ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2019Diabetes Typ 2: Pathogenität und Sterberisiko offenbar altersabhängig

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Diabetes Typ 2: Pathogenität und Sterberisiko offenbar altersabhängig

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): [14]; DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.04

Nadine; Eckert

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Die Adipositasprävalenz schnellt nach oben, immer häufiger erkranken auch Jugendliche und junge Erwachsene an Typ-2-Diabetes. Eine brisante Entwicklung, denn offenbar beeinflusst das Alter bei der Diagnose den drohenden Verlust an Lebensjahren.

Eine Diabetesdiagnose vor dem 40. Lebensjahr war in einer schwedischen Registerstudie mit einer Verdoppelung des Sterberisikos verbunden (1). Das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen stieg sogar um mehr als das Vierfache – im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Auf der anderen Seite nahm das zusätzliche Erkrankungs- und Sterberisiko bei Typ-2-Diabetikern mit zunehmendem Alter stetig ab: „Menschen, die bei der Diabetesdiagnose über 80 Jahre alt waren, hatten das gleiche Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Mortalität wie gleichaltrige Kontrollen ohne Diabeteserkrankung“, so die Autoren der Studie. Patienten mit einer Diagnose im Jugendalter büßten dagegen mehr als ein Jahrzehnt Lebenszeit ein. Auffällig war außerdem, dass eine Diabeteserkrankung für Frauen mit einer ausgeprägteren Risikoerhöhung einherging als bei Männern.

Den Autoren zufolge handelt es sich um die erste Studie, die das zusätzliche Sterbe- oder kardiovaskuläre Morbiditätsrisiko bei Typ-2-Diabetes dahingehend adjustierte, wie lange die Erkrankung schon bestand. Insgesamt 318 038 Patienten mit Typ-2-Diabetes und 1 575 108 nach Alter, Geschlecht und Region gematchte Kontrollen wurden im Mittel 5 Jahre auf kardiovaskuläre Erkrankungen (KHK, akuter Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern) und Mortalität nachbeobachtet.

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Teilnehmer, bei denen der Diabetes schon vor dem 40. Lebensjahr diagnostiziert worden war, hatten das höchste zusätzliche Risiko für die meisten Endpunkte: Gesamtmortalität (adjustierte Hazard Ratio [aHR] 2,05; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] 1,81–2,83), kardiovaskuläre Mortalität (aHR 2,72; 95-%-KI 2,13–3,48), nichtkardiovaskuläre Mortalität (aHR 1,95; 95-%-KI 1,68–2,25), Herzinsuffizienz (aHR 4,77; 95-%-KI 3,86–5,89) und koronare Herzkrankheit (aHR 4,33; 95-%-KI 3,82–4,91).

In der Mehrzahl der untersuchten Kategorien wiesen Frauen ein höheres zusätzliches kardiovaskuläres Erkrankungs- und Sterberisiko auf als Männer. Und die Risiken nahmen mit jeder Dekade höherem Lebensalter stetig ab. Für die Autoren bedeutet dies:

  • Bei Menschen, speziell Frauen, die bereits im jungen Alter einen Diabetes entwickeln, sollten die Zielwertempfehlungen hinsichtlich der Risikofaktorkontrolle aggressiver ausfallen.
  • Auf der anderen Seite brauchen viele ältere Leute mit neu diagnostiziertem Diabetes ohne kardiovaskuläre Erkrankung möglicherweise kein aggressives Diabetesmanagement, sodass auch hier eine Überprüfung der Therapieziele nützlich sein könnte.
  • Es sollte überdacht werden, inwiefern bei über 80-Jährigen noch ein Screening notwendig ist.

Schützendes Gewicht?

Der altersbedingte Risikounterschied könnte dadurch zustande kommen, dass die Entstehung eines Diabetes bei Jüngeren stärker mit Adipositas und verwandten Risikofaktoren einhergeht, was per se mit einem höheren relativen kardiovaskulären Risiko verbunden ist. Bei einer Diagnose im höheren Alter dagegen, so spekulieren die Autoren, könnte die Entwicklung eines Diabetes bei einigen Patienten einen Teil des Alterungsprozesses widerspiegeln. „Um im höheren Alter einen Diabetes zu entwickeln, müssen Patienten ein höheres Gewicht halten als nichtdiabetische Gleichaltrige“, erklären sie.

Ein höheres Gewicht lasse zwar das Risiko unter anderem für Diabetes und Hypertonie ansteigen. Aber die diabetesfreien Senioren könnten ein höheres Sterberisiko haben, weil sie unabsichtlich Gewicht verlören – zum Beispiel aufgrund von Begleiterkrankungen, die mit einem vorzeitigen Tod verbunden seien. Aktuelle Leitlinien der European Society of Cardiology (2) empfehlen für Menschen, die vor dem 40. Lebensjahr einen Diabetes entwickeln, ein weniger aggressives Management von Risikofaktoren. Doch die Autoren sind sich sicher: „Die Leitlinien müssen überdacht werden, da unsere Daten zeigen, dass diese Patienten das höchste Risiko haben und am meisten von einer Prävention profitieren würden.“

DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.04

Nadine Eckert

Pathogenität und Sterberisiko offenbar altersabhängig

LITERATUR

Die Adipositasprävalenz schnellt nach oben, immer häufiger erkranken auch Jugendliche und junge Erwachsene an Typ-2-Diabetes. Eine brisante Entwicklung, denn offenbar beeinflusst das Alter bei der Diagnose den drohenden Verlust an Lebensjahren.

1.
Sattar N, Rawshani A, Franzén F, et al.: Age of diagnosis of type 2 diabetes and associations with cardiovascular and mortality risks: Findings from the Swedish National Diabetes Registry. Circulation 2019. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.118.037885 CrossRef MEDLINE
2.
Piepoli MF, Hoes AW, Agewall S, et al.: 2016 European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice: Eur Heart J 2016; 37: 2315–81.
e1.
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2.Piepoli MF, Hoes AW, Agewall S, et al.: 2016 European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice: Eur Heart J 2016; 37: 2315–81.
e1.Sattar N, Rawshani A, Franzén F, et al.: Age of diagnosis of type 2 diabetes and associations with cardiovascular and mortality risks: Findings from the Swedish National Diabetes Registry. Circulation 2019. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.118.037885 CrossRef MEDLINE
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