ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Hygienemanagement: Gegen routinierte Nachlässigkeit

MANAGEMENT

Hygienemanagement: Gegen routinierte Nachlässigkeit

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-1026 / B-844 / C-832

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Hygieneauflagen für Kliniken sind mittlerweile hoch, die Vorschriften streng, die Konsequenzen erheblich. Dennoch ahnen viele Verantwortliche offenbar nicht, wie schnell sie mit einem Bein bereits im Organisationsverschulden stehen – und wie teuer dies im Streitfall für sie werden kann.

Foto: Infoblatt HyKoMed
Foto: Infoblatt HyKoMed

Die Formulierung ist skandalträchtig: „Leise rieseln die Hautschuppen in die OP-Wunden“ ... Mit diesen offenen Worten möchte Prof. Dr. med. Walter Popp ganz bewusst aufrütteln, wenn er über die allfälligen Missstände des Hygienemanagements in Kliniken spricht. Mitunter herrsche in puncto Hygiene regelrecht Anarchie im Operationssaal, führt der Hygieneexperte von der HyKoMed GmbH aus. Nicht nur hingen Mitarbeitenden, Ärztinnen und Ärzten am Operationstisch die Haare heraus oder der Mund-Nasen-Schutz sei nicht dicht gebunden. „Wir sehen auch bei Begehungen, dass sich Anästhesisten im Verlauf einer Operation nicht ein einziges Mal die Hände desinfizierten, obwohl genügend Zeit dafür vorhanden wäre“, berichtet Popp aus seinen Erfahrungen als Berater von Kliniken.

Anzeige

Popp verweist als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) auf die Forderungen seiner Gesellschaft nach mehr Disziplin in Sachen Hygiene. Wenn man etwa wisse, dass die Ohren am ehesten Bakterien abgeben, dann könnte eigentlich nur eine generelle Pflicht zu Astro-Hauben die Konsequenz sein.

Popp schlägt vor, moderne Überwachungstechniken zu nutzen, um dies durchzusetzen. Das fängt an bei Videokameras, die im OP Kleidung und Verhalten dokumentieren. Wer elektronisch erfasst, wie oft im OP die Tür aufgeht, kann objektivieren, wenn durch viel Hin- und Hergelaufe der Keimeintrag höher ist.

IT-Hygieneschleusen für den OP

Am Universitätsspital Basel ist dies bereits implementiert – wer sich nicht als Klinik outen will, die sich einem modernen Hygienemanagement verweigert, muss sich mit solch überprüfbaren Kriterien auseinandersetzen. Noch Zukunftsvision, aber durchaus realistisch ist die Forderung, OP-Mitarbeitende in puncto Kleidung in einer Videoschleuse zu scannen und erst dann den Zutritt zu gewähren, wenn von dem unbestechlichen KI-Auge alles für korrekt befunden worden ist.

Entscheidend sei, § 23 Infektionsschutzgesetz (IfSG) in die Praxis umzusetzen. Dieser Paragraf ist zwar seit 2011 gültig, aber noch nicht wirklich in den Köpfen angekommen, findet Popp: „Ein Beispiel dafür sind die häufig anzutreffenden Widersprüche zwischen Hygieneplan und Desinfektionsplan“, weiß er aus seiner Gutachtertätigkeit. Jedes Haus ist gehalten, einen Hygieneplan zu erstellen. Der ist nicht einheitlich definiert, sondern richtet sich nach den Anforderungen der Einrichtung. Eine psychosomatische Rehaklinik, ein Dialysezentrum, ein Krankenhaus der Maximalversorgung mit Perinatalzentrum und Intensivstationen – sie alle differieren in ihren Hygieneanforderungen. So viele Muster-Hygienepläne folglich auch im Internet angeboten werden – jede Klinik muss stets ihren eigenen erstellen.

Der Desinfektionsplan stellt nun quasi eine komprimierte Fassung des Hygieneplans dar. Darin sollen die Abläufe von Routinemaßnahmen – Hände- oder Flächendesinfektion vor und nach Verbandswechsel oder vor und nach endoskopischen Eingriffen – separat dokumentiert werden. „Beides gehört jeweils aktualisiert und miteinander abgeglichen“, mahnt Popp. Daran hapert es aber oft, wenn etwa an einer Stelle eine Änderung eingefügt wurde, diese einer anderen Stelle aber nicht mehr entspricht. Dann gibt es bei den gleichen Sachverhalten Unstimmigkeiten.

Wenn etwa ein neues Desinfektionsmittel für die präoperative Hautdesinfektion verwendet wird, ändern sich womöglich die Einwirkzeiten zum Beispiel an der talgdrüsenreichen Haut der Wirbelsäule. Dies gilt es sowohl im Desinfektionsplan als auch im Hygieneplan zu aktualisieren und zu vereinheitlichen. „Gibt es solche offensichtlichen Widersprüche in den Plänen, ist dies natürlich immer ein Hinweis auf ein Organisationsverschulden“, betont Popp.

