich und mimisch.

Gibt es besonders schamanfällige Personen?

Tiedemann: Natürlich gibt es die. Introvertierte Personen haben grundsätzlich eine größere Angst, bloßgestellt zu werden – und Scham bedeutet ja, dass wir uns bloßgestellt fühlen. Jeder Mensch hat allerdings bestimmte Bereiche, für die er sich schämt. Diese Themenfelder sind kulturbedingt und lebensgeschichtlich entstanden.

All das taucht ja in Psychotherapien stärker auf als im Alltag, denn der Patient muss sich mit jenen Themen zeigen, mit denen er nicht gut umgehen kann und mit denen er sich defizitär erlebt. Das heißt, er hat ein Ideal von sich selbst, dem er nicht entspricht oder nicht zu entsprechen glaubt. Diese Diskrepanz möchten wir vor anderen am liebsten immer verstecken. Pathologisch wird es dann, wenn die Scham so groß ist, dass sie zu massivem Vermeidungsverhalten führt, zu dauerhaftem Rückzug aus den sozialen Bezügen, wenn es zu depressiven Reaktionen kommt, zu sozialen Phobien, zu Suchterkrankungen.

Wie gelingt es, das Schamgeschehen zwischen Therapeut und Klient zu „deeskalieren“?

Tiedemann: Als Allererstes mit Taktgefühl. Jeder Therapeut sollte über ein Taktgefühl dafür verfügen, was er wann und wie mit dem Patienten besprechen kann. Er sollte spüren, wann da etwas tief schambesetzt ist. Damit verbunden ist, dass wir uns Zeit nehmen müssen, denn wir müssen, um so etwas gründlich ansprechen zu können, eine vertrauensvolle und verlässliche Beziehung zum Patienten aufbauen. Neben der Zeit ist eine als hilfreich erlebte therapeutische Beziehung ein anderer wichtiger Faktor. Die Atmosphäre zwischen Therapeut und Patient darf außerdem nicht davon geprägt sein, dass Ersterer eine kritische Autorität ist, denn dann wird er schnell zu einem, der gesellschaftliche und kritische Werte repräsentiert. Wir brauchen eine sehr vertrauensvolle Atmosphäre und müssen uns verdeutlichen, dass allein schon die Tatsache, dass wir uns schämen, beschämend ist. Man kann das „sekundäre Scham“ nennen. Dieser Teufelskreis ist nicht so leicht zu durchbrechen.

Wie wirkungsvoll ist es, das Schamhafte in einer Situation direkt anzusprechen?

Tiedemann: Oh, das kann in beide Richtungen gehen. Wenn jemand beispielsweise eine soziale Phobie hat und wir sagen, dass dieser Rückzug daher zu rühren scheint, dass sich die Person für ganz vieles schämt, dann kann das unter Umständen sofort eine große Erleichterung darstellen – endlich hat man einen Namen für dieses diffus-ängstigende Gefühl. Da es aber eben die sekundäre Scham gibt, kann es auch sein, dass man allzu sehr mit der Tür ins Haus fällt und den Patienten jetzt erst recht beschämt.

Das therapeutische Taktgefühl bedeutet eben, dass wir es akzeptieren müssen, wenn sich der Patient einen Schutzwall zugelegt hat oder bestimmte Abwehrmechanismen, wie immer wir es nennen wollen. Wir müssen das respektieren können, aber an manchen Stellen müssen wir natürlich auch konfrontieren. Die Schambearbeitung ist eine heikle Balanceleistung.

Es gibt das Phänomen, dass sich vergewaltigte Frauen oder Personen mit anderen Gewalterfahrungen für das Erlebte schämen und es zu verschweigen versuchen. Wofür genau schämen wir uns dann eigentlich?

Tiedemann: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Diese Personen schämen sich nämlich oft nicht nur, sie fühlen sich sogar schuldig. Bei sexueller Gewalt kann eine Rolle spielen, dass man befürchtet, die anderen könnten glauben, man habe den Täter dazu sogar erst verleitet. Paradoxerweise empfindet dann das Opfer die Scham und das Schuldgefühl, die der Täter nicht empfindet und empfinden kann. So etwas therapeutisch zu bearbeiten, kann sehr lange dauern und ist für den Betreffenden oft ein sehr schmerzhafter Prozess des Auf- und Durcharbeitens.

Eine zweite Scham, die oft zuerst unerkannt bleibt, ist die, sich zu schämen dafür, dass man sich völlig abhängig an eine andere Person klammert.

