ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2019SGLT2-Hemmer: Nephroprotektion bewiesen

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

SGLT2-Hemmer: Nephroprotektion bewiesen

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): [18]; DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.06

Grunert, Dustin

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CREDENCE-Studie vorzeitig abgebrochen: Canagliflozin, ein SGLT2-Inhibitor, zusätzlich zur Standardtherapie verlangsamt das Fortschreiten der chronischen Niereninsuffizienz.

Foto: hywards-stock.adobe.com
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Nephrologen sprechen von einem Meilenstein. „Seit Jahrzehnten trat die Forschung auf der Stelle, und verschiedene Substanzen, mit denen man die Progredienz der chronischen Nierenkrankheit aufzuhalten hoffte, versagten spätestens in der dritten Phase der klinischen Prüfung und erwiesen sich als unwirksam oder gar gefährlich“, erklärt Prof. Dr. Jan C. Galle, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Daher seien die vor wenigen Tagen beim Welt-Nierenkongress vorgestellten Daten der CREDENCE-Studie (1) von so großer Bedeutung: Es konnte gezeigt werden, dass der SGLT2-Inhibitor Canagliflozin zusätzlich zur Standardtherapie (RAAS-Blockade mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern) das Fortschreiten der chronischen Niereninsuffizienzt signifikant verlangsamen kann.

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Das relative Risiko, den renalen Studienendpunkt – bestehend aus Erreichen der Dialysepflichtigkeit, Verdopplung des Serum-Kreatinins oder renalem Tod – bei den untersuchten Patienten zu erreichen, konnte um etwa ein Drittel (34 %) reduziert werden (HR 0,66; Konfidenzintervall 0,53–0,81; p = 0,001). Auch das Risiko, an Herz- oder Gefäßerkrankungen zu sterben, war bei den mit Canagliflozin behandelten Patienten hochsignifikant geringer.

„In Deutschland sind derzeit etwa 80 000 Menschen dialysepflichtig. Genaue Zahlen fehlen leider, weil es in Deutschland als nahezu einzigem Land in Europa kein Dialyseregister gibt – und die durchschnittliche Lebenserwartung von Dialysepatienten ist geringer als die eines Darmkrebspatienten“, so Galle. Besonders häufig betroffen sind Diabetes-Patienten.

Im Rahmen der CREDENCE-Studie wurden 4 401 Typ-2-Diabetiker mit diabetischer Nierenerkrankung (GFR zwischen 30 und 90 ml/min/1,73 m2 und Albuminurie) randomisiert; sie erhielten entweder Canagliflozin oder Placebo. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Median 2,62 Jahre. Dann bereits zeigte sich ein signifikanter Vorteil der Medikation im Hinblick auf den renalen wie auch den kombinierten sekundären Endpunkt (bestehend aus Sterblichkeit aufgrund von kardiovaskulären Ereignissen, Myokardinfarkt oder Schlaganfall). „Allein die Rate der Patienten, die dialysepflichtig wurden, konnte durch die SGLT2-Hemmung zusätzlich zur Standardtherapie um fast ein Drittel (32 %) gesenkt werden, was enorm ist“, kommentiert Galle.

Dabei wurde das nephroprotektive Potenzial von SGLT2-Hemmern eher zufällig entdeckt. Maßgeblich daran beteiligt war der Würzburger Nephrologe Prof. Dr. Christoph Wanner als Co-Autor der EMPA-REG-Outcome-Studien (2). SGLT2-Hemmer sind selektive Hemmer des Natrium-Glukose-Cotransporters-2 (SGLT2; auch „Gliflozine“). Sie hemmen die Glukoserückresorption in den Nierentubuli, was zur verstärkten Ausscheidung von Glukose mit dem Urin führt; der Blutzuckerspiegel sinkt.

Die Substanzen wurden als orale Antidiabetika entwickelt, und man erhoffte sich durch den Einsatz, auch das hohe kardiovaskuläre Risiko von Diabetikern positiv beeinflussen zu können. Die EMPA-REG-Outcome-Studie sollte genau das untersuchen, Langzeiteffekte auf die Progression der Nierenerkrankung waren lediglich im sekundären Endpunkt erhoben worden, den Wanner et al. gesondert auswerteten (3).

Auch die CANVAS-Studie (4) mit Canagliflozin und einem ähnlichen Design wie die EMPA-REG-Studie konnte den positiven Effekt auf das renale Outcome – allerdings ebenfalls nur im sekundären Endpunkt – bestätigen, weshalb von einem Substanzklasseneffekt auszugehen ist.

Die beobachteten nierenschützenden Effekte waren so ermutigend, dass große randomisierte Studien auf den Weg gebracht wurden, um den renalen Effekt von verschiedenen SGLT2-Inhibitoren im primären Endpunkt zu untersuchen – darunter die nun publizierte CREDENCE-Studie, deren Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen wird, dass SGLT2-Inhibitoren in die Standardtherapie von Patienten mit diabetischer Nierenkrankheit integriert werden, zumal in der Studie keine relevanten Sicherheitssignale beobachtet wurden.

Unter der Leitung von Wanner läuft derzeit noch eine multizentrische internationale randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Studie mit Empagliflozin. Etwa 5 000 Patienten mit manifester chronischer Nierenerkrankung mit und ohne Diabetes mellitus werden eingeschlossen. Die Studie ist ereignisgesteuert und wird fortgesetzt, bis die erforderliche Anzahl primärer Endpunkte erreicht ist. „Spannend an dieser Studie ist, ob auch Nichtdiabetiker in gleicher Weise vom renoprotektiven Effekt der Therapie profitieren“, so Wanner.

DOI: 10.3238/PersDia.2019.05.17.06

Dustin Grunert

1.
Perkovic V, Jardine MJ, Neal B, et al.: Canagliflozin and Renal Outcomes in Type 2 Diabetes and Nephropathy. N Engl J Med 2019. Doi: 10.1056/NEJMoa1811744 CrossRef MEDLINE
2.
Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.: Empagliflozin, Cardiovascular Outcomes, and Mortality in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2015; 373: 2117–28 CrossRef MEDLINE
3.
Wanner C, Inzucchi SE, Lachin JM, et al.: Empagliflozin and Progression of Kidney Disease in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2016; 375: 323–34 CrossRef MEDLINE
4.
Neal B, Perkovic V, Mahaffey KW, et al.: Canagliflozin and Cardiovascular and Renal Events in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2017; 77: 644–57 CrossRef MEDLINE
1. Perkovic V, Jardine MJ, Neal B, et al.: Canagliflozin and Renal Outcomes in Type 2 Diabetes and Nephropathy. N Engl J Med 2019. Doi: 10.1056/NEJMoa1811744 CrossRef MEDLINE
2. Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.: Empagliflozin, Cardiovascular Outcomes, and Mortality in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2015; 373: 2117–28 CrossRef MEDLINE
3. Wanner C, Inzucchi SE, Lachin JM, et al.: Empagliflozin and Progression of Kidney Disease in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2016; 375: 323–34 CrossRef MEDLINE
4.Neal B, Perkovic V, Mahaffey KW, et al.: Canagliflozin and Cardiovascular and Renal Events in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2017; 77: 644–57 CrossRef MEDLINE

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