ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin: Fokus auf Lunge und Herz

MEDIZINREPORT

Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin: Fokus auf Lunge und Herz

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1066 / B-874 / C-862

Strathaus, Regine Schulte

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Mitglieder der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung stellten auf dem Internistenkongress in Wiesbaden die Ergebnisse ihrer Forschungen zu COPD und myokardialer Regeneration vor.

Bei COPD kann sich infolge der Überblähung der Lunge das Herz im Thorax verschieben. Letztlich kann sich dadurch die Erregungsausbreitung im Herzen verändern, was auch für die Interpretation von EKG-Ableitungen bedeutsam ist. Foto: mauritius images
Bei COPD kann sich infolge der Überblähung der Lunge das Herz im Thorax verschieben. Letztlich kann sich dadurch die Erregungsausbreitung im Herzen verändern, was auch für die Interpretation von EKG-Ableitungen bedeutsam ist. Foto: mauritius images

Zwar stand der diesjährige Kongress unter dem Leitthema „Digitale Medizin – Chancen, Risiken, Perspektiven“. Doch bei den Pressekonferenzen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) wurden auch Fortschritte aus 5 Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) präsentiert. Beispielsweise klärt die deutschlandweite COSYCONET-Studie (1), wie häufig es an welchen Organen zu Komorbiditäten bei chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) kommt, und wie man sie erkennen kann. Denn bereits jeder 10. Bundesbürger unter 40 Jahren ist betroffen, 80 % von ihnen (ehemalige) Raucher.

Erste Ergebnisse der umfangreichen Studie, an der mehr als 2 700 COPD-Patienten (Stadien 1–4) über 40 Jahren aus 29 Versorgungszentren teilnehmen, präsentierte der Pneumologe und DGIM-Vorsitzende Prof. Dr. med. Claus F. Vogelmeier, Studienleiter aus Marburg. Bei 7-maligen intensiven Untersuchungen (bei Aufnahme sowie 6, 18, 36, 54, 72 und 90 Monate danach) wurden Lungenfunktion, Größe, Gewicht und Blutwerte gemessen, Komorbiditäten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen abgeklärt und die körperliche Leistungsfähigkeit getestet. In Fragebögen erhoben die Forscher außerdem demografische Basisdaten, Aspekte wie Aktivität, subjektive Lebensqualität und Medikation.

„Eine solch große und umfassende Datenbasis zur COPD fehlte für Deutschland bislang“, sagte Vogelmeier und verwies auf eine wichtige Erkenntnis aus einer aktuellen Auswertung: Der linke Ventrikel ist bei COPD-Patienten oft verkleinert, außerdem ändert sich durch die Überblähung der Lunge die Lage des Herzens im Thorax. Mit zunehmendem Schweregrad verändert sich auch die Erregungsausbreitung im Herzmuskel, es entsteht „Wandstress“. Daher sei es für die Interpretation von EKG-Ableitungen wichtig, die möglicherweise durch die COPD verursachten Verschiebungen zu berücksichtigen (2).

Den „entlaubten Baum“ des Lungenemphysems begrünen

Raum für Verbesserungen sieht Vogelmeier auch in der Prävention. Denn während Impfungen zur Vermeidung von Atemwegsinfekten gut angenommen würden, nähmen nur 10–20 % der COPD-Patienten an Lungensportgruppen teil oder gingen zur Physiotherapie. Auch Programme zur Raucherentwöhnung würden nur von einem Viertel der rauchenden COPD-Patienten in Anspruch genommen. Besonders Patienten in frühen Stadien der Erkrankung sollten von ihren Ärzten stärker auf die Präventionsangebote aufmerksam gemacht werden. Denn: „Atemluft kann nur genutzt werden, wenn die Muskulatur stark ist“, sagte Vogelmeier.

Dass entwicklungsbiologische Muster auch bei Lungenerkrankungen eine wichtige Rolle spielen und ihre diagnostische und therapeutische Nutzung in der Pneumologie an Bedeutung gewinnen werden, steht für Prof. Dr. med. Werner Seeger außer Frage. Der Sprecher des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) und Direktor der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Gießen/Marburg verwies darauf, dass die Lunge aus mehr als 40 Zelltypen bestehe, welche zusammen nach einem hochkomplexen Architekturplan angeordnet seien. „Diese perfekte Architektur erlaubt die direkte Kommunikation tennisplatzgroßer Gas- und Blutgefäßoberflächen mit nur minimaler zwischengeschalteter Schranke.“ Als eindrucksvoll bezeichnete Seeger, dass es gelungen sei, die verlorenen Alveolarstrukturen beim Lungenemphysem („entlaubter Baum“) im Tierversuch an rauchenden Mäusen erneut zum Wachstum zu stimulieren. Und zwar durch Neo-Alveolarisierungsprozesse, indem durch noch vorhandene ortsständige Stammzellen und Stimulation embryonale Alveologenese-Programme induziert wurden. Das hatte die Neubildung des Lungengewebes zur Folge. Ein Konzept, das zurzeit für erste klinische Studien vorbereitet werde.

Ebenso könnten beim Lungenkarzinom embryonale genregulatorische Muster reaktiviert und über Detektion in der Ausatemluft zur Frühdiagnose dieser Tumorentität genutzt werden. Ziel sei die Entwicklung eines non-invasiven Frühtests, so Seeger. Auch bei vielen Formen der Lungenfibrose würden embryonale Morphogenese- und Reparaturprozesse aktiviert, die – fehlgesteuert – überschießende Zell- und Matrixakkumulation mit Verlust an Gasaustauscheinheiten zur Folge hätten. Experimentell könnte diese Erkenntnis bereits für neue Therapieansätze genutzt werden.

