ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2019Migräneprophylaxe: Spezifische Ligandenblockade

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Migräneprophylaxe: Spezifische Ligandenblockade

Dtsch Arztebl 2019; 116(19): A-946

König, Romy

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Das neue prophylaktische Migränepräparat Galcanezumab verspricht Studien zufolge ein hohes Ansprechen bei chronischer und episodischer Migräne – bei zugleich guter Verträglichkeit.

Etwa 9,3 Millionen Erwachsene in Deutschland sind von der chronisch verlaufenden Kopfschmerzerkrankung betroffen; rund 2,8 Millionen haben eine diagnostizierte Migräne. Von diesen erleiden rund 1,6 Millionen 3 bis 4 Migränetage im Monat. Für Prof. Uwe Reuter, Charité Universitätsmedizin Berlin, stellt Galcanezumab (Emgality®) einen „Meilensprung“ dar: Bisherige zur Migräneprophylaxe eingesetzte Medikamente, wie Betablocker oder Antiepileptika, seien vornehmlich für andere Krankheiten entwickelt worden, würden von den Patienten nicht gut angenommen und wiesen zudem Nebenwirkungen auf.

„Viele Patienten stoppen die Behandlung“, so der Neurologe. Nach einer Studie aus den USA wechselten 70 % der Migränepatienten mindestens 1-mal im Jahr das Prophylaxepräparat, 10 % wechseln 2-mal, 1 % wechseln sogar 3-mal jährlich. „Das liegt daran, dass diese Medikamente so schlecht verträglich und schlecht wirksam sind“, so Reuter.

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Bindung an Neuropeptid

Umso wichtiger sei nun die prophylaktische Versorgung mit einer neuen Substanzklasse: Zwar ist die Pathophysiologie der Migräne noch nicht umfassend geklärt, doch weisen Studien auf eine Beteiligung des Neuropeptids „Calcitonin Gene-Related Peptid“ (CGRP) hin, welches während einer Migräne-Attacke aus Nervenendigungen des Trigeminus-Nervs verstärkt freigesetzt wird. Hier setze Galcanezumab als potenter humanisierter monoklonaler Antikörper an: „Es bindet hochspezifisch an CGRP und hindert es so an der Aktivierung seines Rezeptors“, so Reuter.

Die Wirksamkeit und Verträglichkeit wurden in 3 klinischen Phase-III-Studien nachgewiesen: Die Ergebnisse der doppelblinden und placebo-kontrollierten Hauptstudien EVOLVE-1 (858 Patienten) und EVOLVE-2 (915 Patienten) zeigen bei Patienten mit episodischer Migräne (4–14 Migränekopfschmerztage [MKT] im Monat; mit oder ohne Aura) eine signifikante Abnahme der MKT: Bis zu 62,3 % der Patienten erreichen eine 50%ige mittlere Reduktion der monatlichen MKT; eine mehr als 75%ige mittlere MKT-Reduktion trat bei bis zu 38,8 % der Patienten ein.

Bis zu 15,6 % der Studienteilnehmer waren mindestens 1 Monat (im Mittel über den gesamten Studienzeitraum) beschwerdefrei. Bei chronischen Migränikern (Studie REGAIN) konnte über eine 3-monatige Doppelblindphase bei 27,6 % der Patienten eine 50%ige mittlere Reduktion der monatlichen MKT beobachtet werden.

Die Ergebnisse schlagen sich auch in einer als verbessert wahrgenommenen Lebensqualität nieder: Der Migraine Disability Assessment Score (MIDAS) fällt in den EVOLVE-Studien unter Behandlung mit Galcanezumab um 20 Punkte – und zwar um 9,2 Punkte mehr als unter Placebobehandlung. „Das ist medizinisch hochsignifikant: Die Einschränkung der Patienten sinkt deutlich“, so Reuter.

23,3 % der episodisch und 78 % der chronisch Migränekranken berichten laut Dr. med. Astrid Gendolla, Neurologin und Schmerztherapeutin aus Essen, von einer schweren oder sehr schweren kopfschmerzbedingten Beeinträchtigung. Galcanezumab könne nun helfen, deren Lebensqualität zu verbessern. Die Fachärztin war anfangs skeptisch, die Substanzklasse bei Patienten anzuwenden, die frustriert seien durch zahlreiche fehlgeschlagene Behandlungsversuche. „Doch das Medikament wirkt auch bei Patienten, die vorher nicht auf prophylaktische Medikation angesprochen haben.“

Gut verträgliches Präparat

80 % der Teilnehmer haben das Programm bis zum Ende durchgeführt. „Das deutet auf eine hohe Verträglichkeit des Präparats hin“, so Reuter. Die Auswertung der eingetretenen Nebenwirkungen scheint dies zu bestätigen: Als unerwünschte Ereignisse traten Schmerzen an der Injektionsstelle auf (16 %), außerdem lokale Reaktionen wie etwa ein Erythem (4,9 %) oder Juckreiz (4,4 %) an der Einstichstelle. „Das sind sehr gut tolerierbare Nebenwirkungen, wenn Sie bedenken, dass Patienten bei Topiramat kognitive Störungen bekommen oder bei Betablockern kollabieren können.“

Galcanezumab hat einen tmax von 6–7 Tagen (Einzeldosis) und eine Halbwertszeit von 24–27 Tagen. Reuter: „Man muss es also nur 1-mal im Monat verabreichen.“ Gestartet wird mit einer Loading Dose von 240 mg, anschließend erfolgt eine monatliche Gabe von 120 mg. Romy König

Quelle: Pressekonferenz Lilly Deutschland, 25. Februar 2019, Frankfurt am Main

1.
Ford JH et al.: Cycling Through Migraine Preventive Treatments: Implications for All-Cause Total Direct Costs and Disease-Specific Costs, J Manag Care Spec Pharm. 2019 Jan; 25 (1): 46–59 CrossRef MEDLINE
2.
Russell FA et al.: Calcitonin gene-related peptide: Physiology and pathophysiology. Physiological Reviews 2014; 94 (4): 1099–1142 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1. Ford JH et al.: Cycling Through Migraine Preventive Treatments: Implications for All-Cause Total Direct Costs and Disease-Specific Costs, J Manag Care Spec Pharm. 2019 Jan; 25 (1): 46–59 CrossRef MEDLINE
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