ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Epikrise: Identitätsverlust

SPEKTRUM: Leserbriefe

Epikrise: Identitätsverlust

Keller, Jürgen

Zu dem Beitrag "Ende gut - Epikrise gut" von Dr. med. Peter Semler in Heft 45/1999:
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LNSLNS Auch die andere Seite gibt es natürlich: Meister der Sprache im ärztlichen Bereich, in schriftlicher wie mündlicher Form. Nur wächst die Zahl derjenigen Kollegen, die sich, trotz des langjährig praktizierten Numerus clausus mit "Einser-Abiturienten", mit Sprachproblemen herumquälen bis an die Grenze zur Legasthenie. Die von den Autoren beschriebene Schreib- und Redeschwäche korrespondiert mit einer Leseschwäche, die sichtlich nur noch den Zugriff auf so genannte Checklisten oder auf zusammenhanglose Kurzinformationen erlaubt, nicht jedoch die komplexe Erörterung diagnostischer und therapeutischer Probleme.
Bekanntlich ermöglicht ein Optimum an Redundanz ein optimales Verständnis. Die davon abweichenden Extreme - die Bruchstückinformation und die Geschwätzigkeit - sind zwar zeittypisch; sie verhindern jedoch die Integration neuer Erkenntnisse in einen tragenden Wissensbestand. So hangelt sich der zum Sprechen Aufgeforderte an seiner Diapositivleine entlang, und der zum Schreiben Gezwungene bastelt mit Textbausteinen am Bildschirm. Oder aber beide verlieren sich im Detail.
Ein Berufsstand, der seine Identitätsbestimmung weitgehend anderen überlässt, dies gar vehement und überzeugt vertritt, verliert nicht nur seine Identität, sondern eben auch seine Sprache . . .
Dr. med. Jürgen Keller, Goethestraße 68, 10625 Berlin
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