ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2019Ethikkommissionen in der Psychotherapie: Wider die Sittenwächter der fanatischen Art

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Ethikkommissionen in der Psychotherapie: Wider die Sittenwächter der fanatischen Art

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 218

Moser, Tilmann

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Abstinenz in Psychotherapie und Psychoanalyse ist ein wichtiges Gut, über das zunehmend Ethikkommissionen zum Schutz der Patienten wachen. Der orthodoxe Kanon der Normen sollte jedoch überdacht werden. Ein dramatischer Einzelfall gibt Anlass für einen Standpunkt.

Berührungen sind in Psychoanalysen im orthodoxen Sinne verboten. Foto: Katarzyna Bialasiewicz/iStock
Berührungen sind in Psychoanalysen im orthodoxen Sinne verboten. Foto: Katarzyna Bialasiewicz/iStock

Alle psychoanalytischen Zünfte und Verbände haben wegen der Bedrohung der für Patienten wichtigen Moral und Abstinenz in Therapien Kommissionen eingerichtet mit strengen Maßstäben des Zulässigen an Haltung, Sprache, Aktivität, Trost und Verwöhnung, Anklage und sogenanntem Gegenagieren. Letzteres nämlich dann, wenn die Heilkünstler nicht zurechtkommen mit dem oft provozierendem Agieren ihrer Patientinnen und Patienten oder dem Ausmaß ihrer seelischen Not. Es ist seither viel geschehen, es gibt Vertrauensleute, an die sich Patienten bei realem oder drohendem Missbrauch mit Klagen und Anzeigen gegen sexuelle, emotionale, finanzielle und narzisstische Ausbeutung wenden können. Es wurden schon mehrfach Verfehlungen angegangen oder bestraft, im Extremfall durch Ausschluss oder Hilfe bei juristischen Anzeigen. Drohende Katastrophen konnten aufgefangen werden, durch Beratung, Supervision, Ermahnung und Warnungen an pflichtvergessene Kollegen. Das alles hat aber nicht verhindern können, dass einige Ausbildungsinstitute geradezu verseucht waren durch den schamlosen Missbrauch sogar von leitenden Personen, die zu lange geschützt wurden durch höriges oder ängstliches Schweigen.

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Kanon der Normen

Über alle Psychotherapeuten und Analytiker wacht seit 15 Jahren der „Verein für Ethik in der Therapie“ mit einem Maßnahmenkatalog gegen mögliche Verirrungen. Verdienstvolle Tagungen schärfen das Gewissen der Teilnehmer für Abweichungen von der strengen orthodoxen Norm des Zulässigen in Behandlungen. Das Problem ist der Kanon der Normen, der von den Verbänden mit unterschiedlichen, aber meist klaren Definitionen gehandhabt wird. Verboten sind vor allem immer noch Berührungen, das Eingehen von Liebesbeziehungen auch nach Abschluss einer Behandlung, mit unterschiedlichen Jahreszahlen von notwendiger Abstinenz. Denn es darf zu Recht angenommen werden, dass die Übertragungsbeziehung noch lange nach dem Abschluss der Analyse anhalten kann und den oder die Patientin aus nachhallender Liebe verführbar macht, ebenso den Therapeuten für eine fortdauernde Werbung, Bewunderung und Dankbarkeit.

Jeder Psychotherapeut und Analytiker ist der Muster-Berufsordnung (MBO) der Bundes­psycho­therapeuten­kammer verpflichtet. § 3 „Allgemeine Berufspflichten“ besagt unter anderem, die Autonomie der Patientinnen und Patienten zu respektieren und Schaden zu vermeiden. § 6 der MBO macht darüber hinaus detaillierte Vorgaben zur Abstinenz (siehe Kasten).

Jeder Patient hat das Recht, seinen Therapeuten auf Zuverlässigkeit, Abstinenz und Unverführbarkeit zu beobachten und zu testen. Das Unglück dabei ist, dass viele Patienten dazu gar nicht fähig sind, aus mangelnder affektiver Übung, Angst vor dem Verlust der Beziehung, wenn sie Zweifel oder Kritik äußern, drohendem Unmut oder verschärften Deutungen. Ein Grund kann auch sein, dass sie in der Übertragung inzwischen blind und von unstörbarem Vertrauen geschlagen sind, bis zum oft bitteren Ende. Es gibt warnende Bücher, theoretische oder drastische biografische Erlebnisberichte über die jahrelang oder lebenslang anhaltenden Folgen der möglichen Katastrophen.

Freud und Jung keine Vorbilder

Inzwischen sind auch die Regeln gegen die publizistische Verwendung von „Fallmaterial“ verschärft worden: Neben einer gründlichen Anonymisierung ist eine schriftliche Zustimmung erforderlich für einen zum Gegenlesen überreichten Text. Diese Strenge erweist sich einerseits als Schutz gegen schmerzliche Indiskretion, andererseits wirkt sie extrem forschungsfeindlich, weil sie die textliche Exemplifizierung von wichtigen neuen Überlegungen und Entdeckungen über Jahre erschweren kann. Sigmund Freud und Carl Gustav Jung waren in ihren Berichten nicht sehr zuverlässig, wenn nicht sogar nonchalant. Freuds „Novellen“, wie er sie zum Teil nannte, wurden zum Gegenstand intensiver Nachforschungen und Nachbehandlungen der betroffenen Patienten. Beide können uns also nicht als korrekte Vorbilder dienen, und doch hatten sie den Vorzug, die Wissenschaft voranzutreiben oder als in Seminaren endlos wiedergekäutes Unterrichtsmaterial zu dienen.

