ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2019Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegekräften: Der Kulturwandel hat begonnen

THEMEN DER ZEIT

Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegekräften: Der Kulturwandel hat begonnen

Dtsch Arztebl 2019; 116(19): A-930 / B-767 / C-755

Osterloh, Falk

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Seit Beginn der 1990er-Jahre gibt es in den USA Magnetkrankenhäuser, die eine Zertifizierung für ihre besondere Pflegekultur erhalten haben. In Deutschland bemüht sich derzeit ein Krankenhaus um dieses Zertifikat. Das hat auch Auswirkungen auf das Verhältnis von Ärzten und Pflegekräften.

Akademisierte Pflegekräfte übernehmen in Magnetkrankenhäusern die Verantwortung für bestimmte Projekte. Foto: Your Photo Today
Akademisierte Pflegekräfte übernehmen in Magnetkrankenhäusern die Verantwortung für bestimmte Projekte. Foto: Your Photo Today

Um dem Pflegemangel in den USA Ende des vorigen Jahrhunderts zu begegnen, untersuchte die American Academy of Nursing, was Krankenhäuser strukturell besser machten, die keine Probleme mit der Besetzung freier Pflegestellen hatten. Daraus entstand eine Zertifizierung nach dem „magnet recognition program“. Krankenhäuser, die die Vorgaben des Magnet-Handbuchs umsetzten, konnten fortan eine Exzellenz in der Pflege erwerben. Eines der Ziele war es, Pflegekräfte für das eigene Krankenhaus zu interessieren und so offene Stellen zu besetzen.

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Weltweit gibt es mittlerweile knapp 500 solcher Magnetkrankenhäuser. Die meisten von ihnen stehen in den USA, andere in Kanada, in Neuseeland, Australien und im Libanon. In Europa gibt es derzeit nur ein einziges, in Antwerpen. Bald soll ein weiteres hinzukommen: die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU).

Zahlreiche Vorgaben

„Die akademisierten Pflegekräfte entlasten Ärzte von Aufgaben, zum Beispiel im Bereich der Atmungstherapie.“ Helene Maucher, RKU. Foto: privat
„Die akademisierten Pflegekräfte entlasten Ärzte von Aufgaben, zum Beispiel im Bereich der Atmungstherapie.“ Helene Maucher, RKU. Foto: privat

Die Pflegedirektorin des RKU, Helene Maucher, hat 2014 in dem Magnetkrankenhaus UF Health in Jacksonville, Florida, hospitiert. Von dort brachte sie die Idee mit nach Ulm – und überzeugte in kurzer Zeit ihren Geschäftsführer davon, sich als erstes Krankenhaus in Deutschland im Rahmen des magnet recognition program zertifizieren zu lassen. Seitdem ist im RKU einiges passiert. Denn die Vorgaben des Programms sind zahlreich.

„Unter anderem gibt es Vorgaben zur Akademisierung der Pflegekräfte“, sagt Maucher dem Deutschen Ärzteblatt. „Das Ziel ist ein Akademisierungsanteil von 80 Prozent. Davon sind wir in Deutschland natürlich noch weit entfernt.“ Auf der Grundlage dieser Vorgabe haben 14 Pflegekräfte aus dem RKU berufsbegleitend einen Bachelorstudiengang absolviert, den das Krankenhaus finanziert hat. Dies sei ein erster Schritt hin zu einem Kulturwandel, meint Maucher: „Denn junge Pflegekräfte, die neu zu uns kommen, treffen so auf Kollegen, die selbstbewusst und auf Augenhöhe mit den Ärzten agieren.“

