ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2019Resilienz: Neinsagen ist erlaubt

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Resilienz: Neinsagen ist erlaubt

Dtsch Arztebl 2019; 116(19): A-934 / B-770 / C-758

Schmitt-Sausen, Nora

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Die eigenen Grenzen zu erkennen – und zu kommunizieren – fällt vielen Ärzten schwer. Dabei profitieren von persönlicher Klarheit Patienten, Kollegen und Mitarbeiter. Und allen voran: die Mediziner selbst.

Bis hier hin und nicht weiter symbolisiert das rote Seil. Die Teilnehmer des Seminars sollen lernen, Nein zu sagen. Fotos: picture alliance/Timm Schamberger für Deutsches Ärzteblatt
Bis hier hin und nicht weiter symbolisiert das rote Seil. Die Teilnehmer des Seminars sollen lernen, Nein zu sagen. Fotos: picture alliance/Timm Schamberger für Deutsches Ärzteblatt

Zum Ende des Seminars bringt Tina Greber die rote Linie ins Spiel. Wortwörtlich. Die Referentin legt im Konferenzsaal ein rotes Tau quer über den grauen Teppich. Dann sollen sich die Teilnehmer in Zweiergruppen gegenüberstellen. Der eine Teil der Gruppe steht kurz vor dem Seil, der andere mehrere Meter davon weg. Auf Grebers Kommando laufen die entfernter Stehenden los – bis das Gegenüber am Seil durch den Ausruf „Stopp“ signalisiert: „Bis hier hin und nicht weiter.“ Das „Stopp“ bringen die Teilnehmer mal mehr, mal weniger bestimmt heraus. Die Empfänger der Botschaft nehmen es entsprechend mehr oder weniger ernst. Doch eines wird in jedem Fall deutlich: „Stopp“ – oder „Nein“ – zu sagen, tut nicht weh. Weder demjenigen, der es ausspricht, noch demjenigen, der es empfängt.

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Einen Nachmittag lang hat Referentin Greber die Teilnehmer wachgerüttelt. Vier Stunden lang ging es bei dem Seminar „Grenzen setzen – Grenzen achten“ der KV Bayerns in Nürnberg um Erkenntnisse und Tools, die verhindern sollen, dass Ärzte und Medizinische Fachangestellte (MFA) im stressigen Berufsalltag immer wieder an ihre Grenzen kommen und – oft mehr unbewusst als bewusst – über diese hinweggehen. Und sich im schlimmsten Fall irgendwann dort wiederfinden, wo der Ausweg mehr braucht als ein Seminar: im Burn-out.

„Das Wort Burn-out beinhaltet, dass da mal jemand gebrannt hat für das, was er tut“, macht Greber deutlich. Aber sagt eben auch: „Doch wenn es so weit gekommen ist, dann haben wir zu lange gewartet, für uns einzustehen, für uns zu sorgen.“

Sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein, auch mal „Nein“ sagen zu können – dies sei elementar, um in Balance zu bleiben.

Teilnehmer gehen auf eine Reise zu sich selbst

Für sich selbst sorgen. Die eigenen Grenzen erkennen. In der Lage sein, auch mal Nein zu sagen. Es klingt eigentlich so einfach. Es ist es aber nicht, wie der Nachmittag schnell zeigt.

Beispiele für das innere Ringen mit sich selbst gibt es viele: Ich schaffe es nicht, den Urlaubsantrag der Helferin abzulehnen, obwohl es mich in Teufels Küche bringt. Es gelingt mir nur schwer, einem Patienten zu verdeutlichen, dass weitere Untersuchungen nicht notwendig sind. Ich bringe es nicht über mich, die Behandlungsanfrage einer Nachbarpraxis abzulehnen, obwohl in meiner eigenen Praxis selbst alle Mitarbeiter längst auf Reserve laufen, mich eingeschlossen. Nein denken, aber Ja sagen. Wer kennt das nicht?!

Doch: Warum fällt es so schwer, Grenzen zu ziehen? Grebers Antwort: weil uns abgespeicherte Überzeugungen („Ich muss freundlich sein.“, „Ich muss anderen helfen.“, „Ich muss perfekt sein.“, „Ich muss funktionieren.“) davon abhalten.

