ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Gutachten zur Gesprächspsychotherapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Gutachten zur Gesprächspsychotherapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren

Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-61 / B-47 / C-47

Margraf, J.; Hoffmann, S. O.

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LNSLNS Das Gutachten beruht auf der von der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie vorgelegten Dokumentation zur Anerkennung der Ge-sprächspsychotherapie von Prof. Sachse sowie auf eingehenden Beratungen im Wissenschaftlichen Beirat Psychothera-pie. Aufgrund der wiederholten Bitte des Wissenschaftlichen Beirats, zusätzlich Kopien der Originalarbeiten zur Effektivität der Gesprächspsychotherapie vorzulegen, sandte die GwG am 2. August 1999 und am 24. September 1999 als weitere Unterlagen - eine Übersicht über "Effektivitätsstudien über Gesprächspsychotherapie von 1962-1999" von Prof. Sachse,
- siebzehn Kopien von "Originalarbeiten zur Effektivität der Gesprächs-psychotherapie", von denen sich jedoch lediglich wenige als Effektivitätsstudien herausstellten,
- achtundzwanzig Kopien von "Effektivitätsstudien über Kinder- und Ju-gendlichenpsychotherapien", von denen sich lediglich wenige als Effektivitätsstudien herausstellten.
Eine fundierte Beurteilung alleine aufgrund der schematischen Kurzdarstellungen der vorgelegten Übersicht von Prof. Sachse war nicht möglich. Der größte Teil der in der Übersicht aufgelisteten Studien wurde jedoch nicht als Originalarbeit vorgelegt. Der Wissenschaftliche Beirat hat von sich aus weitere Originalarbeiten zur Beurteilung herangezogen. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass aufgrund der unzureichenden Unterlagen Arbeiten übersehen wurden, die die Beurteilung der Gesprächspsychotherapie beeinflussen könnten. Die ansonsten vom Wissenschaftlichen Beirat erbetenen Informationen wurden in der eingereichten Dokumentation dargestellt. !
1. Definition


Die Gesprächspsychotherapie geht zurück auf die Arbeiten von Carl R. Rogers, der ein allgemeines psychotherapeutisches Konzept im Sinne einer An-leitung zur besonderen Gestaltung der psychotherapeutischen Beziehung oder des psychotherapeutischen Gesprächs entwickelte. Im Laufe der Jahre ist dieses therapeutische Konzept weiterentwickelt und differenziert worden. Neben dem klassischen Vorgehen entstanden Ansätze, bei denen der Therapeut stärker den therapeutischen Prozeß steuert, um spezifische Therapieziele zu fördern beziehungsweise um den Besonderheiten einzelner Störungen oder einzelner Patienten gerecht zu werden. Dazu werden zum Teil auch zusätzliche therapeutische Methoden zur Erweiterung der "Selbstexploration" oder der Erlebnisfähigkeit des Patienten eingesetzt, die zum Teil aus einer Weiterentwicklung der Gesprächspsychotherapie resultieren (zum Beispiel "experiencing"), zum Teil aus anderen Therapierichtungen, vor allem der Gestalttherapie, übernommen wurden. Die Gesprächspsychotherapie ist demnach heute zwar im Wesentlichen ein einheitlicher therapeutischer Ansatz, aber mit unterschiedlichen Ausprägungsformen. Eine Differenzierung der Beurteilung nach den einzelnen Formen oder Ansätzen der Gesprächspsychotherapie wird vom wissenschaftlichen Beirat nicht vorgenommen. Ansonsten spiegeln diese Differenzierungen die Weiterentwicklung der Gesprächspsychotherapie wider, wie sie auch bei anderen Therapieformen zu finden ist. Gesprächspsychotherapie wird vorwiegend in Form von Einzeltherapie, aber auch in Form von Gruppentherapie durchgeführt. Für beide Formen liegen Effektivitätsstudien vor.

