ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Landessitten: Ein weiteres Beispiel

SPEKTRUM: Leserbriefe

Landessitten: Ein weiteres Beispiel

Klemm, Hartmut

Zu dem Akut-Beitrag "Landessitten und Therapierichtlinien" von Rüdiger Meyer in Heft 45/1999:
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LNSLNS Der Artikel betrifft ein interessantes und bisher wenig beachtetes Phänomen. Schon vor Jahren habe ich im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Psychiater erfahren, dass die von uns Deutschen bei Alkoholkranken geforderte totale Abstinenz bei französischen Psychiatern überhaupt nicht in Erwägung gezogen werde, weil sie nicht durchsetzbar erscheint. Man sagte mir, die Patienten würden den Arzt für verrückt halten, wenn er so etwas verlangen würde. Man praktiziere stattdessen mit Erfolg den Vorschlag eines sozial kontrollierten und verminderten Alkoholgenusses. Ich hatte als Patienten viele französische in Berlin stationierte Offiziere, die den Militärpsychiater nicht aufsuchten, weil sie bei Bekanntwerden ihrer Alkoholprobleme soziale und berufliche Nachteile erwarteten. Sie zogen ihre Uniform nach dem Dienst aus und kamen zu mir zur Behandlung. Sie bestätigten, dass das Ablehnen von Aperitif oder Wein im Offizierskasino höchstens mal ein paar Tage und bei einer akuten Erkrankung möglich sei. Ich habe mit großem Erfolg mit ihnen vereinbart, dass sie nur dort trinken sollten, wenn es gesellschaftlich unumgänglich und durch Anwesenheit anderer Personen sozial kontrolliert wird, niemals alleine, niemals in größeren Mengen.
Dr. med. Hartmut Klemm, Münchener Straße 48, 10779 Berlin
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