Tiedemann: Ja, das ist eine der größten Quellen von Scham. Ich nenne sie „Abhängigkeitsscham“. In unserer Gesellschaft werden die Werte Autonomie und Selbstständigkeit so hoch gehängt, dass diese Bedürfnisse nach vertrauensvoller Abhängigkeit, gerade in intimen Beziehungen, sehr beschämend erlebt wird. Solche Regungen werden als lächerlich oder kindisch bezeichnet, auch von den Betreffenden selbst. Es ist peinlich als erwachsener Mensch, sich von einem anderen so abhängig zu fühlen. Abhängigkeitssehnsüchte haben wir aber alle, sonst würden wir gar keine intimen Beziehungen eingehen, aber häufig werden sie subjektiv als „kindlich“ oder „unreif“ bewertet.

Wie gehen Sie mit sich selbst um, wenn Sie merken, dass die Atmosphäre plötzlich sehr schamhaft wird?

Tiedemann: Es kommt darauf an. Vieles ist abhängig von der therapeutischen Beziehung. Zuerst findet diese „Ansteckung“ statt, von der ich schon sprach. Dadurch muss ich mich mit meiner eigenen Schamempfindung konfrontieren. Warum steckt mich das an? Ich denke auch im Stillen zunächst darüber nach, welche Rolle mir dabei vom Patienten unbewusst zugedacht wurde: Bin ich potenziell auch Beschämer, Zeuge oder womöglich Richter? Dann ist es wichtig, viel für die aktuelle Atmosphäre zu tun, um über die Scham sprechen zu können. Ich muss dem Patienten signalisieren, dass das Thema oder sein Erleben gar nicht so verachtenswert ist, wie er es erlebt.

Gibt es eine Angst des Therapeuten vor der Scham?

Tiedemann: Ja, ich glaube, dass es so etwas gibt. Es gehört zu unserem Beruf, neugierig zu sein auch noch auf Themenfeldern, die sehr heikel sind, um uns dann damit zu beschäftigen. Da stoßen wir natürlich auf Dinge, die auch für uns selbst plötzlich große Schamgefühle aktivieren, denn auch wir würden die nur höchst ungerne von uns selbst preisgeben. Der Patient drückt also in der Therapie etwas stellvertretend für uns aus – eine Art von „projektiver Mitbefriedigung“ sozusagen. Da kann auch uns selbst schon mal warm werden.

Unsere eigene Neugierde kann also durchaus verbunden sein mit einer Schamangst. Natürlich wissen wir, dass uns in der Therapie nichts Menschliches fremd sein sollte, aber eine entsprechende subjektive Erfahrung ist ja noch mal etwas anderes. Auch wir sind Menschen mit jeweils eigenen, biografisch begründeten Schambereichen, mit denen wir uns auch nur ungern beschäftigen.

Muss es einem Therapeuten peinlich sein, wenn er merkt, dass er plötzlich selbst rot wird im Gesicht?

Tiedemann: Uns muss gar nichts peinlich sein. Es kommt doch auch vor, dass Therapeuten weinen, weil sie so berührt sind von dem, was Patienten erzählen, oder Patienten erleben uns mit einem Missgeschick, einem Versprecher, einer Fehlleistung, einem wie auch immer gearteten Gefühlsausbruch. Die Frage ist ja eher, wie wir damit umgehen. Möglicherweise ist es sogar für den Patienten hilfreich, weil der Therapeut mit dieser Reaktion zum Modell wird. Übrigens kann das auch vor einer Idealisierung des Therapeuten durch den Patienten schützen. Der Schamausdruck des Therapeuten kann also sehr viel Entlastendes mit sich bringen.

Besteht die Gefahr, dass ein Klient die Therapie abbricht, weil die Entblößung vor dem Therapeuten zu groß war?

Tiedemann: Ganz entschieden: Ja! Manchmal hat der Therapeut den Moment gar nicht erkannt, wann er die Schamanfälligkeit des Patienten überschritten hat. Dann beginnt der Patient sich zurückzuziehen: Er kommt plötzlich häufig zu spät zum Termin, lässt Stunden ganz ausfallen oder bricht komplett ab und „verschwindet“. Wenn so etwas passiert, versuche ich immer, das, was da als krisenhafte Zuspitzung passiert ist, als eine Chance zu betrachten, die genutzt werden kann für die therapeutische Beziehung, um gemeinsam zu verstehen, was da passiert ist. In der Regel klappt es auch, ein abschließendes Gespräch mit dem Patienten führen zu können. Es kann zu der wichtigsten Sitzung des Therapieprozesses werden, wenn so etwas gemeinsam überstanden wird. Im Chinesischen ist das Wort „Krise“ aus zwei Schriftzeichen zusammengesetzt: eines für „Gefahr“, eines für „Chance“.

Das Interview führte Uwe Britten

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