ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2019Literarische Orte: Liebeskrank in Jedburgh

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Literarische Orte: Liebeskrank in Jedburgh

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 236

Jachertz, Norbert

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Maria Stuart verrennt sich in eine Affäre mit dem Abenteurer Bothwell. Doch sie kann nicht anders, sagt Stefan Zweig.

Foto: picture alliance
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Die Kleinstadt Jedburgh liegt in den Scottish Borders, dem Grenzgebiet zu England. Englische Truppen haben die Gegend immer wieder heimgesucht, bis schließlich Schottland ins Vereinigte Königreich eingegliedert wurde. In dieser gezeichneten Grenzstadt machte Anfang Oktober 1566 die schottische Königin Maria Stuart (1542 bis 1587) Station. Die junge Frau kam von Holyrood Castle, ihrem finsteren Wohnsitz in Edinburgh. Wie immer zu Pferde. In Jedburgh wollte sie zu Gericht sitzen und damit das Vorrecht der Königin wahrnehmen. Ein Zeichen ihrer Emanzipation. Sie war zwar seit fünf Jahren Mary, Queen of Scots, doch das Regieren besorgte ihr Halbbruder James, der erfahrene und verschlagene Earl of Morey. Dieser verfolgte einen Schaukelkurs zwischen englischen und schottischen Interessen, lavierte zwischen den rauflustigen Clans, deren intrigante Chefs gerne mal die Seiten wechselten. Solange sich Maria, die schöne und charmante Königin, aufs Repräsentieren und die Jagd beschränkte, stand sie über diesem Chaos. Man ließ sogar durchgehen, dass sie katholisch war, obwohl in Schottland die Reformation nach strenger Observanz praktiziert wurde.

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Marias Versuche, sich in dem schottischen Intrigantenstadel zu behaupten, schlugen fehl. Das lag nicht nur an den äußeren Umständen, sondern vor allem an ihr selbst, an der heillosen Liebe der wagemutigen und unbedachten Frau zu einem ihrer Gefolgsleute, James Hepburn, dem Earl of Bothwell. Das behauptet jedenfalls Stefan Zweig in seiner immer noch erhellenden Biografie der Maria Stuart.

Hermitage Castle: Die Burg in den Boarders ist Stammsitz des Earl of Bothwell. Dorthin eilt Mary, Queen of Scots, in halsbrecherischem Ritt, als sie von dessen lebensbedrohlicher Verletzung erfährt. Foto: stocksolutions/stock.adobe.com
Hermitage Castle: Die Burg in den Boarders ist Stammsitz des Earl of Bothwell. Dorthin eilt Mary, Queen of Scots, in halsbrecherischem Ritt, als sie von dessen lebensbedrohlicher Verletzung erfährt. Foto: stocksolutions/stock.adobe.com

Tiefer Blick in die Seele

Stefan Zweig (1881 bis 1942) war bereits ein erfahrener Biograf, als er im Oktober 1933 in London mit den Recherchen zu Maria Stuart begann. Die bis dahin vorliegenden Mary-Biografien, die die Schottenkönigin entweder verherrlichten oder verdammten, hatten ihn enttäuscht. Er wollte es besser machen. Auf seine Art. Mit der Verbindung von sorgfältig recherchierten Fakten und psychologischer Ausdeutung der Person. Der tiefe Blick in die weibliche Seele war geradezu eine, man könnte sagen: wienerische Spezialität von Stefan Zweig. Er kannte seinen Arthur Schnitzler und seinen Sigmund Freud. An Freud bewunderte Zweig „die unerschütterliche Art“, mit der er sich „in bisher unbetretene und ängstlich gemiedene Zonen der irdisch-unterirdischen Triebwelt“ vorgewagt habe. In diese Zonen wagte sich auch Stefan Zweig im Fall der Maria Stuart. 1934 reiste er auf deren Spuren durch Schottland. Mit von der Partie war seine Londoner Sekretärin und spätere Ehefrau, Lotte Altmann. Zwischen den beiden, er 52, sie 26, funkte es. Das mag Zweigs Recherche zu der gleichfalls jungen Schottenkönigin beflügelt haben.