Regeneration des insuffizienten Herzmuskels per „Pflaster“

Bei der pulmonalen Hypertonie, würden genetische und epigenetische Muster reaktiviert, die der Lungengefäßwandverdickung des Embryonalstadiums zugrunde lägen. Durch das Verfolgen embryonaler Abläufe (nach der Geburt reguliere sich der Hochdruck von allein) könne dies zur Entwicklung von Medikamenten führen, die in der Lage seien, ein Gefäßremodeling zu bewirken.

Wie sich Herzmuskelzellen nach einem Infarkt regenerieren lassen, um eine spätere chronische Herzinsuffizienz zu vermeiden, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten. Nach Angabe des Vorsitzenden des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Prof. Dr. med. Thomas Eschenhagen, hat seine Arbeitsgruppe am Zentrum für Experimentelle Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf eine Art Herzpflaster („engineered heart tissue“, EHT) entwickelt. Hierbei wurde Gewebe, das aus Kardiomyozyten im Labor gezüchtet worden war, auf die lädierte Herzoberfläche von Meerschweinchen aufgenäht; nach 6 Wochen hatte sich neues Herzgewebe gebildet.

„Das Aufbringen dieser Pflaster ist zwar aufwendiger als die Zellinjektion, hat aber mehrere Vorteile“, so Eschenhagen: Die Muskelmasse erhöhe sich um das 10-fache pro Zellzahl, da kaum Zellen abgeschwemmt würden. Es traten keine Herzrhythmusstörungen auf (anders als bei der Zellinjektion), und die Herzpflaster ließen sich durch Messung der Kontraktionskraft sehr gut schon vor der Implantation auf ihre Qualität kontrollieren. Bis auf vorübergehende Arrhythmien seien bislang keine schweren Nebenwirkungen beobachtet worden, insbesondere keine Tumore.

Allerdings müssten noch zahlreiche Fragen geklärt werden, speziell wie man Abstoßungsreaktionen bei einem allogenen Vorgehen vermeiden und so auf die lebenslange Immunsuppression verzichten könne. Ideal sei die Verwendung eigener Zellen, wie dies mit humanen Stammzellen (Human Induced Pluripotent Stem Cells – hiPSC) möglich, aber sehr aufwendig sei. Das DZHK wird ab dem kommenden Jahr eine erste klinische Studie mit Herzpflastern aus hiPSC bei jüngeren Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz fördern.

Zur derzeitigen Masern-Impfdiskussion konstatierte der Kabarettist und Wissenschaftsjournalist Dr. med. Eckart von Hirschhausen, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient im Umgang mit brisanten Themen häufig eine Überforderung darstelle. Er plädierte dafür, Impfungen, die sinnvoll, solidarisch und sicher seien, auch in Schulen und Apotheken durchzuführen, um den Menschen die Entscheidung für ihre Gesundheit zu erleichtern. Er forderte ein nationales Gesundheitsportal in öffentlich-rechtlicher Hand, das nicht von Werbung gestützt werden dürfe: Eine evidenzbasierte Suchmaschine mit geprüften Inhalten, die es ermögliche, der Ausbreitung von Fake News, Mythen und Falschinformationen in den Medien und sozialen Netzwerken auf wissenschaftlicher Grundlage den Boden zu entziehen.

Impfen: Gemeinschaftsdenken und Kommunikation fördern

Das Wissen über den sozialen Nutzen von Impfungen sollte in der Kommunikation stärker im Fokus stehen (Schutz der Mitmenschen vor Ansteckung.) Auch trügen derzeit gebräuchliche Begriffe wie „Herdenimmunität“ nicht gerade zur Motivation bei. „Denn wer ist schon gerne Teil einer Herde. Deshalb freue ich mich, dass inzwischen das Wort Gemeinschaftsschutz die Runde macht. Denn die allermeisten Menschen wollen ja ihre Kinder und sich schützen und ihren Beitrag dazu leisten.“

Bei einem Expertensymposium verwies Hirschhausen auf die Impfkampagne „Ich bin geimpft. Und Sie? Lassen Sie uns reden!“ in Kooperation mit dem Deutschen Ärzteverlag, durch die sowohl Ärzte als auch Patienten ermutigt werden sollen, miteinander über das Impfen zu sprechen (3, 4). Denn Ärzte seien nach wie vor entscheidende Vertrauenspersonen und Vorbilder für Patienten. Regine Schulte Strathaus

1.
http://www.asconet.net/html/cosyconet.
2.
Alter P, Watz H, Kahnert K et al.: Effects of airway obstruction and hyperinflation on electrocardiographic axes in COPD. Respir Res 2019;20(1):61. doi: 10.1186/s12931–019–1025-y CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
http://daebl.de/DW74.
4.
Betsch C, Hirschhausen E, Zylka-Menhorn V: Impfberatung in der Praxis: Professionelle Gesprächsführung – wenn Reden Gold wert ist. Dtsch Arztebl 2019; 116 (11): A-520/ B-427/C-422 VOLLTEXT
1. http://www.asconet.net/html/cosyconet.
2.Alter P, Watz H, Kahnert K et al.: Effects of airway obstruction and hyperinflation on electrocardiographic axes in COPD. Respir Res 2019;20(1):61. doi: 10.1186/s12931–019–1025-y CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.http://daebl.de/DW74.
4.Betsch C, Hirschhausen E, Zylka-Menhorn V: Impfberatung in der Praxis: Professionelle Gesprächsführung – wenn Reden Gold wert ist. Dtsch Arztebl 2019; 116 (11): A-520/ B-427/C-422 VOLLTEXT

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