ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Herz- und Lungen­trans­plan­ta­tion: Organe HCV-infizierter Spender funktionieren auch bei nichtinfizierten Empfängern

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Herz- und Lungen­trans­plan­ta­tion: Organe HCV-infizierter Spender funktionieren auch bei nichtinfizierten Empfängern

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-1015 / B-836 / C-824

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: dpa
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Schon jetzt ist es in vielen Ländern und auch in Deutschland für HCV-infizierte (HCV+) Wartepatienten möglich, der Implantation eines im Prinzip geeigneten Organs von einem HCV+-Spender zuzustimmen (HCV-Match). Diese Option kann die Chance auf ein Organ erhöhen. Nun haben Transplantationsmediziner aus den USA untersucht, ob sich Herzen und Lungen von HCV+-Spendern auch für nichtinfizierte (HCV–) Empfänger eignen (HCV-Mismatch).

Es ist eine Pilotstudie am Bri-gham- and Women’s Hospital in Boston mit 44 nicht-HCV-infizierten Patienten, die auf ein Herz (n = 36) oder eine Lunge (n = 8) warteten. Die Herzempfänger waren bei Transplantation median 51 Jahre alt, die Lungenempfänger 61 Jahre und die Spender median 27 und 32 Jahre (Herz, Lunge). Sie hatten bei Organentnahme eine mediane Viruslast von 890 000 IU/mL. Es dominierte Genotyp 1 (61 %) gefolgt von Genotyp 2 und 3 mit je 17 %.

Die Organempfänger erhielten – beginnend wenige Stunden nach Transplantation – eine antivirale Therapie mit Sofosbuvir/Velpatasvir für 4 Wochen. Die Kombination deckt alle HCV-Genotypen ab.

Unmittelbar nach Transplantation hatten 42 der 44 Empfänger eine nachweisbare Virämie (mediane Viruslast: 1 800 IU/mL). Für 35 Patienten betrug das Follow-up mindestens 6 Monate und für 16 Patienten mindestens 1 Jahr. Ein primärer Endpunkt war eine anhaltende virologische Response 12 Wochen nach Beendigung der antiviralen Therapie, ein zweiter Endpunkt die Transplantatfunktion nach 6 Monaten.

Bei allen 35 Organempfängern, die ≥ 6 Monate nachbeobachtet werden konnten, war die Viruslast nach circa 2 Wochen unterhalb der Nachweisgrenze und blieb dies für den gesamten Zeitraum. Die Organfunktion nach 6 Monaten war bei allen Empfängern gut, bis auf einen Herzpatienten, der starb. Es gab keine mit der HCV-Therapie assoziierten schweren Nebenwirkungen. Das Risiko für zellvermittelte Abstoßungen war leicht erhöht.

Fazit: „Bei weiterhin bestehendem Organmangel nimmt die Verwendung Hepatitis-C-positiver Spenderorgane an Bedeutung zu“, kommentiert Prof. Dr. med. Udo Boeken, Bereichsleiter Herztransplantation/Herzinsuffizienz der Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Bisher liegen für die thorakale Organtransplantation nur Einzelfallberichte vor, zum Teil auch nur mit serologisch positiven Spendern ohne Nachweis einer akuten Virämie zum Zeitpunkt der Organentnahme. In der Studie von Woolley et al. handelt es sich durchweg um Spender mit einer ausgeprägten Virämie. Abweichend von den bisherigen, marginalen Erfahrungen wird hier eine antivirale präemptive Therapie bereits wenige Stunden nach Transplantation mit einer Applikation zweier DAA-Medikamente begonnen. Die Therapie erfolgt nur für insgesamt 4 Wochen, bisherige Schemata sahen zumeist 12 Wochen Therapie vor. Mit dem hier beschriebenen Schema gelang eine Viruselimination nach 2 Wochen. Bei insgesamt 12 Wochen Beobachtung ließen sich weiterhin keine Viren nachweisen, und auch das Graft-Survival nach 6 Monaten war exzellent“, so Boeken. Dies lasse den Schluss zu, dass eine frühzeitige, prophylaktische Therapie, dann aber für einen deutlich kürzeren Zeitraum als bisher praktiziert, bezüglich Morbidität und Mortalität exzellente Ergebnisse erziele.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Woolley AE, Singh SK, Goldberg HJ, et al.: Heart and lung transplants from HCV-infected donors to uninfected recipients. N Engl J Med 2019; 380: 1606–17.

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