Maria Stuart ist 23, als sie 1566 in Jedburgh eintrifft. Es ist ihr Schicksalsjahr. Sie hat schon einiges hinter sich, hat etliche Revolten überstanden, ihren Halbbruder James isoliert, ihrem Ehemann, Henry Darnley, die Mit-Regentschaft verweigert und nicht zuletzt: Sie hatte einen Thronfolger geboren. Der allzu junge Prinzgemahl – Lord Darnley war drei Jahre jünger als die Königin – hatte damit seine Schuldigkeit getan. Zudem hatte er einen unglaublichen Fehler begangen, war er doch an einem Mordkomplott beteiligt, das eine Clique von Clanchefs ausgeheckt hatte, um Marias Privatsekretär David Rizzio zu beseitigen. Den Lords war Rizzio zu einflussreich geworden, Darnley war eifersüchtig. Der Mord ging in Holyrood Castle, in Marias Privaträumen über die Bühne. Maria, bereits hochschwanger, musste dabei zusehen, der Gatte hielt sie fest. Umstritten ist, ob bei dem Komplott auch Maria kaltgestellt werden sollte, immerhin wurde sie von den Lords eingesperrt. Und jetzt kommt der Earl of Bothwell ins Spiel. Er sorgte dafür, dass Maria Holyrood Castle unbehelligt verlassen konnte.

Als sie in Jedburgh zu Gericht sitzt, milde, wie es heißt, ganz anders als Halbbruder James, liegen die Ereignisse von Holyrood erst wenige Monate zurück. Mord im März, Geburt im Juni. Der Gatte hat sich zu Papa nach Glasgow verzogen und geht auf die Jagd. Maria liebt inzwischen insgeheim Bothwell, so vermutet Zweig. Dieser ist um die 30, ein harter Mann vom Typ Condottiere. Er habe Maria genommen und sie sei entflammt, erläutert Stefan Zweig in einer kühnen Seelenanalyse. Er stützt sich dabei auf Briefe mit elf Sonetten, die Maria an Bothwell geschrieben haben soll. Entdeckt wurden sie in einer silbernen Kassette, in der Bothwell wichtige Papiere aufbewahrte. Über diese „Kassettenbriefe“ wird seit ihrer Entdeckung heftig gestritten: Echt oder fake? Stefan Zweig hält die Briefe für echt und begründet das höchst scharfsinnig. Wären sie nicht echt, fiele seine Argumentation, Maria sei spätestens seit Jedburgh Bothwell verfallen gewesen, in sich zusammen.

Weshalb seit Jedburgh? Auf ihrem Ritt in die Borders erfährt Maria, Bothwell sei bei einem Schusswechsel mit einem Wilderer verletzt worden und liege auf Leben und Tod in Hermitage Castle, seinem Stammsitz. Pflichtschuldig absolviert die Königin zunächst die Gerichtstage in Jedburgh, erst danach eilt sie ans Krankenlager, bleibt ein paar Stunden und reitet noch am selben Tage zurück. 50 Meilen, im Damensattel. Ein solcher Teufelsritt kann nur aus Liebe geschehen sein. Meint Stefan Zweig. Die geheime Liebe sei nun offen zutage getreten.

Zurück in Jedburgh versinkt Maria über Wochen in Krankheit. Ein Nervenfieber, urteilt Zweig. Als Indiz wertet er, dass Maria gesundet, als der wieder reitfähige Bothwell in Jedburgh auftaucht. Bei Marias ominöser Krankheit mögen tatsächlich psychische Momente mitgespielt haben. Krankheitsursache könnte aber auch ein akuter Anfall von Porphyrie gewesen sein. Die Erbkrankheit ist unter den Stuarts bis heute verbreitet und gilt bei Maria als gesichert.

