POLITIK

Notaufnahme: Notruf aus der Ambulanz

Dtsch Arztebl 2019; 116 (Sonderausgabe Arztgesundheit): [17]

Frau Doktor

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Seit Anfang des Jahres berichtet Frau Doktor in ihrem gleichnamigen Blog über ihre Erfahrungen als frischgebackene Assistenzärztin, auf aerzteblatt.de/fraudoktor. Ein Bericht aus der Notaufnahme.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Ich bin gerade vom Tagdienst zurückgekommen. In der Notaufnahme „steppte der Bär“, wie man zu sagen pflegt. Ich habe stundenlang Patienten gesehen, es waren viele „echte“ Notfälle dabei, und gefühlt im Minutentakt stand ein neuer Rettungswagen vor der Tür. Übergabe hier, Verlegung dort, Bildgebung organisieren, Telefonat mit dem Oberarzt, neuer Anruf in der Leitung. Alles schnell. Alles sofort. Natürlich, priorisieren muss man auch zwischen den einzelnen Notfällen. Aber der Stress im Kopf vermehrt sich ins Unendliche, wenn man eigentlich weiß: So richtig warten darf von denen keiner. Schließlich schaffen wir das, irgendwie.

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Die Notaufnahmen werden eingerannt, die Flut an Patienten wird von Jahr zu Jahr größer. Ich maße mir einen detaillierten Kommentar über die zahlreichen Patienten, die eine Notaufnahme aufsuchen, ohne ein Notfall zu sein, nicht an. Beschwerden seit drei Jahren? Keine Seltenheit. Die Gründe: vermutlich mannigfaltig.

Immer mehr Bürokratie

Was jedoch auffällt, ist die Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Tatendrang der Verantwortlichen unseres Gesundheitswesens. Das Bewusstsein, dass wir ein Problem haben: immer mehr Patienten in zu kurzer Zeit für zu wenig Ärzte, Notaufnahmen, die auch von Bagatelltraumen überflutet werden. Die aber, einmal da, ebenfalls gründlich angesehen werden müssen, denn auch die Diagnose einer Bagatelle erfordert den Ausschluss der schweren Dinge. Dazu immer mehr Bürokratie: Jeder meiner nicht medizinischen Freunde schüttelt bereits mit dem Kopf. Denn jeder weiß, dass es pro Ärztekopf eigentlich zu viel ist. Woher wissen sie das? Sie lesen es überall. Eine Schwester sprach neulich: Das ist doch nichts Neues. Das wissen doch alle. Es interessiert aber keinen. So viel Frust und so viel Alleingelassen- sein in einem so kurzen Statement.

Und die Ärzte? Die Meldungen springen den Lesern förmlich entgegen: Einführung eines dringend benötigten Pflegeschlüssels, für Ärzte gibt es wieder keinen. Nicht für Normalstationen, nicht für Notaufnahmen. Wie wäre es mit einem wasserdichten gesetzlichen? Vorbei wäre der Kampf der Chefärzte, wenigstens eine neue Assistentenstelle durchzuboxen. Seien wir ehrlich: Angesichts der regen öffentlichen Diskussionen über diese Thematik ist es nahezu unmöglich, sich dieser Probleme nicht bewusst zu sein. Erst recht nicht, wenn man Gesundheitspolitik macht.

Im Endeffekt ist es aber doch so: Wir können die Problemartikel nicht mehr lesen. Wir würden so gerne mehr Taten sehen! Wo bleiben die bundesweiten Kampagnen für die Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, auch mal zur Primetime? Damit die Patienten dort ankommen, wo sie richtig sind? In der die wahren Notfälle schneller drankämen? Wo bleiben unsere Politiker, die erkennen: Dutzende Patienten pro Pflegekraft sind einfach zu viel? Die sich einsetzen: dafür, dass ein Arzt nur eine gewisse Anzahl an Patienten betreuen kann.

Den großen Aufstand proben? Wir sind doch froh, wenn wir schlafen können. Klar, lupenrein ist dieses Argument nicht, obwohl es sich nach stundenlangem Durcharbeiten sehr lupenrein anfühlt. Natürlich können wir uns nicht davon freisprechen, dass auch wir relativ wenig geschlossen öffentlich unsere Meinung kundtun. Warum also die Zurückhaltung, abgesehen von wenig Zeit? Vielleich ist es der negative Beigeschmack der Mimosenhaftigkeit. Denn: Wir wollen irgendwie nicht rebellieren. Wir mögen unseren Beruf.

Wir wollen das

Mehr als das. Für die meisten unter uns ist es kein Job, überhaupt, das klingt so nach Gelegenheitsbeschäftigung. Wir wollten das. Dafür haben wir jahrelang in Pflichtseminaren gesessen, unbezahlte drei Monate Pflegepraktikum und weitere unbezahlte vier Monate Famulatur gemacht, haben uns zwölf Monate im Praktischen Jahr angestrengt, um etwas mitzunehmen. Wir wollen das auch weiterhin. Menschen helfen. Der eine mehr der Menschen wegen, der andere, weil er durch und durch Wissenschaftler ist. Ob eher emotional oder doch mehr Rationalist: Wir sind hier ganz und gar freiwillig. Einen unglaublichen Antrieb bedeutend, ist dies gleichzeitig unsere größte Bremse. Ist der, der meckert, vielleicht einfach nur am falschen Ort? Ist es das, was uns Angst macht?

Es bleibt am Ende des Tages doch so: Die vielen Meldungen, die sind kein Märchen. Geredet wird darüber überall: in der U-Bahn, im Wochenblatt, in der großen überregionalen Sonntagszeitung, auf Kongressen, auf Podiumsdiskussionen. Die Hoffnung bleibt, dass Taten folgen. Möglichst vor dem 1001. Nachtdienst.

Frau Doktor

Zum Blog: www.aerzteblatt.de/fraudoktor

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