ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Ernest Hemingway: Ein Mann der Extreme

VARIA: Feuilleton

Ernest Hemingway: Ein Mann der Extreme

Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-50 / B-36 / C-36

Lederer, Anne

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LNSLNS Der amerikanische Schriftsteller wollte leben und töten, lieben und kämpfen - und alles am besten exzessiv.


Ein Mann, der sich vor rund vierzig Jahren entschlossen hat, es nicht soweit kommen zu lassen, hätte im letzten Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Der Schriftsteller Ernest Hemingway ist in Hunderten von Zeitungsartikeln, Festreden und Veranstaltungen gefeiert worden. Würde er noch leben, dann hätte er selbst reden, Interviews geben und Fragen beantworten müssen. Jener Schriftsteller, der allerdings gar nicht gerne redete, der nicht einmal zur Verleihung des Literaturnobelpreises erschien. Stattdessen ließ er in seinem Namen eine knappe Dankesrede verlesen, in deren Manuskript es unter anderem heißt: "Ein Schriftsteller sollte das, was er zu sagen hat, nicht sagen, sondern niederschreiben." (Sinngemäße Übersetzung der Autorin) Am 21. Juli 1899 wird Ernest Miller Hemingway in Oak Park Michigan geboren. Als Sohn eines Arztes und einer Möchtegern-Opernsängerin wächst er zusammen mit fünf Geschwistern dort und in der Sommerresidenz der Familie am Wallon Lake auf. Früh verlässt er das Elternhaus, um in Kansas City und Chicago den Weg über den Journalismus hin zum Schriftsteller zu nehmen.
Bis zu seinem Freitod am 2. Juli 1961 ist er zu einem der bedeutenden Schriftsteller dieses Jahrhunderts geworden. Einer, dessen Schreib- und Lebensstil mehr als umstritten war, einer, den das Publikum gleichzeitig liebte und hasste - und keiner weiß so recht, warum. Seine Gegner verurteilten ihn wegen seiner brutalen Dialoge, seine Verehrer liebten ihn für die oft melancholisch anmutenden Erzählpassagen, für die Sehnsucht, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in die Tiefen seiner Seele führt.
So paradox dieser Stil war, so paradox war der Autor selbst. Als psychisch kranker Alkoholiker wird er dargestellt, und diesem Umstand schreibt man auch seinen Selbstmord zu. Hemingway war ein Mann der Extreme, er wollte leben und töten, lieben und kämpfen - und alles am besten exzessiv. Seine Hobbys hatten allesamt mit dem Tod zu tun. Krieg und Hochseefischen, Stierkampf und Großwildjagd - ein ausgestopfter Löwe und die Hörner eines Kudu zieren noch heute das Hemingway-Archiv in der John F. Kennedy Library in Boston. Ein Macho also, dessen Männlichkeitswahn gar die Liebe zu sich selbst übersteigt. "Bloß keine Schwächen zulassen, schon gar nicht vor sich selbst", das war das Motto, nach dem er lebte. Hemingway, der arrogante Emporkömmling, der nicht einmal davor zurückschreckte, sich in seinen Werken lustig zu machen über die Freunde, die ihm seinerzeit geholfen hatten, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Sherwood Anderson etwa schickt den mittellosen, aber talentierten jungen Mann 1921 nach Paris und stellt ihn unter die Obhut der amerikanischen Schriftstellerin und Mäzenin Gertrude Stein. Zum Dank erfährt er wenig später Hemingways gnadenlose Kritik an seinem Werk "Dunkles Lachen" in Gestalt der Parodie "Die Sturmfluten des Frühlings". Über Gertrude Stein, die ihm nicht nur eine Lehrmeisterin, sondern auch eine gute