ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Mobiltelefone und Krebs: Bisher ist keine endgültige Bewertung möglich

POLITIK: Medizinreport

Mobiltelefone und Krebs: Bisher ist keine endgültige Bewertung möglich

Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-23 / B-19 / C-17

Bördlein, Ingeborg

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LNSLNS Eine internationale Fall-Kontroll-Studie soll das Karzinomrisiko durch den Gebrauch von Handys ermitteln.


Anfang der 90er-Jahre ging eine Nachricht um die Welt, welche die Besitzer von Funktelefonen aufhorchen ließ. Es war im Februar 1993, als ein US-Amerikaner in einer CNN-Fernsehshow und bei einer parlamentarischen Anhörung vor dem amerikanischen Kongress behauptet hat, dass seine Frau an einem Gehirntumor gestorben sei, der durch Funkwellen aus dem Handy ausgelöst worden sei. Der Tumor sei hinter dem Ohr gewachsen, also genau an der Stelle, wo seine Frau das Telefon immer gehalten hatte. US-Wissenschaftler hatten damals erklärt, es sei nicht auszuschließen, dass Funkwellen von drahtlosen Telefonen Krebs auslösen könnten. Das National Cancer Institute und die Food and Drug Administration rieten in der Konsequenz prompt zum vorsichtigen Gebrauch von Funktelefonen. Seither wird die Frage immer wieder laut: Können Handys Krebs im Kopfbereich auslösen? Wissenschaftler gehen ihr bis heute nach. Das bisherige Ergebnis der Studien zu dieser Problematik lautet: Bis auf einige wenige vereinzelte Hinweise auf ein höheres Risiko für Gehirn- sowie Kopf-Hals-Tumoren durch elektromagnetische Felder, die von den Handys ausstrahlen, ist auf der vorliegenden Datenbasis noch keine endgültige Risikobewertung möglich. Diese Zwischenbilanz zogen jetzt Experten aus aller Welt bei einem internationalen Workshop am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Die Zusammenkunft hatte das Ziel, eine von der WHO organisierte Fall-Kontroll-Studie mit 13 teilnehmenden Ländern zur Frage des Zusammenhangs zwischen "Mobiltelefonbenutzung und Gehirn- sowie Kopf- und Halstumoren" auf den Weg zu bringen. Zum Hintergrund: Handys senden wie alle stromführenden Geräte elektromagnetische Wellen aus, wobei die bei den Handys benutzten Frequenzen zunächst einmal Wärme erzeugen. Die Erwärmung der Gehirnzellen im Bereich des elektromagnetischen Feldes beträgt nach Untersuchungen aber höchstens 0,3 Grad Celsius. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese minimale Erwärmung die Zellen nicht zu einer unkontrollierten Teilung und damit zum Krebswachstum anstoßen kann. Bei den Handys fließen zudem auch hochfrequente Sendeenergien. Sie liegen bei D-Netzen im Bereich von 900 und bei E-Netzen um 1 800 Megahertz. Diese werden zusätzlich mit 217 Hertz gepulst, was nichts anderes bedeutet, als dass die Sendeenergie 217-mal in der Sekunde ein- und ausgeschaltet wird. Die Experten in Heidelberg fassten den Erkenntnisstand zur Frage einer Krebsgefährdung durch hochfrequente Strahlung so zusammen: "Ein biologischer Mechanismus, in welcher Weise Hochfrequenzstrahlung die Tumorentstehung oder das Tumorwachstum beeinflussen könnte, konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden." Geringe Fallzahlen
