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Arztgesundheit: So darf es nicht weitergehen

Dtsch Arztebl 2019; 116 (Sonderausgabe Arztgesundheit): [1]

Maibach-Nagel, Egbert; Schmedt, Michael

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte werden seit Jahren schwieriger. Die Gründe sind vielfältig: Die Kommerzialisierung fordert eine höhere Taktung, die Bürokratie raubt Zeit, ständige Verfügbarkeit wird erwartet und die Politik greift immer stärker in den Berufsalltag ein. Zudem sind gewalttätige Angriffe auf Ärzte keine Seltenheit mehr. Gleichzeitig sorgt der demografische Wandel dafür, dass die Zahl der Ärzte rapide abnehmen wird. Darüber hinaus reduzieren viele Mediziner ihre Arbeitszeit oder sind angestellt. Folge: Die Schere zwischen der Arbeitsbelastung im ärztlichen Alltag und der Zahl der Ärzte in der Patientenversorgung geht immer weiter auseinander.

Diese unselige Gemengelage mit Arbeitsverdichtung und Stress führt schließlich zu Krankheit. Im derzeitigen Gesundheitssystem muss sich etwas ändern, will man weiterhin gesunde „Heiler und Helfer“ haben, die eine hochwertige Versorgung leisten. Folgerichtig ist der Schwerpunkt des diesjährigen 122. Deutschen Ärztetages in Münster das Thema „Wenn die Arbeit Ärzte krank macht“.

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Das Deutsche Ärzteblatt hat aus diesem Grund diese Sonderausgabe zusammengestellt, die die verschiedenen Facetten des Problems beleuchtet. So ist die gefährdete Arztgesundheit nicht nur ein deutsches Problem, wie viele internationale Studien deutlich machen (Seiten 14, 28). Umfragen der hiesigen ärztlichen Verbände bestätigen alljährlich, dass insbesondere der Zeitmangel, gepaart mit der zunehmenden Bürokratie, starke Auslöser von Stress sind (Seite 4).

Die Folgen der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens tun ein Übriges. Die Forderung nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit geht auf Kosten von Empathie und der Zeit für die Patientenbehandlung. Der Patient mutiert zum Kunden, Arztpraxen und Krankenhäuser zu Dienstleistungsunternehmen. Auf der Veranstaltung „Patientenversorgung unter Druck“ der Bundes­ärzte­kammer hatten Experten im vergangenen Herbst auf die Gefahren der Einflussnahme von privaten Kapitalgebern hingewiesen und Änderungen am DRG-System gefordert. Auch die Wissenschaft untersucht den Einfluss der Öko­nomi­sierung auf die Entscheidungen im Krankenhaus (Seiten 7, 33).

Die Gefahr wird immer größer, dass der medizinische Nachwuchs schon vor dem Einstieg in das Berufsleben abgeschreckt wird. Eine Absolventenbefragung der Medizinischen Hochschule Hannover zeigt dies eindrücklich. Insbesondere die Organisation der Arbeit verursacht ein erhebliches Unzufriedenheitspotenzial (Seite 21). Eindrücklich sind auch Erfahrungen aus dem Wahnsinn des Arbeitsalltags, wie sie eine frischgebackene Assistenzärztin aus der Notaufnahme schildert (Seite 17). Hier wird deutlich, dass Ärztinnen und Ärzte trotz aller Widrigkeiten immer weitermachen, immer den Patienten im Blick. Ärzte neigen offensichtlich dazu, erst zuletzt an sich selbst zu denken. „Nein“ sagen muss aber auch gelernt werden. Grenzen zu setzen, ist unabdingbar für die eigene Zufriedenheit (Seite 18).

Die Digitalisierung hat ohne Zweifel das Potenzial, den Arbeitsalltag zu erleichtern, wenn, ja wenn die Ärzte bei der Entwicklung und Organisation miteinbezogen werden. Ohne deren Expertise erreicht man nur das Gegenteil, wie ein Blick in die USA zeigt (Seite 30).

Getreu dem Motto „Es läuft ja irgendwie“ darf es nicht weitergehen. Das gefährdet Patienten und Ärzte. Dies muss schnellstmöglich auch die Politik erkennen.

Egbert Maibach-Nagel, Michael Schmedt
Chefredaktion

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