ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Ambulante Soziotherapie II: „Viele haben aufgegeben“

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Ambulante Soziotherapie II: „Viele haben aufgegeben“

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-1006 / B-830 / C-818

Bühring, Petra

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Bundesweit bieten nur rund 600 Soziotherapeuten ihre Leistungen an. Der Grund dafür liegt vor allem in der schlechten Vergütung, die eine selbstständige Tätigkeit nicht attraktiv macht. Doch auch für verordnungsberechtigte Ärzte und Psychotherapeuten gibt es Hindernisse.

Fast 20 Jahre besteht der Rechtsanspruch auf ambulante Soziotherapie für schwer psychische kranke Patientinnen und Patienten nun, doch flächendeckend steht diese Leistung denjenigen, die davon profitieren könnten, immer noch nicht zur Verfügung. Zwar sind die Ausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) für die Soziotherapie seit 2008 angestiegen: von 3,4 Millionen auf 6,1 Millionen in 2017. Doch von der ursprünglich geschätzten Mehrbelastung der GKV von 250 Millionen Euro für das zweite Jahr nach Einführung der Soziotherapie ist man weit entfernt. „Da ist noch sehr viel Luft“, sagt Claudia Scheytt vom Paritätischen Gesamtverband, die an die alten Zahlen erinnert.

Förderung in Rheinland-Pfalz

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„Die Vergütungsbedingungen für selbstständige Soziotherapeuten stehen in totalem Widerspruch zu den hohen Anforderungen der Soziotherapie-Richtlinie“, sagt Hansgeorg Ließem, Vorsitzender des Berufsverbandes der Soziotherapeuten. In Folge gibt es nach seinen Angaben in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommeren und Thüringen gar keine Soziotherapeuten. Bundesweit sind es nur rund 600, die meisten davon, rund 120, in Rheinland-Pfalz. Dort fördere das Sozialministerium die Soziotherapie, sagt Ließem, und biete Bedingungen an, die qualifizierten Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Psychologen oder Pflegekräften eine echte berufliche Perspektive in diesem Bereich ermögliche. Die Vergütung für Soziotherapie ist in den meisten Bundesländern sehr niedrig und variiert zwischen rund 31 Euro pro Stunde in Hessen und 51 Euro in Nordrhein-Westfalen, so der Berufsverbandsvorsitzende. Vergütet werde in den meisten Bundesländern nur der unmittelbare Patientenkontakt der aufsuchenden Leistung, jedoch keine Fahrtkosten oder die Erstellung des Therapieplans.

„Die Vergütung für Soziotherapie ist unwirtschaftlich, die Vertragsgestaltung bundesweit sehr uneinheitlich und die Zulassungsvoraussetzungen der Krankenkassen vor Ort eher willkürlich“, sagt auch Petra Godel-Ehrhart vom Dachverband Gemeindepsychiatrie. Viele motivierte Soziotherapeuten hätten deshalb im Laufe der Jahre die Selbstständigkeit aufgegeben, trotz guter Therapieerfolge, berichtet die Soziotherapeutin. Auch in den meisten Gemeindepsychiatrischen Verbünden fehle die Soziotherapie; genaue Zahlen gebe es nicht, lediglich „Willensbekundungen“ der Träger der Verbünde, die Leistung anzubieten, wenn sich die Bedingungen verbessern sollten, erläutert Godel-Ehrhart. „Das ist eine absurde Situation, schließlich ist die Soziotherapie eine gemeindepsychiatrische Leistung par excellence“, kritisiert der Psychiater Nils Greve, Vorsitzender des Dachverbandes.

An der mangelnden Bereitschaft von Ärzten und Psychotherapeuten scheint es nicht zu liegen, dass nur wenige Patienten von Soziotherapie profitieren. „Potenziell verordnende Ärzte haben sich an die Nicht-Existenz der Soziotherapie gewöhnt. Welchen Sinn hätte es schließlich eine Leistung zu verordnen, die vor Ort niemand erbringt?“, fragt Greve. „Dort wo es Soziotherapeuten in der Versorgung gibt, wird die Zusammenarbeit von den Psychotherapeuten sehr positiv erlebt“, betont Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Seit April 2018 können auch Psychotherapeuten Soziotherapie verordnen. Allerdings ist seiner Ansicht nach die Vergütung der Verordnung von Soziotherapie und der Koordinationsleistungen „völlig ungeeignet“, um eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte Versorgung von schwer psychisch Kranken zu gewährleisten. Darüber hinaus sieht die Vertreterin des Paritätischen, Scheytt die Notwendigkeit, sich zur Soziotherapie-Verordnung bei der Kassenärztlichen Vereinigung zulassen zu müssen, als zusätzliche Hürde an: „Das Verfahren erscheint vielen zu aufwendig, sodass sie eine Zulassung erst gar nicht beantragen.“

Rahmenverträge gefordert

Was ist zu tun? Einig sind sich alle Befragten, dass erst, wenn die Vergütungsbedingungen durch entsprechende Rahmenverträge zwischen Krankenkassen und Soziotherapeuten verbesserten werden, ein flächendeckendes Angebot entstehen kann. Vergütet werden sollte nicht nur der reine Patientenkontakt, sondern alle notwendigen Leistungen. Auch das Zulassungsverfahren für Soziotherapeuten sollte durch Rahmenverträge vereinfacht werden. Konkret fordert beispielsweise der Paritätische vom Gesetzgeber, den § 132 b SGB V „Versorgung mit Soziotherapie“ dahingehend anzupassen, dass die Krankenkassen eine Verpflichtung zum Abschluss von landesweiten Rahmenverträgen haben sollen. Bisher besteht nur eine „Kann“-Regelung. Darüber hinaus sollten die Zulassungshürden für verordnungsberechtigte Ärzte und Psychotherapeuten abgeschafft oder deutlich vereinfacht werden. Petra Bühring

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