Als das Projekt begonnen wurde, hätten viele Ärzte noch eher verhalten reagiert, erzählt Maucher. Mittlerweile gebe es jedoch viele, die das Projekt positiv sähen, weil die akademisierten Pflegekräfte mit ihrer Expertise die Arbeit der Ärzte, zum Beispiel im Bereich der Atmungstherapie oder dem Wundmanagement, ergänzten und die Ärzte sich auf ihre anderen Aufgaben konzentrieren könnten. „Das hat sich auch im Alltag so entwickelt“, sagt die Pflegedirektorin. „Die Ärzte haben gesehen, dass es funktioniert und dass die Pflegekräfte in der Lage sind, die neuen Aufgaben zu erfüllen. Das hat ebenfalls zur Akzeptanz durch die Ärzte beigetragen.“

Kollegialeres Verhältnis

In den USA wurden zahlreiche Studien zu den Magnetkrankenhäusern durchgeführt. Die Studie „Nurse-Physician Relationships in Hospitals“ aus dem Jahr 2009 hat sich mit der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegekräften beschäftigt. Auf Basis von zwei Umfragen unter Pflegekräften wurde das Verhältnis grundsätzlich in fünf mögliche Beziehungen eingeteilt: „kollegial“, „kooperativ“, „Lehrer-Schüler-Verhältnis“, „freundlich, aber distanziert“ und „feindlich“. Da alle fünf Beziehungsmuster innerhalb einer Klinik, abhängig von einzelnen Personen, zur selben Zeit existieren, haben die Befragten schließlich ein „Klinikklima“ bewertet. Bei beiden Umfragen schätzten die Pflegekräfte an Magnetkrankenhäusern dieses Klima deutlich besser ein als an anderen Häusern. Deutlich häufiger bewerteten sie zudem das Verhältnis zu den Ärzten als „kollegial“ oder „kooperativ“. Bei den Magnetkrankenhäusern, meint Maucher, gehe es um die Einführung eines Kulturwandels – auch im Umgang zwischen Ärzten und Pflegekräften.

Konkret sehen die Vorgaben aus dem Magnet-Handbuch die Initiierung zahlreicher, teils von den Pflegekräften geleiteter Projekte vor, die anhand von zu erhebenden Qualitätsindikatoren im Rahmen eines Benchmarkverfahrens mit anderen Kliniken verglichen werden. „Eines dieser Projekte ist die Reduzierung von Infektionen bei Patienten, denen ein Zentraler Venenkatheter, ZVK, eingesetzt wurde“, sagt Maucher. „Wer in dieses Projekt aufgenommen wird, entscheidet der Arzt gemeinsam mit der zuständigen Pflegekraft im Rahmen der Visite. Die aufgenommenen Patienten werden in der Folge von der verantwortlichen Pflegekraft begleitet, die auch die Daten erhebt.“ Das Projekt werde durch die digitale Patientenakte unterstützt, die es jetzt überall im RKU gebe. Auch dafür sei das Magnet-Konzept ein Treiber gewesen, sagt Maucher. Und bei der Einrichtung der elektronischen Patientenakte habe die Pflege maßgeblich mitentschieden. Das Projekt sei erfolgreich: Die Zahlen der ZVK-Infektionen gingen seit Beginn der Datenerhebung kontinuierlich zurück.

Bei einem weiteren Projekt geht es um das Delirmanagement, das ebenfalls federführend von einer akademisierten Pflegekraft geleitet wird. Darin aufgenommen werden alle Patienten ab 70 Jahren. Eine Intervention besteht aus der Mitgabe von Brille und Hörgerät in den OP-Saal und auf die Intensivstation. „Studien haben gezeigt, dass es die Wahrscheinlichkeit eines Delirs reduziert, wenn Patienten ihre Brille und ihr Hörgerät bei sich haben“, sagt Maucher. Ein weiterer Aspekt des Programms ist in den ersten Tagen nach der OP eine Begleitung durch Betreuungsassistenten zum Essen, um dadurch den Tag der Patienten besser zu strukturieren.

