ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2019Geburtserfahrungen: Plädoyer für einen sensibleren Weg in Leben

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Geburtserfahrungen: Plädoyer für einen sensibleren Weg in Leben

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 234

Dreeskornfeld, Anita

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Lebenswege unter dem Einfluss der Geburtsverläufe sind die Themen in diesem Buch. Die Herausgeberin Inés Brock versammelt Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen der Geburtsvorbereitung, Medizin, Psychologie, Psychoanalyse und gibt einen umfassenden Blick in diesen sensiblen wie aufregenden Bereich. Mit überraschenden Ergebnissen: zum einen ist die Forschung in diesem Bereich noch immer in den Kinderschuhen; zum anderen weist sie Vielschichtigkeit auf, wie weit sich Geburt vom natürlichen Prozess entfernt hat und vielmehr Teil einer Maschinerie geworden ist. Und es ist gleichzeitig ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass sich dieser sensible Weg in das Leben verändern muss.

Teil 1 des Buches widmet sich dem Geburtserleben als solches. Aufwühlend wirkt ein Interview mit Petra Chluppka, die 1979 ihre Ausbildung zur Hebamme absolviert hat. Sie beschreibt das Prozedere „programmierter“ Geburten, die sich nach Schichtwechsel und Kreißsaalzuständigkeiten zu richten haben. Einen respektvollen Kontrast dazu bilden ihre Erfahrungen mit dem alten Wissen einiger Hebammen.

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Ludwig Janus richtet den psychoanalytischen Blick auf einen historischen Abriss der Mutter-Kind-Beziehung. Er fasst zusammen, dass wir von der Geburt an basale Prägungen für unser Fühlen und unsere Handlungsdispositionen erleben.

Geburtserfahrungen prägen das Leben, so der zweite Teil des Buches. Einem Tabu nähert sich darin die Soziologin Christina Mundlos, indem sie sich mit dem Gewalterleben von Müttern unter der Geburt annähert. Schonungslos richtet sie den Blick auf die bestmögliche Raumauslastung bei der Geburt, wo schon mal ein Vorgang beschleunigt werden darf, damit der Zeitplan eingehalten wird. Verunsicherte Gebärende werden so entgegen ihrer intuitiven Gefühle gelenkt.

Die Psychoanalytikerin Renate Hochauf lässt Einblicke in die psychotherapeutische Praxis zu, innerhalb derer die Behandlung Erwachsener unmittelbar mit deren Geburtserfahrung in Beziehung gebracht wird. Die Gefahren der strukturellen Unreife zu Zeiten von Vorgeburt und unmittelbar nach der Geburt werden innerhalb dieser Fallbeispiele deutlich.

Teil 3 des Buches widmet sich der Heilung und Prävention. Franz Ruppert, Professor für Psychologie, führt in das psychische Erleben und dessen Folgen bei intrauterinen Erfahrungen von „Unerwünschtheit“ ein. Er beschreibt die Überlebensmechanismen des werdenden Menschen in seiner ersten heimatlichen Umgebung: der Gebärmutter. Um diese frühen Traumata zu verarbeiten, weist er in die identitätsorientierte Traumatherapie ein.

Inés Brock spricht sich in einem Aufsatz deutlich für die Implementierung des Geburtserlebens in der Psychotherapie aus. Basis dessen sind Untersuchungen, die die Folgen und Risiken von Kaiserschnittgeburten aufweisen. Sie gibt Empfehlungen, mit Hilfe dessen eine vertiefte Anamnese in die psychotherapeutische Arbeit integriert werden kann.

Psychische Folgen von Kaiserschnittgeburten lassen sich mit Hilfe von prä- und perinatal basierter Spieltherapie bearbeiten. Die systemische Kinder- und Jugendtherapeutin Ilka-Maria Thurmann beschreibt das diagnostische Vorgehen und das Erarbeiten von Heilungsmustern für unterschiedliche Altersgruppen.

Alles in allem ist das Buch ein leidenschaftliches, das dem Wunsch Nachdruck verleiht, dass unsere Gesellschaft eine Sensibilität entwickelt für die Bedeutung dieses Weges ins Leben. Anita Dreeskornfeld

Inés Brock (Hrsg.): Wie die Geburtserfahrung unser Leben prägt. Perspektiven für Geburtshilfe, Entwicklungspsychologie und die Prävention früher Störungen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, 245 Seiten, kartoniert, 26,90 Euro

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