POLITIK

Ehrenamt: Idealismus und Überforderung

Dtsch Arztebl 2019; 116 (Sonderausgabe Arztgesundheit): [10]

Beerheide, Rebecca

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Das Gesundheitswesen in Deutschland ist an vielen Stellen von und mit fachkundigen, aber ehrenamtlich tätigen Ärztinnen und Ärzten organisiert. Viele Aufgaben werden in der Freizeit, neben Praxis- oder Klinikalltag geleistet. Das Engagement kann aber auch zur Überforderung werden.

Abstimmung in Gremien: Für die ehrenamtliche Arbeit geht viel Zeit am Abend oder am Wochenende verloren. Foto: Georg J. Lopata
Abstimmung in Gremien: Für die ehrenamtliche Arbeit geht viel Zeit am Abend oder am Wochenende verloren. Foto: Georg J. Lopata
Christiane GroßFoto: J. Rolfes
Christiane Groß
Foto: J. Rolfes
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Auf der einen Seite steht der Idealismus, die Freude daran, dass sich etwas bewegt und der Wunsch nach aktivem Gestalten des eigenen Berufsfeldes. Auf der anderen Seite der zeitintensive Einsatz, der auf Kosten eigener Hobbys oder der Familie geht: Große Teile der ärztlichen Selbstverwaltung würden ohne das Ehrenamt nicht funktionieren. Viele Ärztinnen und Ärzte verbringen ihre Freizeit, ihren Urlaub oder ihre Zeitausgleichstage in Gremien, auf Kongressen, auf Berufsverbandssitzungen oder beim Verfassen von Resolutionen, Reden oder Vorträgen.

Das Engagement „nebenbei“ ist nicht mehr selbstverständlich, besonders da sich die Arbeitszeit im Arztberuf immer stärker verdichtet. „Aber glücklicherweise gibt es immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die diese Ämter auf sich nehmen und denen es Spaß macht, ihre Freizeit einzusetzen“, sagt Dr. med. Christiane Groß, die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes und Mitglied im Vorstand der Ärztekammer Nordrhein. Außerdem ist sie im Ärztlichen Beirat Telematik NRW sowie beim Marburger Bund engagiert. Sie gibt offen zu: „Der Ärztinnenbund findet bei mir beispielsweise zwischen 23 Uhr und 2 Uhr nachts auf meinem Schreibtisch statt.“ Hätte sie noch Kinder zu betreuen, ginge das Engagement kaum in diesem Ausmaß.

Melanie RubenbauerFoto: privat
Melanie Rubenbauer
Foto: privat

Wenig Frauen in Gremien

Auch für Ärztinnen ohne Kinder ist es eine zeitliche Herausforderung, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen. Dr. med. Melanie Rubenbauer zählt erst einmal durch, wie viele Ämter sie derzeit innehat: Die Radiologin ist stellvertretende Landesvorsitzende des Marburger Bundes in Bayern. Sie ist im Vorstand der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer sowie stellvertretende Vorsitzende in der Bezirkskammer. 2016 wurde sie in den Bundesvorstand des MB gewählt. In ihrer Klinik in Bayreuth ist die Oberärztin auch Betriebsrätin. Ihre Funktionen in der Kleinen Tarifkommission des MB hat die 42-jährige Ärztin kürzlich aufgegeben. „Das waren 36 Sitzungen in drei Jahren in Berlin, das habe ich nicht mehr geschafft“, berichtet sie. Von ihrem Arbeitgeber wird sie für acht Gewerkschaftstage freigestellt – die benötigt sie für die monatlichen Sitzungen des MB-Vorstandes. Vorstandssitzungen auf Landesebene kann sie mit Überstundenausgleichen am Nachmittag schaffen. „Wer sich einmal engagiert, tendiert dazu, dass immer mehr Ämter auf einen zukommen“, erzählt Rubenbauer. Um sich neben dem Vollzeitjob in der Klinik nicht zu überlasten, „muss ich auch klare Entscheidungen treffen, wie weit ich gehen wil.“ Zeit für Freunde oder den Partner muss sie sehr genau planen.

