ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Altersassoziierte Makuladegeneration: Spätes Erbe einer Präeklampsie

MEDIZINREPORT

Altersassoziierte Makuladegeneration: Spätes Erbe einer Präeklampsie

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-1007 / B-831 / C-819

Lenzen-Schulte, Martina

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Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen beeinträchtigen langfristig die Sehfähigkeit der Mutter. Das Risiko für mehrere Augenerkrankungen ist erhöht, insbesondere die Retina ist betroffen.

Zur Schwangerschaftsvorsorge zählt auch das regelmäßige Blutdruckmessen. Ein Präeklampsie-Screening ist in den Mutterschaftsrichtlinien jedoch nicht vorgesehen. Foto: interstid/stock.adobe.com
Zur Schwangerschaftsvorsorge zählt auch das regelmäßige Blutdruckmessen. Ein Präeklampsie-Screening ist in den Mutterschaftsrichtlinien jedoch nicht vorgesehen. Foto: interstid/stock.adobe.com

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen bergen zum einen akute Gefahren. Sie sind für 20 bis 25 % der perinatalen mütterlichen Sterblichkeit in Europa verantwortlich (1). Zum anderen erhöhen sie langfristig die mütterliche Morbidität, etwa was kardiovaskuläre Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes angeht. Zu den Organen, die auf Dauer geschädigt werden, zählt aber auch das Auge.

Eine Studie der Utah University in Salt Lake City weist jetzt erstmals einen Zusammenhang mit der Altersassoziierten Makuladegeneration (AMD) nach. Ein Team um Prof. Gregory S. Hageman, dem Direktor des Moran Eye Center, nutzte hierfür die Utah Population Database, die Informationen über mehr als 9 Millionen Bewohner dieses Bundesstaates bereithält.

Die Angaben zu 31 454 Frauen, die eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung (Hypertensive disorder of pregnancy [HDP]) durchgemacht hatten, wurden mit denen von 62 908 Frauen ohne einschlägige Diagnose verglichen. Die Forscher ermittelten anhand von ICD-Nummern, wie häufig sich bei diesen Frauen zwischen 1992 und 2015 die exsudative Form der AMD entwickelt hatte. Sie ist durch Neovaskularisationen in der Chorioidea gekennzeichnet und für den Visus besonders bedrohlich. Das Risiko, im späteren Leben bereits vor dem 70. Lebensjahr eine feuchte oder exsudative AMD zu entwickeln, war nach einer HDP um relative 80 % höher als bei Frauen, die während ihrer Schwangerschaft normoton waren (2).

Diese Publikation reiht sich ein in Befunde, die das Auge bereits früher als gefährdetes Organ nach HDP identifiziert hatten (3). Denn die Frauen müssen danach auch eher mit einer Diabetischen Retinopathie und mit Netzhautablösungen rechnen. Nach Ansicht der Studienautoren liegt es daher nahe, die Betroffenen später regelmäßig ophthalmologisch im Hinblick auf die Spätfolgen ihrer Schwangerschaftskomplikationen zu screenen.

Zum HDP-Spektrum zählt in der leichtesten Ausprägung die De-novo-Hypertonie (≥ 140/90 mmHg) nach der 20. Schwangerschaftswoche (4). Die nächst schwerere Form ist die Präeklampsie, bei der zum Hochdruck noch eine Proteinurie oder ein anderer Organschaden hinzukommt (5). Bei der Eklampsie treten zusätzlich Krampfanfälle auf, beim HELLP-Syndrom sind überdies die Gerinnung und die Leberfunktion stark beeinträchtigt. Bis zu 8 % der Schwangeren müssen mit einer HDP rechnen. Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem ein höheres Alter der Schwangeren, Nierenerkrankungen oder Mehrlingsschwangerschaften.

