ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Apotheker: Berufsstand im Wandel

POLITIK

Apotheker: Berufsstand im Wandel

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1052 / B-866 / C-854

Korzilius, Heike

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Der Gesetzgeber will den Apothekern ermöglichen, ihr Angebot an pharmazeutischen Dienstleistungen auszuweiten. Dazu gehören das Medikationsmanagement ebenso wie das Messen von Blutdruck, Blutzucker oder Cholesterin und, im Modellversuch, die Grippeimpfung. Die Ärzte warnen vor den Folgen.

Mehr als Schubladen ziehen: Die Apotheker wollen neben der Arzneimittelabgabe ihre heilberuflichen Kompetenzen stärker in die Patientenversorgung einbringen. Foto: picture alliance
Mehr als Schubladen ziehen: Die Apotheker wollen neben der Arzneimittelabgabe ihre heilberuflichen Kompetenzen stärker in die Patientenversorgung einbringen. Foto: picture alliance

Gut 50 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten die Apotheken im vergangenen Jahr zulasten der gesetzlichen Krankenkassen. Der Anteil der verschreibungspflichtigen Arzneimittel lag bei 80 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die Apotheker noch immer mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hadern, das die hierzulande geltende Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel aushebelt. Die Luxemburger Richter hatten 2016 entschieden, dass ausländische Versandapotheken deutschen Kunden Rabatte einräumen dürfen. Die Apotheker in Deutschland, für die die Einheitlichkeit der Abgabepreise ein „Grundpfeiler des Apothekenwesens“ ist, fühlen sich gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland benachteiligt. Zwar lag 2018 nach Angaben des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) der Umsatzanteil der Versandapotheken bei den rezeptpflichtigen Arzneimitteln bei nur einem Prozent. Bei den frei verkäuflichen Medikamenten, die keiner Preisbindung unterliegen, haben die Versandapotheken jedoch bereits einen Umsatzanteil von 17,7 Prozent. Dazu kommt die Sorge, dass der Versandhandel weitere Marktanteile gewinnt, wenn 2020, wie gesetzlich vorgesehen, das elektronische Rezept eingeführt wird.

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Mehr Aufgaben, mehr Honorar

Da ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln politisch nicht durchsetzbar ist, will der deutsche Gesetzgeber es den Apotheken erlauben, mögliche finanzielle Verluste unter anderem durch ein erweitertes Angebot an pharmazeutischen Dienstleistungen und eine bessere Vergütung des Nacht- und Notdienstes zu kompensieren. 150 Millionen Euro für zusätzliche Leistungen wie das Medikationsmanagement, das Messen von Gesundheitsparametern oder auch, im Rahmen von Modellversuchen, die Grippeimpfung, verspricht der Entwurf des Gesetzes zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken. Er schreibt zudem einheitliche Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel vor, die zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Der entsprechende Passus soll statt wie bisher im Arzneimittelgesetz im SGB V verankert werden. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will die Regelung auf diese Weise dem Zugriff des EuGH entziehen. Denn für die sozialen Sicherungssysteme sind die EU-Mitgliedstaaten selbst verantwortlich.

Der DAV-Vorsitzende Fritz Becker bekräftigte beim 56. Wirtschaftsforum seines Verbandes Anfang Mai in Berlin, die Standesvertretung wolle gemeinsam mit der Politik die Zukunft öffentlicher Apotheken über Maßnahmen zur Stützung der Gleichpreisigkeit und die bessere Nutzung der pharmazeutischen Kompetenzen sichern. Die angebotene Summe von 150 Millionen Euro werde aber nicht ausreichen. „Hier bedarf es einer deutlichen Nachjustierung“, sagte Becker. Auch der Festzuschlag von 8,35 Euro je Packung müsse mittelfristig weiterentwickelt werden.

Skepsis bei den Ärzten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht die geplante Erweiterung des pharmazeutischen Dienstleistungsspektrums skeptisch. Zwar könne die Einbindung von Apothekern in das Medikationsmanagement sinnvoll sein, aber nur im Rahmen von zwischen Ärzten und Apothekern abgestimmten Betreuungsprozessen mit klarer Aufgabenverteilung, die der Gesetzentwurf so aber nicht vorsehe, heißt es in einer Stellungnahme. Denn die Mehrzahl dieser Prozesse setze ärztliche Expertise und Informationen über Befunde sowie Vor- und Begleiterkrankungen der Patienten voraus. Auch die Möglichkeit, in der Apotheke Blutdruck oder Cholesterin zu messen, trage nicht zu einer Verbesserung der Versorgung bei. Sie führe lediglich dazu, dass Leistungen doppelt erbracht würden. Die KBV warnte insbesondere vor dem Angebot von Grippeschutzimpfungen in den Apotheken. Bei einer Impfung sei es nicht mit der Injektion getan. Sie erfordere eine angemessene Anamnese, Aufklärung und den Ausschluss von Kontraindikationen. All dies setze eine ärztliche Ausbildung voraus, so die KBV. Heike Korzilius

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