Diese – unbewussten – Überzeugungen nennt nicht nur Greber Glaubenssätze. „Sie sind tief in uns verwurzelt. Und sie prägen uns“, führt die Seminarleiterin mit angenehm ruhiger Stimme aus. Daran sei durchaus etwas Gutes, denn Glaubenssätze können Menschen positiv antreiben, nach vorne bringen. Doch: Ihnen blind zu folgen, stumpf nach ihnen zu handeln, hindere uns eben oftmals daran, „dass wir uns abgrenzen und Nein sagen“.

Und noch etwas erschwert es, Grenzen zu setzen, lernen die Ärzte und MFA an diesem Nachmittag in Nürnberg: der persönliche innere Kritiker. Wie viele Glaubenssätze fußt auch er tief in der eigenen Vergangenheit, aus ihm sprechen Erfahrungen, Prägungen und Muster aus Kindertagen.

Der innere Kritiker nimmt kein Blatt vor den Mund: „Stell Dich nicht so an.“ „Das schaffst Du eh nicht.“ „Mensch, bist Du blöd.“ Jeder kennt die spitzzüngige innere Stimme in sich. Und jeder weiß: Die abwertende Kritik an sich selbst verunsichert, demotiviert, führt zu Selbstzweifeln. Und hindert uns häufig daran, das auszusprechen, was wir eigentlich möchten.

„Genauso ist es“, murmelt einer der Teilnehmer halblaut vor sich hin. Zustimmendes Kopfnicken bei einem anderen Mitglied der Gruppe. Eine der Ärztinnen starrt konzentriert auf die Notizen, die sie sich gerade gemacht hat. Das Rattern in den Köpfen ist im Raum fast schon zu hören. Keine Frage: Referentin Greber nimmt die Teilnehmer in diesem Seminar mit auf eine spannende Reise zu sich selbst.

„Ja“-Sagen aus Angst vorm „Nein“-Sagen

„Das Wort Burnout beinhaltet, dass da mal jemand gebrannt hat für das, was er tut“, sagt Referentin Tina Greber.
„Das Wort Burnout beinhaltet, dass da mal jemand gebrannt hat für das, was er tut“, sagt Referentin Tina Greber.

Konkret: Was hindert uns, „Nein“ zu sagen? Nun möchte es Greber von den anwesenden Ärzten und MFA ganz genau wissen. Und die Teilnehmer werfen sehr offen ihre Antworten in den Raum. Seminarleiterin Greber schreibt am Flipchart auf: „Sorge, jemanden zu verletzen.“ „Sorge, unbeliebt zu sein.“ „Angst vor aggressiven Reaktionen.“ „Angst, eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.“ „Angst vor Konsequenzen“. „Konfliktvermeidung.“ Und so weiter. Und so weiter.

Greber macht mit wenigen Strichen am Flipchart deutlich, worum es hier geht: „Angst“, unterstreicht sie mit rotem Stift das grüne Wort. Und noch zwei Mal: „Angst“. Die Worte „Sorge“ und „Konflikt“ bekommen auch noch einen roten Strich. Kurzum: Es sind emotionale Beweggründe, die uns daran hindern, uns – in der Praxis wie im Privatleben – klar zu positionieren.

Angst, dass jemand der Praxis den Rücken zukehrt. Angst, den Kollegen im Stich zu lassen. Angst, die Mitarbeiter zu enttäuschen. Doch was das Problem dabei ist, bringt Greber klar auf den Punkt: „Angst hindert uns daran, für uns selbst zu sorgen.“

Und so gibt die Seminarleiterin den Teilnehmern mit auf den Weg, sich frei zu machen von diesen Emotionen. Denn sie sagt deutlich: „Wir sind nicht für die Gefühle eines anderen verantwortlich. Gedanken wie ‚Wenn der Patient jetzt enttäuscht ist, bin ich schuld‘, müssen Sie von sich weisen.“ Alle im Raum nicken. Auch das klingt einleuchtend.

Doch wie all das in die Tat umsetzen? Wie den Ausweg aus dem Nicht-Nein-Sagen-Können-Dilemma finden? Wie seine eigenen Grenzen erkennen und auch entsprechend danach handeln?

Die Antwort lautet: Indem man in sich hineinhört, lernt, seine persönlichen Bedürfnisse zu erkennen – und akzeptiert, dass viele Blockaden in einem selbst sitzen. „Wenn ich allein schon weiß, womit ich mir selbst im Weg stehe, ist mir schon viel geholfen. Und dann kann ich an mir arbeiten – und für mich sorgen.“

Das bedeutet zunächst einmal: Sich die eigenen Glaubenssätze bewusst machen. Sie hinterfragen. Und: neue, eigene Glaubenssätze bilden. Statt: „Ich darf keine Fehler machen.“ „Es ist normal, dass man mal Fehler macht.“ Oder: „Ich mache meinen Job nicht gut genug“ wird zu „Ich mache es so gut wie möglich“.