Überdies ist auch die Eizellspende überdurchschnittlich oft mit einem Schwangerschaftshochdruck vergesellschaftet. Laut einer neueren Metaanalyse ist danach das Risiko einer Präeklampsie um den Faktor 4,5 erhöht (6). Dies wird darauf zurückgeführt, dass grundsätzlich jeder Embryo hohe Anforderungen an die Immunbalance der Plazenta stellt, da seine DNA zur Hälfte fremd ist. Stammt darüber hinaus auch noch die mütterliche DNA von einer fremden Frau, belastet dies das Immunsystem über Gebühr. Experten empfehlen daher nach einer Eizellspende eine engmaschige pränatale Überwachung (4). Aber nicht nur in Deutschland, wo die Eizellspende nicht erlaubt ist, wird dieser Umstand häufig nicht kommuniziert oder dokumentiert (7). Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2019
oder über QR-Code.

1.
Schlembach D, Hund M, Schroer A, et al.: Economic assessment of the use of the sFlt-1/PIGF ratio test to predict preeclampsia in Germany. BMC Health Services Research 2018; 18:603 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Curtin K, Theilen LH, Fraser A, et al.: Hypertensive disorders of pregnancy increase the risk of developing neovascular age-related macular degeneration in later life.Hyperten-sion in Pregnancy 12. April 2019 doi: 10.1080/10641955.2019.1597107 (last accessed on 8. Mai 2019) CrossRef MEDLINE
3.
Beharier O, Davidson E, Sergienko R, et al.: Preeclampsia and Future Risk for Maternal Ophthalmic Complications. Am J Perinatol. 2016; 33 (7): 703–7 CrossRef MEDLINE
4.
Pecks U, Maass N, Neulen J: Eizellspende – ein Risikofaktor für Schwangerschaftshochdruck. Deutsches Ärzteblatt 2011; 108 (3): 23–31.
5.
Schwangerschaftshochdruck / Präeklampsie. Frauenärzte im Netz. https://www.frauenaerzte-im-netz.de/erkrankungen/schwangerschaftshochdruck-praeeklampsie/krankheitsbilder/ (last accessed on 8. Mai 2019).
6.
Schwarze JE, Borda P, Vásquez P, et al.: Is the risk of preeclampsia higher in donor oocyte pregnancies? A systematic review and meta-analysis. JBRA Assist Reprod. 2018; 22 (1): 15–19 CrossRef
7.
Geisler M, Meaney S, O’Donoghue K, et al.: Oocyte Donation Pregnancies- Non-Disclosure of Oocyte Recipient Status to Obstetric Care Providers and Perinatal Outcomes. Ir MedJ. 2017; 110 (10): 654.
1.Schlembach D, Hund M, Schroer A, et al.: Economic assessment of the use of the sFlt-1/PIGF ratio test to predict preeclampsia in Germany. BMC Health Services Research 2018; 18:603 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Curtin K, Theilen LH, Fraser A, et al.: Hypertensive disorders of pregnancy increase the risk of developing neovascular age-related macular degeneration in later life.Hyperten-sion in Pregnancy 12. April 2019 doi: 10.1080/10641955.2019.1597107 (last accessed on 8. Mai 2019) CrossRef MEDLINE
3.Beharier O, Davidson E, Sergienko R, et al.: Preeclampsia and Future Risk for Maternal Ophthalmic Complications. Am J Perinatol. 2016; 33 (7): 703–7 CrossRef MEDLINE
4.Pecks U, Maass N, Neulen J: Eizellspende – ein Risikofaktor für Schwangerschaftshochdruck. Deutsches Ärzteblatt 2011; 108 (3): 23–31.
5. Schwangerschaftshochdruck / Präeklampsie. Frauenärzte im Netz. https://www.frauenaerzte-im-netz.de/erkrankungen/schwangerschaftshochdruck-praeeklampsie/krankheitsbilder/ (last accessed on 8. Mai 2019).
6.Schwarze JE, Borda P, Vásquez P, et al.: Is the risk of preeclampsia higher in donor oocyte pregnancies? A systematic review and meta-analysis. JBRA Assist Reprod. 2018; 22 (1): 15–19 CrossRef
7.Geisler M, Meaney S, O’Donoghue K, et al.: Oocyte Donation Pregnancies- Non-Disclosure of Oocyte Recipient Status to Obstetric Care Providers and Perinatal Outcomes. Ir MedJ. 2017; 110 (10): 654.

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