ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Darmkrebs in der Familie: Halbgeschwister Erkrankter haben ein ähnlich hohes Risiko wie Vollgeschwister

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Darmkrebs in der Familie: Halbgeschwister Erkrankter haben ein ähnlich hohes Risiko wie Vollgeschwister

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): A-1068 / B-879 / C-867

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Sebastian Kaulitzki /stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki /stock.adobe.com

Darmkrebs liegt bei den Neuerkrankungsraten in westlichen Ländern auf den ersten 3 Plätzen, in Deutschland auf Platz 2 bei Frauen (26 000 geschätzte Neudiagnosen für 2018) und auf Platz 3 bei Männern (32 900 geschätzte Neudiagnosen für 2018; zit. n. [1]). Bei kolorektalen Karzinomen in der Familie kann das Risiko, selbst zu erkranken, erhöht sein. Für Verwandte 1. Grades ist es vergleichsweise gut untersucht, weniger allerdings für Verwandte 2. Grades. Diese Lücke schließt ein internationales Forscherteam mit Daten aus schwedischen Kohorten unter Federführung deutscher Wissenschaftler.

Basis der Datenauswertung war das Schwedische Multigenerationenregister mit Jahrgängen von 1860–2015, das 16 129 429 Personen umfasste. Außerdem hat Schweden ein Nationales Krebsregister (1958–2015; 2 782 430 Tumordokumentationen). Und schließlich wurden diese beiden Register mit Daten von Erhebungen des sozioökonomischen Status und der Todesursachenstatistik zusammengeführt. So lagen für 12 829 251 Einwohner der Geburtsjahrgänge 1958–2015 alle erforderlichen Daten vor.

Bei einem Follow-up von 58 Jahren (durchschnittlich: 33,6 Jahre) gab es 173 796 Darmkrebsdiagnosen. Die Anzahl der Teilnehmer mit kolorektalen Karzinomen, die mindestens 1 erkrankten Verwandten 1. oder 2. Grades hatten, betrug 16 679, also fast 10 % der Darmkrebsdiagnosen in Schweden.

Das Lebenszeitrisiko für ein kolorektales Karzinom für Menschen ohne entsprechende Familienanamnese war 4 % . Bei einem Verwandten 1. Grades ohne betroffene Verwandte 2. Grades lag es bei 6,3 % und war damit um den Faktor 1,6 gegenüber Personen ohne betroffene Verwandte erhöht (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,6; 1,6]).

Bei 2 Verwandten 1. Grades ohne Betroffene 2. Grades erreichte das absolute Risiko schon 9,1 % und die standardisierte Inzidenz Ratio (SIR) 2,5 [2,3; 2,6]. Für einen Verwandten 2. Grades lag das Lebenszeitrisiko bei 4,7 %, was als unwesentliche Erhöhung (SIR: 1,2) bewertet wurde, und bei 2 Verwandten 2. Grades bei 5,7 % (SIR: 1,6). Das Risiko für Vollgeschwister von Darmkrebspatienten zu erkranken, wurde bei nicht zusätzlich betroffenen Verwandten 2. Grades auf 7 % (SIR: 1,7) berechnet und für Halbgeschwister mit 6 % (SIR: 1,5). Das Risiko war also für die beiden Verwandtschaftsgrade vergleichbar.

Fazit: Halbgeschwister von Darmkrebspatienten haben mit einem kumulativen Lebenszeitrisiko von 6 % ein vergleichbar hohes Risiko, an kolorektalen Karzinomen zu erkranken, wie Vollgeschwister von Patienten (7 %). Das Darmkrebsrisiko für Halbgeschwister sei daher wie das eines Verwandten 1. Grades einzustufen, so die Autoren. Das höchste Risiko bestand für Menschen, in deren Familie Verwandte 1. und 2. Grades erkrankt waren.

„Diese Studie zeigt eindrucksvoll, dass große Patientenregister wegweisende Erkenntnisse liefern, die nur aus großen Kohorten und bei sehr langen Beobachtungsintervallen gewonnen werden können“, kommentiert Priv.-Doz. Dr. med. Marc Bludau, Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie am Universitätsklinikum Köln. „Und es wird deutlich, dass ein nationales Krebsregister zwingend erforderlich ist, um epidemiologische Daten der Gesamtbevölkerung und – in Verbindung mit einem Multigenerationenregister – zu den interindividuellen Verwandtschaftsbeziehungen zu erhalten.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Krebs in Deutschland. Robert Koch-Institut Berlin 2017.
  2. Tian Y, Kharazmi E, Sundquist K, et al.: Familial colorectal cancer risk in half siblings and siblings: nationwide cohort study. BMJ 2019; 364: 1803.

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