Freundin und die Patin seines ersten Sohnes war, macht Hemingway sich in seinem posthum erschienenen Erzählband "Paris ein Fest fürs Leben" lustig. Die Geschichten bieten neben der Ansammlung von Anekdötchen und kleinen Witzen auf Kosten anderer Leute auch eine ungewöhnliche Darstellung des Pariser Künstlerflairs der 20er-Jahre, und die Lektüre lohnt sich. Dort berichtet Hemingway auch von der lesbischen Beziehung Steins zu Alice B. Toklas. Nicht zu vergessen F. Scott Fitzgerald, der Autor der "Lost Generation", von dessen Angst vor unzulänglicher Manneskraft heute jeder in diesem Buch lesen kann. Dank Ernest Hemingway. Persönliche Erfahrungen
Gleiche Schmach wie den Freunden läßt er seinem Vater zuteil werden, den er doch so liebte, wie in den zahlreichen Nick-Adams-Storys belegt ist. Als Kind kann Hemingway jedoch die Unfähigkeit des Vaters, sich gegen die dominante Mutter zur Wehr zu setzen, nicht verstehen. In "Der Doktor und seine Frau", schildert er, wie er ihn dafür am liebsten mit dem Tod bestraft hätte. Aber warum tut er ihnen allen das an? Jenen, die ihm so nahe standen und die für sein Werk und sein Leben so wichtig waren? Vielleicht, weil er ihre Schwächen ebenso wenig ertragen konnte wie seine eigenen? Immer wieder stellt er die Frage nach dem "Warum?", indem er das, worauf er keine Antworten findet, niederschreibt. Dabei scheint er nicht zu bedenken, daß er eine breite Angriffsfläche für die Kritik bietet, unter der er später sehr leidet. Persönliche Erfahrungen halten dennoch immer Einzug in seine Werke. Hemingway, der Mann, der fünf Frauen verschliss und nur eine davon nicht zu seiner Ehefrau machen konnte. Die Krankenschwester Agnes von Kurowsky pflegte den Kriegsverwundeten im Lazarett in Italien. Aus dieser Affäre entsteht 1929 sein einziger Liebesroman "In einem anderen Land". Der Enttäuschung über die Frau, die ihn verschmäht hat, macht er Luft, indem er sie im Roman sterben lässt. Der Tod, eine Situation, die der Mensch nicht verändern kann.
Der Moment des Todes hat den Schriftsteller von jeher so fasziniert, dass er ihn am liebsten hätte zu Eis erstarren lassen. Einfach aus Angst, dass er eintritt, aber auch, um zu erforschen, warum. Früh wird er mit dem gewaltsamen Tod konfrontiert, eben in jenem "anderen Land". Grund genug, um ihn in sein Schaffen einzubeziehen. Doch hat Hemingway es sich zur Aufgabe gemacht, den Tod zu entmystifizieren, um dem menschlichen Leben einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen. Er will die Angst vor dem Nichts, dem "Nada", die er in der Kurzgeschichte "Ein sauberes, gut beleuch-tetes Café" veranschaulicht, bekämpfen.
Den entscheidenden Einstieg in dieses Unterfangen und den Übergang vom Kurzgeschichtenautor zum Romanschriftsteller unternimmt er mit seinem Roman "Fiesta", den er als 27-Jähriger in Paris schreibt, als er noch eng mit F. Scott Fitzgerald und Gertrude Stein befreundet ist. Darin erzählt er von der jungen Pariser Gesellschaft, "Einer verlorenen Generation", wie Gertrude Stein sie abfällig nannte. Das bunte Völkchen wird bei der Stierkampf-Fiesta in Pamplona mit der elementaren Situation des Kampfes konfrontiert. Hemingway versucht, den Kampf zu erklären und die Paradoxie des Moments zwischen Leben und Tod aufzuheben. Schon in "Fiesta" wird deutlich, dass die Menschheit ein mickriges Völkchen darstellt, verglichen mit der ewig wiederkehrenden Natur. So setzt er Steins Kommentar ein Bibelzitat entgegen und stellt beides dem Roman voran. Dort heißt es: "Ein Geschlecht vergehet, das andere kommt, die Erde bleibet aber ewiglich."