Australische Tierversuche an zwölf Mäusen, die extrem hohen Sendeenergien ausgesetzt worden sind und vermehrt Leukämien entwickelt hatten, seien schon wegen der extrem hohen Strahlendosen auf den Menschen nicht zu übertragen. Eher denkbar wäre es nach Auffassung der Fachleute, dass möglicherweise im Entstehen begriffene Tumoren durch elektromagnetische Wellen in ihrem Wachstum beschleunigt werden könnten. Doch auch diese Vermutung ist bislang nicht mehr als eine Hypothese. Auf dem Hintergrund der noch zu geringen Fallzahlen für eine exakte Risikoeinschätzung und der bestehenden Unsicherheit in der Bevölkerung sowie des Handybooms wird nun eine neue internationale Studie aufgelegt. Dr. Klaus Schlaefer von der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum - Mitarbeiter in einer der drei deutschen Studiengruppen - verweist darauf, dass es allein in Deutschland 20 Millionen Handy-Nutzer gibt, deren Zahl nach Weihnachten noch einmal um einige Millionen angewachsen sein dürfte. Weltweit wird die Zahl der Handy-Besitzer auf 350 Millionen geschätzt. Prognosen sagen voraus, dass in zehn bis spätestens 15 Jahren praktisch jeder über ein Handy verfügen und netzfrei telefonieren kann. All dies sind in den Augen der Krebsforscher triftige Gründe, um die Frage der Krebsgefährlichkeit, die von Handys ausgehen könnte, anhand einer großen Fall-Kontroll-Studie zu beantworten suchen, zumal man davon ausgehen müsse, dass möglicherweise die Benutzerzeit von Handys bislang noch zu kurz gewesen sei, um einen Effekt - so er existiert - nachweisen zu können, gibt Schlaefer zu bedenken. Überdies könnten bisherige Untersuchungsergebnisse wie etwa aus den USA oder aus Schweden nur schwer auf Deutschland übertragen werden, da dort häufig analoge Telefone mit anderen Strahlungsfrequenzen in die Studien einbezogen worden seien, während hierzulande eher die digitale Technik vorherrsche.
An der Studie sind die Länder Kanada, USA, Neuseeland, Australien, Israel, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Norwegen, Schweden und Deutschland beteiligt. Darin sollen insgesamt 6 000 Fälle von Hirntumoren wie Gliome und Meningeome, 1 000 Parotistumoren und 1 500 Leukämiefälle gesammelt werden. In Deutschland sollen in den nächsten drei Jahren pro Jahr 600 Tumorpatienten und die gleiche Anzahl gesunder Kontrollpersonen erfasst werden. Die Patienten mit den Zieltumoren und die Kontrollpersonen werden danach befragt, ob, seit wann und wie oft sie Handys benutzen, welche Modelle sie besitzen und welche Kopfseite sie für den Hörer bevorzugen. Erhoben werden ferner soziodemographische Daten wie Alter, Geschlecht, Bildungsstand und privates Umfeld, Daten zu einer möglichen Berufsexposition mit anderen Strahlenquellen und eine medizinische Anamnese wie etwa die Zahl diagnostischer oder therapeutischer Bestrahlungen.
In Deutschland sind die Arbeitsgruppen "Umweltepidemiologie" am DKFZ unter der Leitung von Prof. Jürgen Wahrendorf, "Epidemiologie und Medizinische Statistik" der Universität Bielefeld unter Prof. Maria Blettner und das "Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation" der Universität Mainz unter Prof. Jörg Michaelis beteiligt. Koordinator der Internationalen Studie ist die International Agency for Research and Cancer, Lyon. Sie wird von der EU und Industrieunternehmen unterstützt. Mit ersten validen Ergebnissen rechnet man im Jahre 2003.
Eines lässt sich nach dem heutigen Wissensstand über die Gefährlichkeit von Handys immerhin schon definitiv sagen: Telefoniert man während des Autofahrens, so ist die Unfallgefahr um das Sechsfache erhöht, wie der amerikanische Epidemiologe Kenneth Rothman in Heidelberg berichtete. Ingeborg Bördlein


Handys senden elektromagnetische Wellen aus, die im Feldbereich zu einer minimalen Erwärmung führen.
Foto: Nino Mascardi/Image Bank

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