Und dies bedeutet für den Fall, dass eine juristische Auseinandersetzung droht, dass die Klinik in der Beweispflicht ist: Nicht ein potenziell von MRSA-Keimen geschädigter Patient der Klinik muss die Kausalkette medizinisch unanfechtbar dartun. Vielmehr muss das Krankenhaus – und hier ist laut IfSG zuallererst der Geschäftsführer der für die Hygiene Verantwortliche – den Beweis führen, dass die gesundheitliche Beeinträchtigung zweifelsfrei nicht auf diese nosokomiale Infektion zurückzuführen ist.

Daher könnte es sich rächen, dass viele Häuser inzwischen die exorbitant hohen Versicherungsprämien sparen wollen, um sich allenfalls im Einzelfall mit dem Patienten zu einigen. „Das ist gewagt“, vermutet Popp, „denn gerade im Falle eines Organisationsverschuldens ist die Klinik in einer rechtlich schwachen Position, dem Kläger der Sieg so gut wie sicher.“

Als ähnlich bruchstückhaft oder gar dilettantisch bezeichnet der Hygieneexperte viele der mindestens einmal jährlich anfallenden Statistiken zu den nosokomialen Infektionen. Zwar wendeten viele Kliniken die sogenannten Module des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) an – aber hier lauerten zahlreiche Fehlerquellen. So würden die Definitionen häufig geändert – etwa ob eine Sepsis nur mittels Blutkultur zu bestimmen sei oder ob die klinische Diagnose allein genügt – was Längsschnittbetrachtungen verunmögliche. Zudem müssten die Daten auch tatsächlich für Eingriffe erhoben werden, die regelhaft an einem Haus durchgeführt würden, an sogenannten Indikator-Operationen. Aber auch daran mangele es.

Außerdem ist bereits das Screening auf MRSA bei der stationären Aufnahme oft defizitär. Nur wenn bei der Aufnahme 40–50 Prozent der Patienten gescreent werden, kann man davon ausgehen, dass dies korrekt entsprechend den KRINKO-Vorgaben vorgenommen worden ist. Screening-Raten von zehn Prozent weisen darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Daher wurde der Vorschlag gemacht, zeitsparend am besten jeden zu screenen, was aber von der Politik als zu teuer verworfen wurde.

ABS-Experten ohne Einsatzort

Ähnliche Defizite gibt es hinsichtlich der Bewertung resistenter Keime und der Antibiotika-Verbrauchszahlen. Zwar dient das sinnvolle und ambitionierte Programm des „Antibiotic Stewardship“ oder ABS dazu, der Entstehung von Resistenz vorzubeugen. Aber es fehlt an der Implementierung: „Allein die DGKH hat inzwischen fast 1 000 ABS-Experten ausgebildet“, erläutert Popp, „aber ich vermute, dass die allerwenigsten aktiv vor Ort tätig sind, weil sie nicht wirklich freigestellt werden.“ Das ist ein Beispiel dafür, dass besseres Hygienemanagement ohne bessere Personalausstattung nicht zu haben ist.

Das ist eines der Hauptprobleme, wie jüngste Zahlen belegen: Im Jahr 2017 hatten lediglich acht Prozent der Krankenhäuser, die laut KRINKO-Empfehlungen eigentlich einen Facharzt für Hygiene benötigten, tatsächlich einen solchen beschäftigt. Und nur in der Hälfte der Einrichtungen, für die mindestens eine Hygienefachkraft vorgeschrieben wäre, gab es eine solche. Die Hygienepersonalkosten sind inzwischen in die Fallpauschalen (DRG) eingepreist. Damit wären nun die Krankenkassen am Zug, dies bei Budgetverhandlungen abzufragen.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Quellen und Links

Liste der aktuell gültigen KRINKO-Empfehlungen, Robert Koch-Institut (Stand vom 28. Januar 2019):

http://daebl.de/UR61

Hygienetipps der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene:

http://daebl.de/XY49

Buchempfehlung:

Popp, W: Kurz-Lehrbuch der Krankenhaushygiene für Medizinstudentinnen und -studenten, Auszubildende in Gesundheitsberufen und Hygienebeauftragte

2. aktualisierte Auflage, Dortmund, Februar 2019

http://daebl.de/DY28

Luftqualität im OP-Saal – Wundinfektionen, RLT-Anlagen und Disziplin. Hygiene & Medizin, Jahrgang 43, 12/2018

http://daebl.de/PD36

Sonderheft Hygiene,

Management & Krankenhaus 3/2019

http://daebl.de/AL46

Hygiene in der Arztpraxis: Aktualisierter Leitfaden veröffentlicht. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 14. Februar 2019

http://daebl.de/HM55

Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern: Krankenhaushygiene, allgemeine Hygiene

http://daebl.de/KS74

Kongress:

Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene

http://daebl.de/XD36

Seminar des ÄKBV München/ Waßmer C: Hygienemanagement in Klinik und Praxis 12. Februar 2014, Was sind die Inhalte eines Hygieneplanes gemäß § 23 IfSG

http://daebl.de/QT59

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.