ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Landessitten: Kulturelle Faktoren können förderlich sein

SPEKTRUM: Leserbriefe

Landessitten: Kulturelle Faktoren können förderlich sein

Resch, Karl-Ludwig

Zu dem Akut-Beitrag "Landessitten und Therapierichtlinien" von Rüdiger Meyer in Heft 45/1999:
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LNSLNS Als forschend tätiger Arzt (und erst recht als potenzieller Patient!) bin ich natürlich ein Anhänger von Evidence based medicine. Als forschend tätiger Arzt im Bereich Naturheilkunde/Komplementärmedizin bin ich natürlich gleichzeitig ein Verfechter der "Culture based medicine". Darum bin ich auch nicht glücklich, wenn ich beobachte, wie kulturell gewachsene medizinische Ansätze oft völlig undifferenziert verpflanzt werden. Klassisches Beispiel sind hier viele Angebote aus dem Bereich der traditionellen chinesischen oder der tibetanischen Medizin, dem indischen Ayurveda und ethnomedizinischen Ansätzen anderen Ursprungs - wenngleich sich mit der Exotik allein schon offenbar gut Kasse machen lässt.
Im Übrigen sind culture based medicine und evidence based medicine durchaus keine Gegensätze. Wichtig scheint mir viel mehr zu bedenken, dass in unserer gegenwärtigen Medizin weitgehend ignoriert wird, wie sehr auch kulturelle Faktoren förderlich beziehungsweise hinderlich für den Heilungsprozess sein können. Dies gilt nicht zuletzt für Konzepte der klassischen Naturheilkunde (Kneipp) beziehungsweise der kurörtlichen Therapie. Allerdings gilt auch umgekehrt, dass der bloße Verweis auf Kultur und Tradition für sich allein kein hinreichendes Argument darstellen kann, zumal wenn die Indizien (sprich die Evidence) dagegen sprechen. Das würde ich mir als Patient auch verbitten.
Prof. Dr. med. Karl-Ludwig Resch, Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft, Lindenstraße 5, 08645 Bad Elster
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