Anschlag auf den Ehemann

Er wollte es besser machen: Stefan Zweig war mit den vorliegenden Biografien über Maria Stuart nicht zufrieden. 1933 begann er in London mit eigenen Recherchen. Foto: picture alliance
Er wollte es besser machen: Stefan Zweig war mit den vorliegenden Biografien über Maria Stuart nicht zufrieden. 1933 begann er in London mit eigenen Recherchen. Foto: picture alliance

Wie auch immer, Bothwell und Maria verbringen glückliche Stunden im bescheidenen Jedburgher Liebesnest, zu besichtigen in Queen Maryʼs House. Von da an geht’s bergab. Der Tiefpunkt ist erreicht, als Marias Immer-noch-Ehemann Henry Darnley in Edinburgh bei einer Explosion zu Tode kommt. Die näheren Umstände des Attentats konnten nie geklärt werden. Wahrscheinlich hatte Bothwell seine Hand im Spiel. Ihm reichte die bloße Liebe von Maria nicht, er strebte nach der Königskrone. Dazu bedurfte es der Heirat. Darnley stand dem im Wege. Tatsächlich heirateten Maria und Bothwell drei Monate nach der Untat. Es kam zu einem Aufstand, in dessen Folge Maria von den Lords auf eine Insel im Loch Leven verbracht wurde. Bothwell setzte sich nach Dänemark ab. Maria war nach kaum sieben Jahren am Ende ihres schottischen Abenteuers angelangt und suchte ausgerechnet Zuflucht bei der ewigen Konkurrentin, der königlichen Cousine Elisabeth in England. In deren Obhut endete die Queen of Scots am 8. Februar 1587 unter dem Hackbeil.

Doch den Hals hatte ihr im Grunde schon 19 Jahre zuvor der Anschlag auf ihren Ehemann und die schnelle Heirat mit Bothwell gebrochen. Von da an war sie in Schottland untragbar. Kannte sie den Attentatsplan? Hatte sie Darnley, der doch in Glasgow in Sicherheit war, in die Falle gelockt? Marias Verehrer wollen von alldem nichts wissen. Stefan Zweig hingegen, obwohl von ihr angetan, bleibt in dieser Frage ganz cool: Sie habe Bescheid gewusst. Er entschuldigt sie aber. Sie sei infolge ihrer Leidenschaft unzurechnungsfähig gewesen. Friedrich Schiller, auch er ein Bewunderer der Stuart-Königin, sieht sie in seinem Drama gar als Auftraggeberin. „Den König, meinen Gatten, ließ ich morden, und dem Verführer schenkt ich Herz und Hand“, lässt er Maria kurz vor dem Gang aufs Schafott bekennen.

Die ganze Geschichte möge man bei Zweig nachlesen oder im Kino ansehen. Der Film von 2018 mit Saoirse Ronan als Mary entspricht dem Forschungsstand. Geändert hat sich seit Zweigs Interpretation wenig. Norbert Jachertz

1.
Stefan Zweig: Maria Stuart, Wien 1935
(als Insel-Taschenbuch 2018)
2.
Friedrich Schiller: Maria Stuart, erstmals aufgeführt 1800 in Weimar
3.
Mary Queen of Scots, Regie: Josie Rourke, USA, Großbritannien, Film von 2018
4.
Zweigs Zitat zu Freud entstammt seinen 1942 postum erschienenen Erinnerungen („Die Welt von gestern“).
1.Stefan Zweig: Maria Stuart, Wien 1935
(als Insel-Taschenbuch 2018)
2.Friedrich Schiller: Maria Stuart, erstmals aufgeführt 1800 in Weimar
3.Mary Queen of Scots, Regie: Josie Rourke, USA, Großbritannien, Film von 2018
4.Zweigs Zitat zu Freud entstammt seinen 1942 postum erschienenen Erinnerungen („Die Welt von gestern“).

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