Über allen möglichen Ermahnungen, Angriffe, Verdächtigungen und Verleumdungen schwebt immer noch der zornige bis vernichtende Blitzstrahl von Thea Bauriedl aus dem Jahr 1998 gegen mich und andere Sünder einer längst erweiterten körpertherapeutischen Abstinenz mit dem Titel: „Ohne Abstinenz stirbt die Psychoanalyse“ (1). Für sie bleibt Berührung in der Analyse gefährlich und verwerflich: „Bei Kollegen und Kolleginnen, die körperliche Berührungen … mit ihren Patienten für die Methode der Wahl ansehen, ist solches Unrecht in den seltensten Fällen zu erwarten.“ Ich und andere Analytiker, die ihr Instrumentarium und ihr Setting längst durch berührende Einbeziehung des Körpers erweitert haben, wären also der Tötung schuldig geworden.

Nun erreichte mich per Mail der Notruf eines bedeutenden und bisher untadeligen Lehranalytikers und Dozenten, der meinen Rat suchte: Kollege S. Vor einem halben Jahr habe eine Lehranalysandin nach langer Arbeit völlig überraschend die Analyse abgebrochen und ihn der „Grenzverletzungen“ beschuldigt. Gegenstand der Anklage war, dass er in den ersten Monaten der Analyse einige Male für etwa fünf Minuten ihre Hand gehalten habe, weil sie auf ihn „schrecklich einsam wirkte“. Später hätten sie sich dann mehrfach vor langen Wochenenden oder vor dem Urlaub mit einer Umarmung verabschiedet, ferner habe er für sie, die als Psychotherapeutin in Ausbildung praktisch kein Geld verdiente, das Honorar gesenkt. All dies habe verschiedene Gremien seines Instituts und seiner Fachgesellschaft derart aufgebracht, dass ihm in seinem Institut die Lehrbefugnis entzogen wurde, mit der Konsequenz, dass er alle Lehranalysen und Supervisionen abbrechen musste. Ferner habe das Institut per Mail an alle Mitglieder eine Einladung zu einer Versammlung geschickt mit dem einzigen Tagesordnungspunkt „Ausschluss von Kollegen S. wegen gravierender Abstinenzverletzungen“. Jeder habe daraufhin annehmen müssen, dass er eine eine sexuelle Beziehung mit der Analysandin gehabt habe, was diese aber gar nicht behauptet habe.

Keine Einsicht in die Anklage

Der Betroffene zeigte sich in der Mail sehr verärgert über „die verfolgerische und entwertende Haltung“ der Kollegen. Die Ethikkommission seiner Fachgesellschaft habe ihm mitgeteilt, sein Verhalten „beschädigt das Ansehen des Instituts, der Fachgesellschaft und der psychoanalytischen Gesamtheit“. Trotz dringlicher Bitten habe er nicht in das Protokoll einsehen dürfen, in dem seine ehemalige Analysandin ihre Vorwürfe darlegt.

In einem solchen extremen aber noch gar nicht untersuchten Anklagefall hat es, auch international, schwere Depressionen gegeben, sogar Suizidversuche und Selbsttötungen. Wut und Leid des diffamierten Kollegen sind einfühlbar und verständlich. Das aggressive und vorurteilsbehaftete Klima innerhalb der orthodoxen Zunft sind bekannt, aber es scheint noch Steigerungen zu geben, mit Einschluss der angestrebten beruflichen Vernichtung. Es ist zu hoffen, dass der Kollege, wenn er sich zur Offenlegung des Falles entschließen kann, damit eine Wende in der rigide gehandhabten, längst überholten Abstinenz in Gang setzt. In der Folge ist zu erhoffen, dass die analytische Kompetenz im Umgang mit Patienten erweitert wird, die auf die herkömmliche Weise oft gar nicht erreicht werden können.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2019; 17 (5): 218–20

Anschrift des Verfassers:
Dr. phil. Tilmann Moser,
Aumattenweg 3, 79117 Freiburg,
tilmann.moser@gmx.de

Regeln zur Abstinenz in der Psychotherapie

Auszug aus § 6 Abstinenz der Musterberufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer:

(1) Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben die Pflicht, ihre Beziehungen zu Patientinnen und Patienten und deren Bezugspersonen professionell zu gestalten und dabei jederzeit die besondere Verantwortung ihnen gegenüber zu berücksichtigen.

(2) Sie dürfen die Vertrauensbeziehung zu Patientinnen und Patienten nicht zur Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse missbrauchen.

(4) Psychotherapeuten sollen außertherapeutische Kontakte zu Patienten auf das Nötige beschränken und so gestalten, dass eine therapeutische Beziehung möglichst wenig gestört wird.

(5) Jeglicher sexuelle Kontakt von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu ihren Patientinnen und Patienten ist unzulässig.

(7) Das Abstinenzgebot gilt auch für die Zeit nach Beendigung der Psychotherapie, solange noch eine Behandlungsnotwendigkeit oder eine Abhängigkeitsbeziehung des Patienten zum Psychotherapeuten gegeben ist. Die Verantwortung für ein berufsethisch einwandfreies Vorgehen trägt allein der behandelnde Psychotherapeut. Bevor private Kontakte aufgenommen werden, ist mindestens ein zeitlicher Abstand von einem Jahr einzuhalten.

1.
Bauriedl T: Ohne Abstinenz stirbt die Psychoanalyse. Forum Psychoanal 1998; 14: 342–63.
1.Bauriedl T: Ohne Abstinenz stirbt die Psychoanalyse. Forum Psychoanal 1998; 14: 342–63.

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