ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2019Arzneimittelsicherheit: Zu wenig hilft nicht viel

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Arzneimittelsicherheit: Zu wenig hilft nicht viel

Dtsch Arztebl 2019; 116(20): A-979 / B-811 / C-799

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV), die vorläufige Antwort von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auf die zurückliegenden Skandale, Mängel und Engpässe in der Versorgung und Sicherheit der Bevölkerung mit Arzneimitteln, gilt als von den meisten durchaus begrüßenswerte Gesetzesinitiative. Allerdings werden die mit dem GSAV geplanten Aktionen als nicht ausreichend beurteilt.

Aktuelle Liefer- und Versorgungsengpässe zu Produkten wie beispielsweise bei Ibuprofen, einzelnen Antibiotika oder -mykotika erfordern nach Einschätzung von Fachleuten deutlich bessere Konzepte und Koordinierungen von Bund und Ländern für die rasche Umsetzung von Ersatzversorgungen bei unüberbrückbaren Versorgungsengpässen.

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Bislang galt die Durchökonomisierung der Arzneimittelversorgung als Strategie gegen exorbitantes Gewinnstreben der Pharmaindustrie. Effekte wie Standortverlagerungen in Länder mit billigeren Produktionsstrukturen, daraus resultierende Monopolisierungstrends bei der Herstellung einzelner Wirkstoffe wurden durch Rabattierungen sicherlich gefördert, aber nicht allein verursacht.

Die auch im GSAV angedachte Lockerung der bisher strengen Maßgaben wird, im Komplex mit anderen Maßnahmen, vielleicht zu punktueller Entkrampfung beitragen können, aber auch eine Fülle an zusätzlicher Bürokratie schaffen, die zwecks Kontrolle und Überwachung des Marktes eingeführt wird. Zu wenig hilft eben nicht viel.

Dass sich der Dialog zwischen Pharmaindustrie und Politik auch mit weitreichenderen Denkansätzen befasst, wurde jüngst auf einer der Berliner Veranstaltungen von Pro Generika deutlich: Es geht um die Möglichkeit, die Produktion von Arzneimitteln, insbesondere die von Antibiotika, nach Europa zurückzuverlagern.

Eine Rückverlagerung von Produktionen erscheint im Zeitalter der Globalisierung zwar als anachronistisch, wird aber im Zuge zunehmender Fälle nicht lieferbarer Arzneimittel diskutiert. Das „Für und Wider“ gipfelt natürlich in der Frage: „Was ist uns eine sichere Arzneimittelversorgung wert?“ Gestellt wurde sie vom Pro-Generika-Vorstandsvorsitzenden Christoph Stoller.

Schon für die Abdeckung des innerdeutschen Verbrauchs am Antibiotikawirkstoff Cephalosporin müssten laut Machbarkeitsstudie von Roland Berger 55 Millionen Euro Mehrkosten einkalkuliert werden, die natürlich „staatliche Unterstützung“ abfordert. Zu Recht weist der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Karl Broich, darauf hin, dass hier eher europäische Lösungen getroffen werden müssten.

Dass diese zunehmende Unsicherheit in der Versorgung durch Produktionsverlagerung zurück an den Pharmastandort Europa gelöst werden kann, sei dahingestellt. Existenzieller Druck ist jedenfalls da: Bei einem Totalausfall asiatischer Wirkstoffproduktion stürben, so das BfArM, schon nach einem Vierteljahr in Deutschland die ersten Menschen.

Ob das Szenario Europas Politiker ambitionieren kann, den Pflichtpfad der Öko­nomi­sierung zugunsten lebensnotwendiger Sicherheit zu verlassen? In Deutschland zeigt der Pharmadialog zumindest, dass es nicht nur beim GSAV bleiben kann. Problem erkannt ...

Egbert Maibach-Nagel
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