Oft ist Rubenbauer eine der wenigen Frauen, die an den Gremiensitzungen teilnehmen. „Für Ärztinnen ist es oftmals noch schwieriger, Ehrenämter zu besetzen, vor allem, wenn sie Familie haben“, berichtet Rubenbauer. Eine Situation, die Groß als Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes nur zu gut kennt: Sie kämpft seit Jahren für mehr Frauen in den Gremien, ist Mitglied in der Initiative „Spitzenfrauen in der Medizin“, die sich im Februar gegründet hat. Sie ermuntert jüngere Ärztinnen (und auch Ärzte) immer wieder, sich zur Wahl zu stellen und bei der Ausschussarbeit von Gremien oder Verbänden mitzumachen. „Man muss ja nicht gleich in den Vorstand gehen“, sagt sie.

Die fehlenden Ärztinnen in Gremien ist auch für Prof. Dr. med. Uwe Janssens ein Problem: „Die weibliche Sichtweise auf Probleme und Herausforderungen sind einfach oft anders. Mir fehlt das sehr“, sagt der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Er ist seit Anfang des Jahres Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und betrachtet es kritisch, dass nur wenige Frauen sich dort engagieren können. „Das fängt damit an, dass viele Kolleginnen keine Kinderbetreuung haben, und der Spagat zwischen Klinik, Forschung, Familie und ein Ehrenamt überhaupt nicht mehr geht.“ Janssens hat selbst das aktive Bedürfnis, wie er es nennt, den Arztberuf mitzugestalten, Prozesse zu verändern, Leitlinien zu entwickeln und somit auch die Versorgung der Patienten zu verbessern.

Uwe JanssensFoto: privat
Uwe Janssens
Foto: privat

Praxisschock bei Jüngeren

Als 2008 die DIVI als Fachgesellschaft gegründet wurde, sei das viel Arbeit gewesen, „aber im Nachhinein sehe ich, wie wir wirklich etwas bewegen konnten.“ Er beobachtet eine zunehmende Aufmerksamkeit der Medien, aber auch eine wachsende Funktion der Fachgesellschaften als „Sprecher der Leistungerbringer vor Ort.“ Bei der immer schneller werdenden Gesetzgebung ist das eine große Herausforderung für die Zeitgestaltung im Ehrenamt. „Aber das macht sehr viel Spaß“, sagt Janssens. Er bemüht sich, sportlich aktiv zu bleiben, die Ernährung zu verbessern, sich klar Freiräume für Hobbys zu nehmen. „Aber natürlich geht viel Zeit für Vorträge oder Review-Papers am Wochenende oder abends drauf.“ Nicht nur bei Ärztinnen, generell bei jungen Medizinern sieht er bei der Arbeitszeit einen kompletten Systemwechsel. „Ich finde es sehr gut, wie deutlich hier bessere Arbeitsbedingungen eingefordert werden. Was wir damals gemacht haben, war außerordentlicher Unsinn und nicht unbedingt familienfreundlich.“

Für jüngere Ärzte ist es oft der „Praxisschock“ und der „schroffe Übergang nach dem behüteten Studium“, die viele ins Engagement für den Berufsstand bringt: So beschreibt es Dr. med. Matthias Ras-pe, seit 2016 Sprecher der Nachwuchsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Seit einigen Jahren gibt es neue Bündnisse, in denen sich junge Ärztinnen und Ärzte zusammenschließen. Er kenne natürlich auch die Gruppen für junge Mediziner, die die großen Verbände haben. „Aber der Aufbau einer jungen Gruppe innerhalb einer großen Fachgesellschaft hatte noch einmal eine ganz neue Dynamik und Reiz.“

Matthias RaspeFoto: privat
Matthias Raspe
Foto: privat

Für Raspe, der auch in der Lan­des­ärz­te­kam­mer Berlin engagiert ist, gestaltet es sich in seiner Weiterbildung zum Pneumologen und als junger Vater immer schwieriger, die ehrenamtlichen Aufgaben zu erledigen. „Neben einem intensiven Arbeitsalltag mit vielen Aufgaben in der Klinik, ärztlichem Qualitätsmanagement, mehr Zeit für Forschung ist das alles schwer unter einen Hut zu bekommen.“ Doch für ihn kann der Sinn des Ehrenamtes viel von der Entscheidung gegen zusätzliche Freizeit kompensieren.

