ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Tomisaku Kawasaki ließ sich nicht beirren

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Tomisaku Kawasaki ließ sich nicht beirren

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): [48]

Schuchart, Sabine

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Der japanische Arzt wurde durch seine analytische Beobachtungsgabe auf eine seltene Kinderkrankheit aufmerksam, die seine Kollegen fälschlich für Scharlach hielten. Auch mehr als fünf Jahrzehnte später gibt es zur Ursache trotz intensiver Forschung nur Vermutungen.

Sogar in die amerikanische Blockbuster-Arztserie Dr. House hat es das Kawasaki-Syndrom geschafft. Dabei dürfte es für den als sehr bescheiden geltenden japanischen Pädiater Tomisaku Kawasaki sehr überraschend gewesen sein, als sich sein Name seit Ende der 1970er-Jahre weltweit in medizinischen Fachkreisen als Begriff für die von ihm entdeckte akute entzündliche Erkrankung der Blutgefäße im Kleinkind-alter etablierte. Eine absolut verdiente Ehrung: Denn Kawasaki hatte klarsichtig und äußerst hartnäckig über viele Jahre gegen den Widerstand von Fachkollegen in Japan um die Anerkennung der außergewöhnlichen Kinderkrankheit (siehe Kasten) gekämpft: „Eine solche Kombination von Symptomen hatte ich nie zuvor gesehen, sie fand sich auch in keinem Medizinlehrbuch“, erinnerte er sich später an seinen ersten kleinen Patienten mit dieser Krankheit. Damals hatte er immerhin schon elf Jahre Erfahrung als Kinderarzt in einem Krankenhaus. Auf einer internen Konferenz vermuteten seine Kollegen einen Fall von Scharlach, was Kawasaki aber für nicht zutreffend hielt. Man einigte sich auf eine „unbestimmte Diagnose“. Dass er eine neue Krankheit entdeckt hatte, wollten auch die Ärzte in seiner Klinik lange nicht akzeptieren.

Kawasaki forschte weiter. Als ein Jahr später ein weiteres Kind mit ähnlichen Symptomen eingeliefert wurde, war er überzeugt, dass es sich um eine neue „mysteriöse Krankheit“ handeln müsse. Nach sechsjähriger Beschäftigung mit dem schweren Kinderleiden konnte er 1967 schließlich in einer japanischen Fachzeitschrift anhand von 50 Patientenfällen seine Erkenntnisse zu der Erkrankung präsentieren, die er „Akutes fiebriges mukokutanes Lymphknotensyndrom“ nannte. Seine 44-seitige Studie stieß auf rege Reaktionen der japanischen Ärzteschaft, zumal es inzwischen zu plötzlichen Todesfällen von Kleinkindern gekommen war, bei denen man Kawasakis Entdeckung als Ursache vermutete.

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Tomisaku Kawasaki wurde am 7. Februar 1925 als letztes von sieben Kindern in eine arme Familie in Tokio geboren. Er interessierte sich als Jugendlicher leidenschaftlich für Botanik, nahm aber – dem Wunsch der Mutter folgend – kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Medizinstudium an der staatlichen Universität Chiba auf. Nach dem Examen und mehreren unbezahlten praktischen Stationen spürte er, wozu er sich berufen fühlte: „Während erwachsene Patienten immerzu klagen, sagen kranke Kinder nur wenig. Ich mochte Kinder einfach sehr.“ Über eine Empfehlung erhielt Kawasaki eine Anstellung als Kinderarzt am Rot-Kreuz-Hospital im Stadtteil Hiroo in Tokio – eine Position, die er über vier Jahrzehnte innehaben sollte. Nach seiner Pensionierung wurde er Direktor des neu gegründeten „Japan Kawasaki Disease Research Center“. Er wurde in Japan und weltweit mit Preisen ausgezeichnet und lehrte auch in den USA.

In Japan erkranken circa 265 von 100 000 Kindern im Alter unter fünf Jahren am Kawasaki-Syndrom, in Europa und den Vereinigten Staaten fünf bis acht. Unbehandelt kann die Krankheit zu einer irreversiblen Schädigung der Koronargefäße mit tödlichem Ausgang führen. Es ist Kawasakis Verdienst, durch seine genaue Beschreibung der klinischen Symptome eine frühe Diagnose ermöglicht und so die Heilungschancen entscheidend verbessert zu haben. In Asien gilt der inzwischen 94-jährige, heute noch immer aktive Dr. Tomisaku Kawasaki als eine der größten lebenden medizinischen Legenden. In Anerkennung seiner Leistungen empfing ihn sogar das japanische Kaiserpaar – für ihn der Höhepunkt seines Lebens. Sabine Schuchart

Foto: http://www.idoj.in/viewimage.asp?img=IndianDermatolOnline J_2016_7_6_461_193903_f1.jpg
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1979 wurde das Kawasaki-Syndrom in die 11. Auflage des „Nelson Textbook of Pediatrics“ – das US-Standardwerk der Pädiatrie – aufgenommen und war damit als Begriff international etabliert. Tomisaku Kawasaki (* 1925) hatte 1961 einen vierjährigen Jungen behandelt, dessen Fieber, geschwollene Lymphknoten, Himbeerzunge und Ganzkörperexantheme nicht auf Antibiotika reagierten. Er vermutete eine bis dahin unbekannte Krankheit, die – wie er später erkannte – mit einer Vaskulitis einhergeht und zu lebensgefährlichen kardialen Komplikationen führen kann. 1967 publizierte er seine Erkenntnisse anhand von 50 Patientenfällen in seiner Muttersprache, 1974 auch in Englisch. Die Ursache der Erkrankung, die Kleinkinder vor allem in Asien, seltener auch in Europa und den USA betrifft, ist bis heute unklar. Neben genetischen Faktoren werden infektiöse Trigger und Umweltaspekte wie Schwermetalle und Mykotoxine diskutiert.

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