ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Bedarfsplanung: 3 466 neue Vertragsarztsitze möglich

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Bedarfsplanung: 3 466 neue Vertragsarztsitze möglich

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1043 / B-859 / C-847

Beerheide, Rebecca

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Mit der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses werden mehr Sitze für Arztpraxen möglich, besonders bei den Hausärzten und den Psychotherapeuten. Insgesamt liegt die Zahl der offenen Vertragsarztsitze nun bei 6 906. Mehr Ärztinnen und Ärzte sind für viele Orte aber nicht in Sicht.

Planung nach präziseren Kriterien: Künftig sollen auch Erreichbarkeiten per Auto in die Bedarfsplanung aufgenommen werden. Foto: sergign/stock.adobe.com
Planung nach präziseren Kriterien: Künftig sollen auch Erreichbarkeiten per Auto in die Bedarfsplanung aufgenommen werden. Foto: sergign/stock.adobe.com

Neue Niederlassungsmöglichkeiten für Vertragsärztinnen und -ärzte: Demnächst stehen 3 466 neue Sitze zur Verfügung. Mit der neuen Bedarfsplanung, die der zuständige Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) Mitte Mai einstimmig beschlossen hat, können künftig 1 446 zusätzliche Hausarztsitze, 476 neue Sitze für Nervenärzte, 401 für neue Pädiater sowie 776 weitere Sitze für Psychotherapeuten zugelassen werden. „Diese zukunftsgerichtete Weiterentwicklung der Bedarfsplanungsinstrumente ist ein wichtiger Beschluss, mit dem wir eine noch wohnortnähere und an die unterschiedliche Krankheitslast in den einzelnen Regionen angepasste ärztliche Versorgung ermöglichen“, erklärte der unparteiische G-BA-Vorsitzende Prof. Josef Hecken im Anschluss an die Sitzung.

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Insgesamt 6 906 Sitze offen

Mit der neuen Planung, an der die Gremien des G-BA seit etwa vier Jahren arbeiteten, steigt die Zahl der offenen Vertragsarztsitze auf 6 906 an, davon sind 4 192 unbesetzte Hausarztsitze und 879 Sitze für Psychotherapeuten bundesweit. Starker Zuwachs an neuen Arztsitzen ist in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen sowie in allen ostdeutschen Ländern zu erwarten. Die genauen Zahlen für jede Fachgruppe pro Bundesland können aber erst in der Zusammenarbeit mit den jeweils zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) errechnet werden, hieß es beim G-BA. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen rechnet beispielsweise mit 100 neuen Sitzen für Hausärzte – zusätzlich zu den bisher offenen 270 Sitzen im Land.

Hecken betonte im Plenum, dass der G-BA zwar die Sitze ausweisen könne. „Aber mit dieser Richtlinie backen wir keinen einzelnen neuen Doktor.“ Er verwies dabei auch auf Schreiben von Landesregierungen und Kommunalverwaltungen, die an den G-BA in diesem Zusammenhang gerichtet sind. „Die Festlegungen des G-BA zur Bedarfsplanung sind nur der allgemeine Rahmen. Die Prüfung und Anpassung vor Ort ist essenziell, denn es ist nicht möglich, von Berlin aus in einer Richtlinie verbindliche und passgenaue Regelungen für jeden Kreis und jede Gemeinde in Deutschland zu treffen, die in ihrer Struktur völlig unterschiedlich sein können“, so Hecken. Er wies auf die Flexibilität hin, die Landesregierungen und Kommunen nun erhalten.

Dazu gehören beispielsweise auch die erweiterten Möglichkeiten, die die Kommunen mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bekommen haben, um Versorgung vor Ort mitzubestimmen. Zusätzlich können regionale Versorgungsausschüsse einen lokalen Versorgungsbedarf auch über die Erreichbarkeit feststellen: Demnach sollen 95 Prozent der Patienten in einer Region zum Hausarzt nicht länger als 20 Minuten mit dem Auto benötigen. Die Erreichbarkeit von Kinder- und Jugendärzten wurde auf 30 Minuten festgelegt, für Gynäkologen und Augenärzte gelten künftig 40 Minuten. Dies kann beispielsweise angewendet werden, wenn regionale und topografische Besonderheiten wie Berge, Flüsse oder fehlende Brücken der statistischen Planung im Wege stehen.

Ärzte nicht per Knopfdruck

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) stellte klar, dass „mit mehr Planung die Köpfe nicht steigen“, sagte KBV-Vize Dr. med. Stephan Hofmeister. „Neue Ärzte gibt es nicht auf Knopfdruck.“ Es sei weiterhin wichtig, den Arztberuf attraktiver zu machen und sich aktiv um den ärztlichen und psychotherapeutischen Nachwuchs zu kümmern, so Hofmeister.

Die Krankenkassen zeigten sich mit der neuen Regelung zufrieden. „Dank der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie können wir jetzt noch schneller auf Änderungen reagieren“, sagte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. „Die Zahlen von 1990 sind endlich Geschichte. Werden mehr Ärzte gebraucht, wird die Richtlinie entsprechend angepasst.“ Die letzte Reform an der Bedarfsplanung fand 2012 statt: Dabei wurden ein neuer Demografiefaktor sowie weitere Versorgungsebenen eingeführt.

Neuer Verteilmechanismus

Für die Patientenvertretung im G-BA war es wichtig, dass auch der barrierefreie Zugang einer Praxis eine Rolle bei den Bedarfsplänen spielt. Auch die „regelmäßige Anpassung und die Berücksichtigung des Faktors Morbidität begrüßen wir“, erklärte Ursula Faubel, Sprecherin der Patientenvertretung im Unterausschuss Bedarfsplanung.