2. Indikationsbereich


Die Gesprächspsychotherapie ist im gesamten Spektrum psychischer und psychosomatischer Störungen eingesetzt worden. Nach den Regeln der klassischen Gesprächspsychotherapie ist die Vorgehensweise bei den einzelnen Störungen nicht unterschiedlich. In den stärker direktiv orientierten Weiterentwicklungen der Gesprächspsychotherapie werden jedoch bei der Gestaltung der Therapie zunehmend Besonderheiten einzelner Störungen berücksichtigt. Die Tatsache, dass unterschiedliche Störungen nicht oder nur bedingt zu einer jeweils spezifischen Therapiegestaltung führen, kann grundsätzlich akzeptiert werden, befreit jedoch nicht von der Notwendigkeit, die Wirksamkeit dieses relativ einheitlichen Vorgehens für jeden Indikationsbereich getrennt nachzuweisen. Dazu Näheres unter Punkt 5. Auf Grundlage der vorgelegten Untersuchungen können keine Aussagen zu Kontraindikationen und unerwünschten Wirkungen gemacht werden.


3. Theorie


Im Mittelpunkt der Störungstheorie der Gesprächspsychotherapie steht die psychische Entwicklung des Menschen, die durch subjektive Erfahrungen, die gegebenenfalls mit dem eigenen Selbstbild oder mit Normen konfligieren, beein-trächtigt wird, sodass es zu "Inkongruenzen" kommt. Diese Inkongruenzen kön-nen die "Selbstregulation" des Menschen in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Funktionsbereichen beeinträchtigen. Die zentrale Annahme einer Inkongruenz zwischen einem idealen Selbst-bild und realen (Selbst-)Erfahrungen ist in verschiedenen Studien überprüft und bestätigt worden.
Die Störungstheorie ist unterschiedlich weiterentwickelt worden. In den letzten Jahren wurde vor allem versucht, spezifische Bedingungen und Entwick-lungslinien für einzelne Störungen aufzuzeigen. Psychologische und psychiatrische Forschungsergebnisse, vor allem zu den Besonderheiten einzelner psychischer Störungen, die "außerhalb" der Ge-sprächspsychotherapie gewonnen wurden, sind in die Störungstheorie der Ge-sprächspsychotherapie nicht ausreichend integriert worden. Dies ist jedoch nicht eine Besonderheit der Gesprächspsychotherapie, sondern eine Folge der Schulenbildung im Bereich der Psychotherapie insgesamt, die für fast alle Therapierichtungen jeweils bevorzugte und insofern einseitige Theorienbildungen nahelegt. Nach der Therapietheorie der Gesprächspsychotherapie wirkt das Verfah-ren vor allem dadurch, dass es beim Patienten eine Klärung der konfligierenden, weitgehend vermiedenen Aspekte des Selbst fördert und damit eine Integration dieser abgelehnten Aspekte ermöglicht. Vor allem durch die Entwicklung der so genannten "zielorientierten Gesprächspsychotherapie" sind die theoretischen Grundlagen des therapeutischen Änderungsprozesses unter Berücksichtigung der Ergebnisse psychologischer Grundlagenforschung, vor allem aus dem Be-reich der Sprachpsychologie und der Kognitionspsychologie, wesentlich erweitert und differenziert worden. Die Relevanz der theoretisch postulierten Wirkvariablen, in erster Linie die Therapeutenvariablen Empathie, Wertschätzung und Echtheit, aber auch weiterführende Annahmen über die "Explizierung", die Verdeutlichung und Bewusstmachung psychischer Inhalte, konnte in verschiedenen Studien bestätigt werden.
Auch für die Therapietheorie ist festzustellen, dass für die verschiedenen Störungen ein weitgehend einheitlicher Änderungsprozess unterstellt wird. Auch dies teilt allerdings die Gesprächspsychotherapie mit anderen Psychotherapie-richtungen.