Bei allen Projekten ist ein Benchmark vorgesehen. Das RKU befindet sich zu jeweils 50 Prozent in Trägerschaft des Universitätsklinikums Ulm und der Sana Kliniken AG. „Bei vielen Projekten profitieren wir durch die enge Verzahnung mit den Sana Kliniken mit mittlerweile über 56 Kliniken“, sagt Maucher, „zum Beispiel durch die Möglichkeit, ein Benchmark durchzuführen.“

Bei den Pflegekräften des RKU habe das Projekt ein geteiltes Echo gefunden, erzählt die Pflegedirektorin: „Manche freuten sich über die neuen Aufgaben und Herausforderungen, andere kritisierten, dass die Arbeit durch die neuen Aufgaben anstrengender geworden sei. Denn jeder muss sich jetzt ja mit den neuen Aufgaben auseinandersetzen.“ Außerdem zeige sich durch das Benchmarking auch, wo in Sachen Qualität noch Luft nach oben sei. Das gefalle nicht jedem.

Durch die Veränderungen im RKU haben einige Pflegekräfte das Krankenhaus verlassen. „Auf der anderen Seite sind aber auch Pflegekräfte mit einem akademischen Grad zu uns gekommen, die wegen der mit dem Projekt zusammenhängenden Entwicklungsperspektiven bei uns arbeiten wollten“, sagt Maucher. In jedem Fall gewinne man so Pflegekräfte, die motiviert seien und etwas leisten wollten.

Die Zertifizierung wird schließlich durch Mitarbeiter der amerikanischen Academy of Nursing vergeben, die dafür das Krankenhaus auch besuchen werden.

Dem Wandel Zeit geben

Aus Sicht von Helene Maucher ist das Projekt ein Baustein auf dem Weg, die Pflege in Deutschland aufzuwerten. „Der Kulturwandel, der dazu führt, dass die Pflege mit den Ärzten auf Augenhöhe zusammenarbeitet, beginnt gerade erst“, meint sie. „Man muss diesem Wandel Zeit lassen. Es gibt viele Pflegekräfte, die diesen Wandel nicht mitmachen wollen – weil er mehr Verantwortung für sie bedeutet.“ Für die Patientenversorgung und für die Reduzierung des Pflegemangels sei es jedoch eine gute Entwicklung. Falk Osterloh

Mehr Informationen zum magnet recognition program unter: http://daebl.de/ET21

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Avatar #731808
kmstrauss@mac.com
am Freitag, 10. Mai 2019, 11:02

Augenhöhe und Innovation

Dank für diesen Beitrag über die Mühe, eine Selbstverständlichkeit professioneller Zusammenarbeit zu realisieren.
Erfolgreich gut geführte Kliniken richten sich allerdings seit Menschengedenken an zwei Leitsätzen aus. Demütig „Das Wichtigste ist der Patient.“ und „Besser als alle Anderen.“ wagemutig ambitioniert. Über 25 Jahre praktiziert, anerkannt und auch beneidet.
Die effiziente Erfüllung dieser Aufgabe erfordert geeignete Verfahren, Zuständigkeit, Verantwortlichkeit, intrinsische Motivation und die praktizierte kontinuierliche Verbesserung.
Patienten deren Hilfsmittel und persönliche Gegenstände in der perioperativen Phase nicht zu entziehen, ist keine Innovation, sondern eine Anwendung von common sense für Humanität.
Was „Akademisierte“ an fundamentalem Vorteil gegenüber „Examinierten“ und „Approbierten“ bringen sollen, ist zunächst offen. Wenn es analog zu Fachhochschulen oder süddeutschen Berufsakademien eine staatlich finanzierte und praxisnah bessere Ausbildung bringt, sehr gut. Wenn daraus Dünkel zwischen Berufsgruppen erneuert wird, kein Fortschritt.
Das im Beitrag nicht erwähnte Grundproblem ist die Überforderung durch die biologischen Realitäten ignorierende Heilversuche und der dafür unzureichende Personalschlüssel.
Integrierende Balintgruppen statt akademisierter Distanz sind eine drängende Notwendigkeit für alle Mitarbeitenden im Gesundheitswesen.