Ein Ansatz mit Blick auf den inneren Kritiker ist dieser: den inneren Kritiker in seine Schranken weisen. Ihm Einhalt gebieten. Und das durchaus, indem man mal mit sich selbst spricht. Ihm ein bestimmtes „Schluss jetzt. Es reicht“ zuruft, wenn das innere Ich mal wieder rumnörgelt.

Dinge klar ansprechen, anstatt nur innerlich formulieren

Sich selbst und seine Grenzen zu erkennen bedeutet also: umdenken lernen. Und seine Linie finden. Eine Linie, die nicht nur persönlich hilft, sondern auch anderen als Orientierung dient.

Denn: Die eigene innere Zerrissenheit (heute so, morgen so) nicht nach außen zu tragen, hilft nicht nur sich selbst. Sondern auch den Menschen um sich herum. Etwa in der Führung einer Praxis. „Sie sind der Kapitän des Schiffes. Aber wie sollen die Mitarbeiter in der Praxis mitsegeln, wenn sie nicht wissen wohin?“, fragt Greber in die Runde.

Auch mit Blick auf fordernd auftretende Patienten sei es wichtig – und befreiend – dazu fähig zu sein, Dinge klar anzusprechen und auch einmal freundlich, aber bestimmt „Nein“ zu sagen, statt es lediglich innerlich zu formulieren, aber nicht auszusprechen.

Neinsagen ist eine erlernbare Kunst

Doch wie gelingt das „Neinsagen“ ganz konkret? Greber erläutert es: indem man auf sein Gegenüber und dessen Anliegen zunächst einmal wertschätzend eingeht. Und ihm dann eine alternative Lösung anbietet, die zur Entspannung der Situation beitragen kann.

Beispiel Praxismitarbeiter: Eine Praxismitarbeiterin möchte kurzfristig den Freitag dieser Woche frei haben, um ihren Hochzeitstag zu feiern. An dem Tag ist die Praxis aber schwach besetzt. Die Lösung: Die Mitarbeiterin bekommt ein Nein, aber ein wertschätzendes, kein plattes – und eine Lösung. Sie bekommt den freien Tag zum Feiern den Freitag drauf.

Beispiel Patienten: Ein Patient möchte unbedingt ein Antibiotikum haben, um schnell wieder fit zu werden. Der Arzt sieht dazu aber noch keine Veranlassung. Also erläutert er dies freundlich, aber bestimmt – und bietet eine Lösung an: Wenn es dem Patienten in zwei Tagen nicht besser geht, kann er sich das Rezept für das Antibiotikum in der Praxis holen kommen.

Beispiel Nachbarpraxis: Der Kollege bittet vehement, noch heute einen Patienten von ihm zu übernehmen. Das Wartezimmer der eigenen Praxis ist aber schon zum Bersten voll. Die Bitte muss höflich, aber konsequent abgelehnt werden – doch sie wird gepaart mit dem Angebot, den Patienten am darauffolgenden Tag anzusehen.

Die Gruppe von Ärzten und MFA spielt solche und ähnliche Situationen in Nürnberg in Rollenspielen durch – und man sieht: Selbst hier in entspannter, stressfreier Atmosphäre, fällt dem ein oder anderen das „Nein“-Sagen sehr schwer.

Dabei: schlechtes Gewissen?! Ärger?! Selbstvorwürfe?! Hilflosigkeit?! All dies sollte, braucht und darf beim „Nein“-Sagen keinen Raum bekommen. Denn Greber formuliert sehr klar: „Ein Nein zu jemand anderem ist ein Ja zu mir. Diesen Satz nehmen Sie bitte mit.“ Und die Seminarteilnehmer notieren ihn emsig.

Elementar ist: Gelingen kann das „Nein“ nur, wenn man sich seiner selbst, seiner Bedürfnisse und seiner Grenzen bewusst ist.

Die Verantwortung dafür tragen Ärzte und MFA allein. Denn: Auch dies macht Greber sehr bestimmt, aber einfühlsam in diesem Seminar deutlich. „Dass Sie nicht einstehen können für Ihre Grenzen, ist nicht das Problem eines anderen.“ Nora Schmitt-Sausen

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