ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2019Von schräg unten: Probleme

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Probleme

Dtsch Arztebl 2019; 116(21): [52]

Böhmeke, Thomas

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Das Leben ist eine einzige Abfolge von Problemen. Schon bei Geburt tut man mittels lautem Schreien kund, dass man es nicht goutiert, aus der kuscheligen Einraumwohnung hinausgeworfen zu werden, die von der intravenösen Ernährung bis hin zur abrechnungsbefreiten Zentralheizung alles geboten hat. Wahrscheinlich wird deshalb die derzeitige Wohnungsnot als absolute Oberkatastrophe empfunden, da sie ein Geburtstrauma triggert.

In der Jugend ist man mit dem Problem konfrontiert, dass sich Erwachsene viel zu viel Verbote einfallen lassen. Später im Leben überzieht man seine Zöglinge mit zahllosen Zwangsmaßnahmen, die man sich selbst nicht hätte gefallen lassen. Wahrscheinlich will man mit solchen Maßnahmen einfach nur überprüfen, ob die Menschheit sich tatsächlich fortentwickelt und es endlich eine Generation gibt, die gute Ratschläge zu schätzen weiß.

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Ein guter Ratschlag wäre beispielsweise, sich nicht in einem Fass die Niagarafälle hinunterzustürzen. Menschen tun dies trotzdem, wahrscheinlich um alternative, klimaneutrale Fortbewegungsmittel zu testen und das Problem des emissionsfreien Transportes zu lösen. Gleiches würde allerdings in der Spree oder Havel zum absoluten Verkehrsinfarkt führen, da diese Gewässer arm an fässerbewegendem Gefälle sind.

Dabei ist, so kennen wir das aus unserer täglichen Praxis, das Lösen von Problemen eigentlich ganz einfach: Man identifiziert sie möglichst konkret und führt sie der bestmöglichen Lösung zu, sprich: Man füge zusammen, was zusammen passt. Das Antibiotikum dem empfindlichen Keim, der Ender-Nagel dem frakturierten Oberschenkel, der Stent der obstruierenden Koronarstenose.

Aber man muss sich um Präzision bemühen, so wenig wie ein Ender-Nagel in der Koronarstenose hilfreich ist, so wenig genügt es, die Sorgen der Menschen um die unendlichen Wartezeiten auf Facharzttermine dadurch zu nehmen, dass man doppelte und dreifache Arbeitszeiten fordert. Oder der Furcht vor Krebserkrankungen dadurch zu begegnen, dass man verlautbart, diese seien in zehn bis zwanzig Jahren besiegt. Oder Akutsprechstunden für Psychotherapeuten anzuordnen, in denen sich Hilfesuchende anhören müssen, dass es keine Therapieplätze gibt. Wahrscheinlich will man wie bei oben besagter Jugend einfach nur mal was in die Welt setzen und dann gucken, was passiert.

Aber es gibt Probleme, die dermaßen komplex sind, dass man an seine Grenzen stößt und keinerlei Rat mehr weiß. Vor mir sitzt ein Patient, der kürzlich aus dem Süddeutschen in das schöne Ruhrgebiet gezogen ist und mir sein Leid klagt: „Hören Sie mal, Herr Doktor, das war schon in meiner früheren Heimat so, und auch hier ist es für mich schier unmöglich, einen Hausarzt zu finden, der Verständnis für mich hat, der wirklich zu mir passt!“ Kann ich gar nicht glauben. Ich kenne ja die hausärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die ausnahmslos sehr engagiert sind, über hervorragende Kenntnisse verfügen und auch bereit wären, ihre schützenden Hände über ihn zu halten. Wo, bitte, hat er hier ein Problem? „Na, dann nennen Sie mir mal einen Hausarzt, der doppeltes Übergewicht hat, Kette raucht, keinen Sport macht und seine Tabletten nicht einnimmt!“ In der Tat. Das ist ein unlösbares Problem.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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Avatar #27344
dirkschemmann
am Samstag, 25. Mai 2019, 19:30

Endernagel

Lieber Herr Böhmeke,
als ich 1995 mein AiP begann, kam ich aus einer riesigen BG Klinik im Ruhrgebiet an ein kleines kirchliches Haus im Rheinland. Gewöhnt an die DHS und diesen ganz neuen Gammanagel, stellte mir der diensthabende Oberarzt ein-wie er sagte- historisches Verfahren vor (wie gesagt, 1995!) und ließ mich das auch bald selbst machen: Den Endernagel! Wie nett, jetzt bei Ihnen nochmal davon zu lesen, gibt nicht mehr viele, die diese Osteosynthese noch kennen, geschweige denn beherrschen. Allerdings ist dieser Nagel in der Unfallvhirurgie nicht mehr so aktuell wie ein Stent in der Kardiologie...

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