4. Diagnostik


In der gesprächspsychotherapeutischen Forschung wird Diagnostik zur Messung des Therapieerfolgs und zur Untersuchung des therapeutischen Pro-zesses eingesetzt. Bei der Erfolgsmessung werden vorwiegend Instrumente eingesetzt, die zum einen die speziellen, von der Theorie postulierten Veränderungen überprüfen (zum Beispiel Q-Sort-Technik zur Messung von Ideal-Selbst-Diskrepanzen), zum andern vorwiegend allgemeine Persönlichkeitsfragebögen oder Fragebögen zu einzelnen Persönlichkeitskonstrukten. Instrumente zur Veränderung der Symptomatik werden seltener benutzt. In der praktischen Anwendung der Gesprächspsychotherapie spielt die (Eingangs-)Diagnostik eine untergeordnete Rolle. Dies entspricht der theoretischen Position der Gesprächspsychotherapie, nach der eine Differenzierung des therapeutischen Vorgehens aufgrund unterschiedlicher Diagnosen nicht oder kaum erforderlich ist. In neueren Entwicklungen der so genannten "differentiellen Gesprächspsychotherapie" werden hingegen im Rahmen der Eingangsdiagnostik die vorliegenden Störungen diagnostiziert. Die von der Gesprächspsychotherapie selber theoretisch geforderte Dia-gnostik ist Bestandteil der Therapie selber: Die inhaltlichen Äußerungen des Patienten werden fortlaufend vom Therapeuten hinsichtlich der theorierelevanten Aspekte analysiert, und die unmittelbare Antwort des Therapeuten wird darauf abgestimmt. Inwieweit in der Praxis eine Differenzialdiagnostik durchgeführt wird, um Kontraindikationen von Psychotherapie oder speziell von Gesprächspsychothera-pie auszuschließen, ist anhand der vorgelegten Studien nicht beurteilbar.

5. Nachweis der Wirksamkeit


Unter Berücksichtigung der kontrollierten Studien mit gemischter Klientel kann für folgende Anwendungsbereiche der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit der Gesprächspsychotherapie festgestellt werden:
- Affektive Störungen
- Angststörungen
- Anpassungsstörungen, somatische Krankheiten.


6. Versorgungsrelevanz


Gesprächspsychotherapie wird seit langem in erheblichem Umfang zur stationären und zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung eingesetzt. Das gilt in besonderem Ausmaß für die neuen Bundesländer. Über die heilkundliche Anwendung hinaus spielt die Gesprächspsychotherapie auch in verschiedenen anderen psychosozialen Dienstleistungen eine wesentliche Rolle.


7. Ausbildung


Von der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) ist seit Jahren ein differenziertes Ausbildungskonzept entwickelt worden, nach dem sowohl die theoretischen Grundlagen als auch das praktische therapeutische Vorgehen umfassend vermittelt werden. Dabei kann auf eine Großzahl von inzwischen erfahrenen Dozenten und Supervisoren zurückgegriffen werden.

8. Zusammenfassende Stellungnahme


Insgesamt kann demnach festgestellt werden, dass es sich bei der Gesprächspsychotherapie um ein theoretisch hinreichend fundiertes Therapieverfahren handelt, das für die Bereiche Affektive Störungen, Angststörungen sowie Anpassungsstörungen und somatische Krankheiten als wissenschaftlich anerkannt gelten kann. Die Gesprächspsychotherapie kann jedoch nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten entsprechend § 1 Abs. 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten empfohlen werden, da dieses Therapieverfahren nicht für die Mindestzahl von fünf der zwölf Anwendungsbereiche der Psychotherapie des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie (siehe separate Veröffentlichung) beziehungsweise für mindestens vier der klassischen Anwendungsbereiche als wissenschaftlich anerkannt gelten kann.


Köln, den 30. 9. 1999


Prof. Dr. J. Margraf (Vorsitzender)
Prof. Dr. S. O. Hoffmann (Stellvertretender Vorsitzender)

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