ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1996Pharmaindustrie: Spieß gegen die Kassen

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Pharmaindustrie: Spieß gegen die Kassen

Dauth, Sabine

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LNSLNS Die pharmazeutische Industrie ist bei den jüngsten Sparplänen für das Gesundheitswesen gut davongekommen. Doch von beruhigtem Zurücklehnen war bei der diesjährigen Haupt­ver­samm­lung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in der vergangenen Woche wenig zu spüren, im Gegenteil: Die Krankenkassen bekamen in Bonn ihr Fett weg.
Zwischen 1985 und 1995 wurden in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nach Berechnungen des BPI in Westdeutschland 22 Prozent mehr Personal eingestellt. Die Zahl derer, die in diesem Zeitraum bei der GKV (mit-)versichert waren, sei dagegen nur um 2,6 Prozent gestiegen. Zweiter Kritikpunkt: Das Verwaltungsvermögen – unter anderem Grundstücke, Gebäude, Fahrzeuge, Maschinen und Büroeinrichtungen – wuchs in zehn Jahren laut BPI um 64 Prozent auf 6,4 Milliarden DM.
Prof. Dr. med. Hans Rüdiger Vogel, der Vorsitzende des Verbandes, räumte zwar ein, daß den Kassen neue Aufgaben entstanden seien, zum Beispiel in Ostdeutschland. Er fand jedoch, es sei offensichtlich, wofür sie im Wettbewerb untereinander mehr Geld und Mitarbeiter gebraucht hätten: für die Ausdehnung von Präventionsangeboten. Vogel entschärfte diese zur Zeit hochmodische Kritik mit dem Hinweis, natürlich werde auch Sinnvolles angeboten. Was von allen im Gesundheitswesen verlangt werde, müsse jedoch auch für die Kassen gelten: die Konzentration auf das Wesentliche.
Daß der BPI so austeilt, hat aus seiner Sicht gute Gründe. Der Druck im Finanzkessel der GKV steige weiter, meinte Vogel. Wenn es um neue Einsparpotentiale oder politische Kompromisse im Gesetzgebungsverfahren gehe, sei die pharmazeutische Industrie sicher wieder im Gespräch: "Wir haben immer noch ein Volumen, das Begehrlichkeiten schafft."
Der BPI hegt solche Befürchtungen auch, weil seine Bemühungen um mehr Mitbestimmung im GKV-System nicht sehr weit gediehen sind. Die Selbstverwaltung – das seien nach wie vor nur die Organisationen von Ärzten, Zahnärzten, Krankenkassen, bemängelte Vogel. Der BPI wartet darauf, daß seinem Industriezweig endlich gleich lange Spieße gewährt werden – so ein häufiger Ausspruch von Vogel. Da die langen Spieße für das Hauen und Stechen im System auf sich warten lassen, piekst man eben mit den kurzen. th
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