ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2019Mangel im Gesundheitswesen: Ein Trauerspiel

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Mangel im Gesundheitswesen: Ein Trauerspiel

Dtsch Arztebl 2019; 116(19): A-913 / B-753 / C-741

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Mangelsituationen im Gesundheitswesen: Für die Krankenkassen sind sie, so wird es jedenfalls in etwaigen Reaktionen auf Zahlen oder Berichte zur Lage immer wieder deutlich, allenfalls ein Mangel an richtiger Organisation und räumlicher Verteilung. Die Politik reagiert mit vorsichtigem Austarieren zwischen Ökonomie und personell zunehmend überlastetem realen Versorgungsalltag, augenscheinlich getragen von dem Gedanken, die Gesunden dieser Welt könnten das System als viel zu teuer abwerten. Letztlich wird der Versorgungsmangel im deutschen Gesundheitssystem nach wie vor weitgehend negiert. Wo das nicht geht, wird Kritik polemisch abgetan oder mit Verschweigen überdeckt.

Dabei ist der großflächige Mangel nicht mehr zu übersehen. Auch die aktuellen Zahlen des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für das Jahr 2018 bestätigen das erneut. Zwar habe sich die Zahl der Ärzte und psychologischen Psychotherapeuten im vergangenen Jahr absolut um 2 647 auf 175 294 erhöht, aber unter Berücksichtigung vom teilzeitbedingten Umfang der Beschäftigung liegt die Steigerung tatsächlich bei nur 0,2 Prozent. Das ist nicht mal der sprichwörtliche Tropfen auf heißem Stein.

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Das Bedürfnis der äußerst nachgefragten jungen Ärzte- und Pflegekräftegeneration nach einer wie in anderen Arbeitsbereichen lebbaren Balance zwischen Arbeits- und Privatleben kann nicht verwundern: Es ist nichts anderes als die Reaktion auf jahrzehntelang nie bereinigte unzulängliche Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Jetzt treffen Abwanderungen in andere, besser konditionierte Berufsbereiche oder auch die Angst vor Selbstständigkeit in einem unüberschaubaren Regelwerk auf den drohenden Ausstieg älterer Ärzte in den Ruhestand. Es fehlt an niederlassungswilligen Nachfolgern.

Das Problem des Mangels zieht sich wie ein roter Faden durch das deutsche Gesundheitswesen: Gibt es im Ansatz mehr Ärzte, dann mit Präferenz auf Teilzeit. Einer Teilzeit, die in der Praxis letztlich auf mit anderen Berufssparten vergleichbare normale Arbeitszeiten hinausläuft. Gleiches gilt für andere Gesundheitsfachberufe: Es soll mehr Hebammen geben, aber auch die präferieren Teilzeit. Mehr Psychotherapeuten? Ja, aber in Teilzeit. Das Ergebnis: Knappheit überall. Hinzu kommt, dass medizinischer Fortschritt das Aufgabenspektrum ständig erweitert, ein ständiges Mehr an Bürokratie die Zeit für die eigentliche Behandlung und Patientenbetreuung zusätzlich behindert. Konstant betriebene Durchökonomisierung in den Krankenhäusern, eine zunehmende Erkenntnis über Burn-out bei Ärzten und Pflegepersonal sowie Berufsflucht ergänzen dieses gesellschaftliche Trauerspiel. Wo endlich gehandelt wird, schmälern lange Ausbildungszeiten und gesetzliche Hindernisse die kurzfristige Entlastung.

Kann es sich eine der prosperierendsten Gesellschaften der modernen Welt wirklich leisten, ihrer eigenen Bevölkerung mit dem Beweggrund der Kostenminimierung eine eigentlich gute Gesundheitsfürsorge mit gesundem Personal zu versagen? Reichen die drohenden Konsequenzen immer noch nicht aus, eine konzeptionell tragbare Kehrtwende in Praxis- und Klinikalltag anzugehen? Weiteres Herumlavieren an Symptomen durch noch mehr Überregulierung wird nicht ausreichen, unsere überalternde Gesellschaft medizinisch ausreichend zu flankieren.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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