„Es ist nicht möglich, von Berlin aus in einer Richtlinie verbindliche und passgenaue Regelungen für jeden Kreis und jede Gemeinde in Deutschland zu treffen“ Josef Hecken, unparteiischer G-BA-Vorsitzender. Foto: Georg J. Lopata
„Es ist nicht möglich, von Berlin aus in einer Richtlinie verbindliche und passgenaue Regelungen für jeden Kreis und jede Gemeinde in Deutschland zu treffen“ Josef Hecken, unparteiischer G-BA-Vorsitzender. Foto: Georg J. Lopata

Möglich machen dies der neue Verteilmechanismus und die neue Berechnungsstruktur, die vor allem auch Alter und Morbidität der Patienten berücksichtigen. Wurden bisher die reinen Verhältniszahlen von Einwohner pro Arzt und Psychotherapeut berechnet, werden künftig diesem Verfahren weitere Berechnungen hinzugefügt. Dabei werden die Basiszahlen nach vier Altersgruppen, Geschlecht und Krankheitslast pro Region unterteilt. Die gesetzliche Vorgabe, auch soziodemografische Daten wie die Verteilung von Einkommen einzubeziehen, wird allerdings nicht umgesetzt. Ein Gutachten hatte dazu festgestellt, dass mit dem Demografiefaktor und der neuen Krankheitslast die sozioökonomischen Daten bereits mittelbar erfasst sind.

„Die errechneten regionalen Verhältniszahlen spiegeln dann wider, ob in einem Planungsbereich mehr oder weniger Ärzte benötigt werden als im Bundesdurchschnitt“, heißt es vom G-BA. Diese Berechnungen finden nun auf Ebene der KV-Regionen statt. Mit den Veränderungen in der Richtlinie sind aber bereits jetzt die zusätzlichen Sitze für Pädiater, Nervenärzte, Psychotherapeuten und Fachinternisten festgestellt worden. Grundlage für diese Reform ist ein Gutachten der Ludwig-Maximilians-Universität München, das eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. rer. oec. Leonie Sundmacher zwischen 2017 und 2018 erstellt hat.

Neu sind auch Regelungen zu Unterquoten für Internisten: Zwar wird die Facharztgruppe weiter gemeinsam geplant. Nun können aber für bestimmte Schwerpunkte Obergrenzen wie bei Kardiologen, Gastroenterologen, Pneumologen und Nephrologen festgelegt werden. Dies hatte Hecken mehrfach in den vergangenen Jahren eingefordert, „Nach vier Jahren hat auch der Gesetzgeber im TSVG endlich ein Ohr“, so Hecken.

Damit sollen beispielsweise mehr Sitze speziell für Rheumatologen ausgewiesen werden können. Für diesen internistischen Schwerpunkt wird eine Mindestquote von acht Prozent festgelegt. In Bereichen, in denen diese Quote nicht erreicht wird, gleichzeitig aber für Internisten gesperrt ist, können sich Rheumatologen dennoch niederlassen. Insgesamt entstehen mit dieser Planung bundesweit 100 neue Sitze für Rheumatologen. Für Kardiologen liegt dagegen der Höchstanteil bei 33 Prozent, für Gastroenterologen bei 19 Prozent. Hecken betonte, dass es für bestehende Praxen Bestandsschutz gebe. Er werde „niemanden enteignen“.

Kritik der Psychotherapeuten

Während die Krankenkassen die Regelung loben und der AOK Bundesverband nun „innovative regionale Versorgungsangebote“ zum Kampf gegen den Ärztemangel anmahnt, kritisierte die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) sowie die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) den G-BA-Beschluss. In Pressemitteilungen heißt es, dass die Reform hinter den Erwartungen zurückbleibe. „Dieser Schritt geht in die richtige Richtung, ist aber enttäuschend klein ausgefallen“, erklärte die DPtV-Bundesvorsitzende, Barbara Lubisch. „Das Ziel einer flächendeckenden ambulanten psychotherapeutischen Versorgung mit akzeptablen Wartezeiten kann so nicht gewährleistet werden.“

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat dafür einen Schuldigen ausgemacht: „Die Krankenkassen sperrten sich von Anfang an gegen auch nur einen zusätzlichen Praxissitz“, erklärte Dr. rer. nat. Dietrich Munz, BPtK-Präsident. „Mit dieser destruktiven Strategie blockierten sie den G-BA und verhinderten eine sachgerechte Lösung“, hieß es in der Mitteilung. Die Kammer liest aus dem Gutachten von Sundmacher aus dem Jahr 2018 einen Bedarf von mehr als 2 400 zusätzlichen Sitzen für Psychotherapeuten heraus.

Dieser Kritik trat der G-BA-Vorsitzende Hecken entschieden entgegen: „Nachdem alle gemeinsam, von der KBV über die Patienten und auch die Ländervertreter, für eine Reform gestimmt haben, muss sich nun eine Bank im G-BA nicht derart beschimpfen und unhaltbare Vorwürfe machen lassen“, erklärte Hecken. Der Vorwurf der BPtK, die Wartezeiten auf Termine würden mit dieser Reform bundesweit erhöht, wies Hecken zurück. „Wir sollen hier viel eher die Frage stellen, warum in Zentren wie Freiburg bei einem Versorgungsgrad von 300 Prozent die Wartezeiten ebenso hoch sind wie in anderen Regionen.“ Rebecca Beerheide

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