Das Thema Leben und Tod, der Gegensatz der Vergänglichkeit des Menschen zur Ewigkeit der Erde, wird zu einem Konflikt, der sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit zieht. Die Überwindung des Todes, das Sicheingestehen von Schwächen und die Suche nach Selbstverwirklichung sollen studiert werden. Voraussetzung ist, die Schwächen nicht offen zu zeigen. Oberstes Gebot für den Hemingway-Helden ist daher: "Bloß nicht nachdenken!" Das funktioniert bei Hemingway durch das Festhalten von Momenten des NichtBegreifens in Landschaftsbildern. Sie fungieren als Platzhalter für die Gefühle, die nicht erwähnt werden. Man könnte meinen, Hemingway produziert Lücken in der Handlung, wenn er
die Gedanken seines Helden hinter Bildern versteckt. Der Text wirkt dann wie ein Gemälde von Cézanne, dem Maler, mit dessen impressionistischer Technik Hemingway seinen Stil gerne verglich. Doch bald wird klar, dass die besondere Aussage der Werke Hemingways in der Symbolkraft der Natur liegt. Im Schutz der Bäume, in der Macht gewaltiger Berge, in der Tiefe der Täler und der Unendlichkeit des Meeres findet der HemingwayProtagonist Zuflucht. Die Natur und ihre Gewalten deuten ihm seinen Weg, wenn der Autor es regnen und stürmen lässt, wenn die Sonne brennt und der Schnee fällt. Die Natur ist oft das Letzte, worauf sich der Mensch bei Hemingway verlassen kann, und oft auch das Einzige, mit dem zu kommunizieren sich für ihn lohnt. Sie hebt seine Konflikte auf eine höhere, eine transzendente Ebene, eine Dimension, die der Betroffene zu erreichen versucht und die auch Ernest Hemingway beim Schreiben anstrebte. Zweifelnde Helden
Die Gedanken und Zweifel des Protagonisten durch innere Monologe wiederzugeben hätte hingegen Tragik in Hemingways Werke gebracht und sie nicht mehr kraftvoll wirken lassen. Lieber wollte er sich dem Vorwurf stellen, banale Dialoge zu schreiben, und denen, die ihn liebten, den Hinweis geben auf die Seelenlandschaft der Charaktere.
Was aber, wenn der Konflikt in der Begegnung mit der Natur nicht gelöst wird, sondern ins Leere entgleitet und sich immer weiter fortträgt? Das ist bei Hemingway oft genug der Fall, denn seine Helden zweifeln, haben Angst. Nick Adams kehrt aus dem Krieg an den "großen doppelherzigen Strom", zurück, den Fluss seiner Kindheit. Der Fluss kann ihm helfen, sein Problem zu bewältigen. Doch der Versuch, das Grauen des Krieges zu verarbeiten, wird auf später verschoben. Die Geschichte endet, doch eigentlich endet sie nicht. Bei Hemingway findet jeder seinen Frieden in der Natur nur so lange, wie er auch mit ihr allein ist. Es ist die Menschheit, die einen immer wieder aufmerksam macht auf die eigenen Schwächen. Gelingt es nicht, den Konflikt zu bewältigen, dann steht am Ende aller Schwächen der Tod. Der Mensch als intelligentes Wesen besitzt dann, gegenüber der Natur, das Privileg, ihn selbst eintreten zu lassen. Diese Freiheit hat Ernest Hemingway sich genommen. Größer als die Angst vor dem Nichts war die Angst, diesen Moment nicht selbst bestimmen zu können. Anne Lederer

Ernest Hemingway: "Ein Schriftsteller sollte das, was er zu sagen hat, nicht sagen, sondern niederschreiben."
Fotos: Rowohlt Verlag

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