Wie ehrenamtliche Arbeit attraktiver wird, darüber denken Groß, Rubenbauer, Janssens und Raspe immer öfter nach. So fordert Groß eine Diskussion darüber, wie die Ehrenamtlichen „adäquat“ entschädigt werden können. Denn: „Aus meiner Sicht muss man sich Ehrenamt leisten können. Und das kann nicht jede oder jeder.“ Die Investition, Abende und Wochenenden in das Ehrenamt zu stecken, reicht nicht aus, oft muss man Urlaubstage einsetzen. Und oft fehle zudem noch die Wertschätzung der Kolleginnen und Kollegen für diese Arbeit, die allen zugutekomme, so Groß. Für Raspe ist es wichtig, dass Reisekosten zu Kongressen übernommen werden und Krankenhäuser Ehrenamtler freistellen.

Dafür gibt es sehr unterschiedliche Konstellationen: Chefärzte und Geschäftsführer, die das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen und schätzen, andere wiederum müssen um diese Zeiten kämpfen. In einigen Häusern gibt es die Wertschätzung bei den Kollegen, in anderen Abteilungen eher Auseinandersetzungen, wenn bei Abwesenheit vertreten werden muss. „Viele fragen mich, warum ich das mache und nicht meine Zeit in andere, karrierefördernde Dinge wie die Forschung, stecke“, erzählt Raspe.

Für Chefarzt Janssens gelingt es nach seiner Aussage mit einem guten Zeitmanagement und mit der Unterstützung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zusätzlichen Aufgaben zu bewältigen. Er ermutigt auch andere, sich zu engagieren. „Ich komme jedes Mal von Sitzungen mit neuem Wissen zurück, das ich hier auf meiner Abteilung unmittelbar auch weitergebe. Damit haben wir alle etwas davon.“

Viele Ämter und Funktionen, viele E-Mails, Telefonate oder Besprechungen – das kann an die Belastungsgrenze gehen. Groß, die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie ist, mahnt alle Ehrenamtlichen, noch mehr als für den ärztlichen Beruf nötig, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. „Wenn Ämter von Anfang an anders sind als gedacht, die Aufgaben den eigenen persönlichen Überzeugungen entgegenstehen oder die Arbeitslast höher ist als gedacht, sollte jede und jeder darüber nachdenken und gegebenenfalls die persönlichen Konsequenzen daraus ziehen.“ Denn auch mit Ehrenämtern kann man in das berühmte Hamsterrad kommen – eine Gefahr, die es besonders bei helfenden Berufen auch schon im Arbeitsalltag gibt. „Wir müssen alle schneller für uns sorgen und eine gute Selbstbeobachtung haben.“ Soziale Kontakte dürfen trotz beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeiten nicht vernachlässigt werden. „Wer seine sozialen Kontakte nur noch im Umfeld der ehrenamtlichen Tätigkeit sieht, sollte sich sehr genau prüfen“, rät Groß.

Trotz hoher Belastungen sehen viele das Ehrenamt als sehr wichtig an. „Die Selbstverwaltung ist ein Geschenk an unseren Berufsstand“, sagt Raspe. Er schätzt, dass sich erst viel mehr jüngere Ärztinnen und Ärzte auch in Berufsverbänden oder Fachgesellschaften engagieren, wenn der Druck noch höher wird. Noch höher? „Ja, es ist noch eine träge Masse, die davon überzeugt werden muss, dass wir uns für unseren Beruf einsetzen müssen.“ Rebecca Beerheide

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