ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Arbeitszeit: Eine Frage der Wertschätzung

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Arbeitszeit: Eine Frage der Wertschätzung

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1037 / B-853 / C-841

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Arbeitgeber sind empört: „Wir Arbeitgeber sind gegen die generelle Wiedereinführung der Stechuhr im 21. Jahrhundert“, heißt es in einer Stellungnahme. „Auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Arbeitszeiterfassung 1.0 reagieren.“ Was war passiert?

Der Europäische Gerichtshof hatte vergangene Woche entschieden, dass die EU-Staaten Arbeitgeber verpflichten müssen, Systeme zur Arbeitszeiterfassung einzurichten. Nur so lasse sich überprüfen, ob zulässige Arbeitszeiten überschritten würden. Und nur das garantiere die im EU-Recht zugesicherten Arbeitnehmerrechte (Rechtssache C-55/18).

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Während die einen warnen, ein Bürokratiemonster käme auf die Arbeitgeber zugerollt, fühlen sich vor allem die Gewerkschaften bestärkt. Gerade für den Marburger Bund (MB) kommt das Urteil zur rechten Zeit. Er steckt in schwierigen Tarifverhandlungen mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) über die Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte an kommunalen Krankenhäusern. Während die Ärztegewerkschaft auf eine exakte Erfassung der Arbeitszeit pocht, sperren sich die Arbeitgeber. Unverständlich, wenn man bedenkt, dass Busfahrer und Lokführer nach ein paar Stunden Ruhezeiten einlegen und dies exakt erfassen müssen, weil sie in der Personenbeförderung tätig sind. Bei Nichteinhaltung drohen empfindliche Strafen. Auch der VKA sollte wissen, dass Ärzte für ihre Patienten eine große Verantwortung tragen bis hin zu lebenswichtigen Entscheidungen.

Das EU-Urteil zur Erfassung der Arbeitszeit ist sicher Auslöser der Diskussion, das eigentliche Kernproblem sind aber überlange Arbeitszeiten. Die Folge ist eine Überlastung der Mitarbeiter, die keine Erholungsphasen mehr haben und im schlimmsten Fall Fehler machen, die in der Patientenversorgung fatale Folgen haben können. Erfasste Arbeitszeiten würden im Nachgang ‚passend gemacht‘ und Überschreitungen von Höchstgrenzen nicht berücksichtigt, kritisierte so auch der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke.

Die Argumentation der Arbeitgeber, die Stechuhr wäre ein Rückschritt in alte Zeiten, macht eher das Gegenteil deutlich: Veraltete Systeme können flexible Arbeitszeitmodelle offensichtlich nicht mehr abbilden. Hier sind Investitionen und technische Weiterentwicklung gefragt. In Zeiten von Smartphone-Apps, die eigentlich alles messen können, sollten Arbeitgeber und -nehmer gemeinsam geeignete Lösungen für eine sinnvolle Erfassung finden. Es kann nicht sein, dass die Dokumentation von Arbeitszeit, die arbeitsrechtlich und tarifvertraglich den Arbeitnehmern zustehen, einfach so als veraltet abgetan wird. Die Arbeitgeber müssten doch ein Interesse daran haben, dass erholte, leistungsfähige und zufriedene Angestellte für sie arbeiten. Flexibilität ist dennoch gefragt, denn sie ist immer mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die viel beschworene Work-Life-Balance notwendig. Arbeitsorganisation und Arbeitszeitmodelle müssen daher regelmäßig diskutiert und weiterentwickelt werden. Hier liegt die Lösung, nur die exakte Dokumentation von Zeit reicht nicht mehr aus.

Die Arbeitgeber haben wohl immer noch nicht gelernt, dass man mit der genauen Erfassung von Arbeitszeiten und der notwendigen Flexibilität seinen Angestellten eine Wertschätzung entgegenbringt, die sich nur positiv auswirken kann. Es wäre so einfach.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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