ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Hämophilie A: Verbesserte Blutungsprophylaxe

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Hämophilie A: Verbesserte Blutungsprophylaxe

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-1017

König, Romy

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Ein routinemäßiger Schutz vor Blutungen mit dem bispezifischen Antikörper Emicizumab ist nun auch bei Hämophilie-A-Patienten ohne Inhibitoren möglich. Studien zeigen eine signifikante Abnahme der jährlichen Blutungsrate – auch im Vergleich zum bisherigen Goldstandard.

Seit März 2018 ist der Wirkstoff Emicizumab (Hemlibra®, Roche) zur Routineprophylaxe von Blutungsereignissen bei Patienten mit Hämophilie A und Faktor-VIII-Inhibitoren zugelassen. Nun hat die Europäische Kommission die Zulassung auf Patienten ohne Inhibitoren ausgedehnt. Die Erweiterung beinhaltet zudem wöchentliche sowie 2- und 4-wöchentliche Dosierungsintervalle.

Das Deutsche Hämophilie-Register des Paul-Ehrlich-Instituts verzeichnete im Jahr 2016 knapp 4 000 Menschen mit Hämophilie A; 2 364 von ihnen sind an der schweren Form mit einer Faktor-VIII-Restaktivität von unter 1 % erkrankt. Eine prophylaktische Dauertherapie erhalten 85 % dieser Patienten. Bislang werden dafür vor allem Faktorpräparate eingesetzt, die den fehlenden Faktor VIII (FVIII) substituieren. Das Wirkprinzip von Emicizumab unterscheidet sich von der bisherigen Therapie: Der Antikörper bindet bifunktional an die Gerinnungsfaktoren IXa und X. „Er bringt beide Faktoren genauso zusammen, wie es der Faktor VIII tut“, erklärte Prof. Dr. med. Johannes Oldenburg, Bonn. „Der Antikörper erzeugt einen Faktor Xa, der später in der Gerinnungskaskade wirkt.“

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Antikörper mit Vorteilen

Gegenüber einem Faktorpräparat ergebe sich eine ganze Reihe an Vorteilen. „Als Antikörper hat der Wirkstoff eine andere Struktur als FVIII, kann also bei Patienten mit und ohne FVIII-Antikörper gegeben werden“, so der Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin des Universitätsklinikums Bonn weiter. Emicizumab verfüge über eine Halbwertszeit von 28–34 Tagen, was eine prophylaktische Applikation im Abstand von 1, 2 oder 4 Wochen erlaube. Zudem könne die Injektion subkutan erfolgen statt wie bei Faktorpräparaten intravenös .

Basis der jüngsten Zulassung des Wirkstoffs für Patienten mit Hämophilie A ohne Inhibitoren sind die Ergebnisse der Studie HAVEN 3, durchgeführt an Erwachsenen und an Jugendlichen im Alter ab 12 Jahren. Im randomisierten Vergleich der Antikörperprophylaxe mit einer FVIII-Bedarfstherapie zeigte sich unter Emicizumab ein Rückgang der auf 1 Jahr bezogenen Blutungsrate um 96 % (1,5 mg/kg Körpergewicht pro Woche) beziehungsweise 97 % (3 mg/kg Körpergewicht alle 2 Wochen). Der Anteil der Patienten, die unter Emicizumab keine Blutungen hatten, lag bei 56 % (wöchentliche Gabe) beziehungsweise 60 % (Gabe alle 2 Wochen). In der Gruppe der bedarfsbehandelten Patienten gab es niemanden ohne Blutungen. Eine sehr begrenzte Anzahl von Blutungen (0–3) verzeichneten 92 % (wöchentliche Gabe) beziehungsweise 94 % (Gabe alle 2 Wochen) der Emicizumab-Patienten; bei den Bedarfsbehandelten waren es 6 %.

Doch auch gegenüber der dauerhaften FVIII-Prophylaxe, „dem Goldstandard der Therapie“, wie Oldenburg betonte, konnte der Antikörper überzeugen: Dazu wurden Studienteilnehmer mit vorheriger FVIII-Prophylaxe auf eine wöchentliche Emicizumab-Prophylaxe umgestellt (1,5 mg/kg Körpergewicht). Im intraindividuellen Vergleich zeigte sich, dass die auf ein Jahr bezogene Blutungsrate unter Emicizumab von 4,8 auf 1,5 sank, was einer Reduktion um 68 % entspricht. Insgesamt 54 % der Patienten hatten unter Emicizumab im Laufe des Untersuchungszeitraums keine Blutungen, 90 % weniger als 3 Blutungen; unter FVIII-Prophylaxe lagen diese Anteile bei 40 % beziehungsweise 73 %. „Emicizumab bewirkt also selbst im Vergleich zum Goldstandard eine deutliche Senkung der Blutungsrate“, so Oldenburg.

Erleichterung für Patienten

In der HAVEN-4-Studie wurde zusätzlich die 4-wöchentliche Anwendung untersucht. Auch hier zeigte sich ein zuverlässiger Blutungsschutz: 56 % der Teilnehmer hatten in einem medianen Beobachtungszeitraum von 25,6 Wochen keine behandlungsbedürftige Blutung. Insgesamt zeige Emicizumab zudem ein „sehr gutes Risikoprofil“, so Oldenburg weiter. Schwere unerwünschte Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet, kleinere und kurzfristige Injektionsreaktionen wie Rötung oder Juckreiz an der Applikationsstelle seien als unbedenklich einzustufen.

Für die Patienten bedeute das neue Präparat eine große Erleichterung, wie Dr. med. Claudia Klein, Fachärztin für Transfusionsmedizin am Uniklinikum Bonn, berichtete: Vor allem der Wegfall der zum Teil täglichen intravenösen Injektionen sorge für eine Normalisierung. Ein Patient, der an der Studie teilgenommen hatte, berichtete von einem „erheblichen Gewinn an Lebensqualität“, auch da die ständige Angst, sich zu verletzen und zu bluten, gesunken sei. Romy König

Quelle: Pressekonferenz „Emicizumab (Hemlibra®): Neue Behandlungsoption für Menschen mit Hämophilie A ohne Inhibitoren“, 25. März 2019, Frankfurt am Main. Veranstalter: Roche.

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