ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Mangelernährung bei stationär behandelten Patienten: Gezielte Korrektur von Ernährungsdefiziten senkt die Krankenhausmortalität

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Mangelernährung bei stationär behandelten Patienten: Gezielte Korrektur von Ernährungsdefiziten senkt die Krankenhausmortalität

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1068 / B-879 / C-867

Meyer, Rüdiger

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Foto: picture alliance
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In Europa wird der Anteil der Mangelernährten bei den stationär Behandelten auf mindestens 30 % geschätzt (zit. n. [1]), in Deutschland auf mindestens 25 % (2). Gründe können chronische Krankheiten wie Leberzirrhose, Tumoren oder neurologische Erkrankungen sein, die den Appetit schwächen, sodass die Patienten nicht genügend Proteine und Kalorien aufnehmen. Ein Ernährungsdefizit bei stationärer Aufnahme verschlechtert sich häufig während des Klinikaufenthalts. Ein Forscherteam an 8 Schweizer Kliniken hat die Hypothese überprüft, ob ein strukturiertes, individuell angepasstes Ernährungsprogramm bei Patienten mit Ernährungsdefiziten das klinische Ergebnis der Behandlung verbessert (1).

Von 5 015 gescreenten Patienten hatten 2 088 ein Ernährungsdefizit mit einem Score von ≥ 3 (Nutritional Risk Screening; NRS 2002). Diese Patienten wurden 1:1 randomisiert in eine Gruppe, die während des mindestens 4-tägigen Kranken­haus­auf­enthalts die herkömmlichen Gerichte aus der Klinikküche erhielt (n = 1 038) und eine zweite Gruppe, für die ergänzend individuell ein Ernährungsplan zusammengestellt wurde (n = 1 050). Der kombinierte primäre Endpunkt bestand aus Tod binnen 30 Tagen, intensivmedizinischer Therapie, ungeplanter Rehospitalisierung, ungünstigem klinischem Verlauf wie Infektion und Herz-Kreislauf-Komplikation oder einer Verschlechterung des Allgemeinzustands.

Der Endpunkt trat bei 232 Patienten (23 %) mit Ernährungsmanagement auf und bei 272 Patienten (27 %) in der Kontrollgruppe. Die adjustierte Odds Ratio (OR) von 0,79 war statistisch signifikant (95-%-Konfidenzintervall [95-%- KI] [0,64; 0,97]). Der absolute Unterschied von 4 Prozentpunkten ergibt eine Number Needed to Treat (NNT) von 25 Patienten, auf die ein Patient kam, bei dem durch das Ernährungsmanagement ein schwerer Krankheitsverlauf verhindert wurde. Sogar eine günstige Auswirkung auf die Überlebensrate war nachweisbar. In der Interventionsgruppe starben 73 Patienten (7 %) innerhalb von 30 Tagen gegenüber 100 Patienten (10 %) in der Kontrollgruppe (adjustierte OR: 0,65 [0,07; 0,91]; NNT: 37). Das Ernährungsmanagement erwies sich als weitgehend risikolos.

Fazit: Die gezielte Korrektur von Ernährungsdefiziten verbessert bei Krankenhauspatienten die Prognose. Die Ergebnisse der multizentrischen, prospektiv randomisierten Studie stützen nach Meinung der Autoren klar das Konzept eines systematischen Screenings bei stationärer Aufnahme und eines individuell angepassten Ernährungsplans bei Risikopatienten. Rüdiger Meyer

  1. Schuetz P, Fehr R, Baechli V, et al.: Individualised nutritional support in medical in-patients at nutritional risk: a randomised clinical trial. Lancet 2019; doi: 10.1016/S0140–6736 (18)32776–4).
  2. Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 2018.

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