ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2019Typ-2-Diabetes-Prädispositionstest: Aussagekraft ist begrenzt

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Typ-2-Diabetes-Prädispositionstest: Aussagekraft ist begrenzt

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): [12]; DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.03

Staiger, Harald

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Der Typ-2-Diabetes-Prädispositionstest von 23andMe hat kein FDA-Zulassungsverfahren durchlaufen und basiert auf Analysen von Querschnittsdaten von mehr als 2,5 Millionen Personen, die in keiner Fachzeitschrift publiziert wurden.

Foto: picture alliance
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Diabetes mellitus Typ 2 ist eine Volkskrankheit, die primär durch modifizierbare Risikofaktoren wie ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel ausgelöst wird. Familien- und Zwillingsstudien konnten zeigen, dass Typ-2-Diabetes auch eine nennenswerte Erbkomponente besitzt. Durch genomweite Assoziationsstudien wurden inzwischen Genvarianten in über 240 Genen identifiziert, die auf Studienpopulationsebene eine erhöhte Suszeptibilität für die oben genannten Risikofaktoren vermitteln.

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Keine dieser Genvarianten weist jedoch für sich gesehen eine ausreichende genetische Penetranz auf, die es erlaubt, das individuelle Krankheitsrisiko vorherzusagen. Auch in ihrer Summe können die publizierten Genvarianten nur etwa 18 % der Erblichkeit der Erkrankung erklären.

Ungeachtet dieser wissenschaftlich begründeten Einschränkungen hat das US-amerikanische Unternehmen 23andMe die Markteinführung des ersten kommerziellen genetischen Prädispositionstests für Typ-2-Diabetes angekündigt. Der Test soll nach Angaben des Unternehmens dem Kunden folgende Angaben liefern:

  • qualitative Einordnung der individuellen genetischen Prädisposition für Typ-2-Diabetes in die Kategorien „erhöht“ oder „typisch“;
  • Abschätzung des individuellen verbleibenden Lebenszeitrisikos für die Erkrankung;
  • Abschätzung des individuellen 10-Jahres-Risikos;
  • Einschätzung des Einflusses von Alter, BMI und Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten des Kunden auf die Krankheitsprävalenz;
  • Informationen zu Möglichkeiten der Lebensstilintervention, um das Typ-2-Diabetes-Risiko zu senken;
  • allgemeine Informationen über Ursachen, Symptome, Komplikationen und Risikofaktoren des Typ-2-Diabetes;
  • Limitationen des Berichts und
  • Detailinformationen zur Methodik, ADA-Leitlinien zum Diabetesscreening und zusätzliche Informationen zu nicht genetischen Risikofaktoren.

Der Test hat kein FDA-Zulassungsverfahren durchlaufen und basiert auf Analysen von Querschnittsdaten von mehr als 2,5 Millionen Personen, die in keiner Fachzeitschrift publiziert und daher bis dato nicht begutachtet wurden.

Informationen zum Phänotyp wurden ausschließlich durch Fragebögen erhoben. Die Verwendung von Fragebögen lässt aber im Gegensatz zur Messung des HbA1c, des Nüchtern- oder des 2-Stunden-Blutzuckers eine Ermittlung unerkannter Diabetesfälle nicht zu.

Zudem war das Durchschnittsalter der Teilnehmer mit etwa 42 Jahren relativ niedrig, sodass die Gruppe der Personen ohne Diabeteserkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen einschloss, deren Krankheitsausbruch erst noch bevorstand.

Man kann daher davon ausgehen, dass beides, die Verwendung von Fragebögen und das niedrige Durchschnittsalter der Studienpopulation, die ermittelten Prävalenzzahlen verfälscht haben. Der polygenetische Risikoscore beruht auf Genotypdaten von mehr als 1 000 Genvarianten, die zum Teil nicht wirklich gemessen, sondern anhand ihres bekannten genetischen „Linkages“ zu den gemessenen Genotypen statistisch geschätzt wurden. Auch dies bringt eine Unschärfe in das Instrument.

Besonders kritisch aber ist die mit statistischen Kunstgriffen vorgenommene Verknüpfung von Querschnittsdaten mit Angaben zur Krankheitsinzidenz aus anderen, externen Studienpopulationen zu sehen. Hierbei wurden weitreichende Annahmen gemacht, die aber nicht auf ihre Haltbarkeit hin getestet wurden. Belastbare Inzidenzzahlen und Abschätzungen des – in diesem Fall genetisch bedingten – Krankheitsrisikos sind nur mit longitudinalen Daten möglich, die bei der Studienpopulation von 23andMe aber nicht vorliegen.

Abgesehen davon ist die ermittelte Trefferwahrscheinlichkeit des polygenetischen Risikoscores von 65 % so gering (50 % bedeutet Würfeln!), dass mit diesem genetischen Score keine individuelle Prädispositionsabschätzung möglich ist. Zum Vergleich: Anthropometrische und klinische Parameter wie Geschlecht, Alter, BMI, Diabetes-Familiengeschichte, systolischer Blutdruck, Nüchtern-Blutzucker, HDL-Cholesterin und Triglyzeride liefern in longitudinalen Inzidenzstudien Trefferwahrscheinlichkeiten um die 90 %. Vergleichsstudien mit solchen prädiktiv sehr viel aussagekräftigeren Parametern wurden vom Unternehmen wahrscheinlich aus gutem Grund nicht vorgenommen.

Fazit

  • Der genetische Prädispositionstest für Typ-2-Diabetes des Unternehmens 23andMe kann dem Kunden keine verlässlichen Aussagen über sein Diabetesrisiko liefern.
  • Er dient am Ende nur einem – dem Profit des Unternehmens.

DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.03

Prof. Dr. rer. nat. Harald Staiger

Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2019

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