ArchivDeutsches ÄrzteblattSonderausgabe Arztgesundheit/2019Gesund­heits­förder­ung in Hausarztpraxen: Psychische Belastungen reduzieren

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Gesund­heits­förder­ung in Hausarztpraxen: Psychische Belastungen reduzieren

Dtsch Arztebl 2019; 116 (Sonderausgabe Arztgesundheit): [12]

Osterloh, Falk

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„Wir konnten wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich psychische Belastungen in Hausarztpraxen manifestieren.“Monika A. Rieger, Universitätsklinikum Tübingen (Referentin auf dem 122. Deutschen Ärztetag)Foto: Universitätsklinikum Tübingen
„Wir konnten wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich psychische Belastungen in Hausarztpraxen manifestieren.“
Monika A. Rieger, Universitätsklinikum Tübingen (Referentin auf dem 122. Deutschen Ärztetag)
Foto: Universitätsklinikum Tübingen

Beschäftigte in Hausarztpraxen sind einer deutlich höheren Stressbelastung ausgesetzt als die Allgemeinbevölkerung. In dem Verbundvorhaben IMPROVEjob sollen Ursachen für psychische Belastungen am Arbeitsplatz Hausarztpraxis erst identifiziert und später eliminiert werden.

Untersuchungen zeigen, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen besonders stark von chronischem Stress betroffen sind: zum Beispiel in Hausarztpraxen. Modifizierbare Stressoren sind dabei unter anderem mangelnde Führung, ineffiziente Arbeitsabläufe, unzureichende Kommunikation sowie ein Mangel an Maßnahmen zur betrieblichen Gesund­heits­förder­ung. Eine Studie zu chronischem Stress zeigte bei Ärzten und Medizinischen Fachangestellten (MFA) doppelt so häufig eine hohe Stressbelastung, als dies in der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) in der Allgemeinbevölkerung dokumentiert war. Dies betraf besonders weibliche Beschäftigte. Speziell in Hausarztpraxen wirken die Herausforderungen des Gesundheitssystems besonders stark, zum Beispiel der demografische Wandel, die Multimorbidität oder die Migration.

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Neuartiger Ansatz

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbundvorhaben IMPROVEjob hat sich die Entwicklung eines neuartigen multimodalen Ansatzes zur Verhältnis- und Verhaltensprävention psychischer Belastungen am Arbeitsplatz Hausarztpraxis zum Ziel gesetzt. In diesem inter- und transdisziplinären Forschungsverbund adressieren verschiedene medizinische, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fachgebiete unter enger Einbeziehung der Zielgruppe das Thema „Psychische Gesundheit für Beschäftigte in Hausarztpraxen“. Das Vorhaben steht modellhaft auch für andere kleine und mittlere Unternehmen in sozialen Dienstleistungsbereichen. Das Projekt ist in vier Teilprojekte untergliedert.

Im ersten Teilprojekt werden spezifische psychische Belastungen der Beschäftigten in Hausarztpraxen mithilfe von Einzel- und Fokusgruppeninterviews sowie Arbeitsablaufanalysen untersucht. Im zweiten Projekt werden auf der Grundlage dieser Untersuchungen gemeinsam mit den Beschäftigten Lösungsansätze entwickelt. Im Anschluss wird eine Machbarkeitsstudie in sechs Hausarztpraxen durchgeführt. Im dritten Projekt folgt eine Evaluation der Wirksamkeit dieser Intervention in einer clusterrandomisierten, kontrollierten Studie in 56 Hausarztpraxen. Primärer Outcome ist dabei die Arbeitszufriedenheit der Praxisbeschäftigten. Ziel des vierten Teilprojekts ist die Dissemination der Intervention in weitere Arztpraxen sowie eine Evaluation von Transferoptionen in andere kleine und mittlere Unternehmen.

Zurzeit werden im Teilprojekt 1 die Daten erhoben und analysiert. Anschließend werden die Ergebnisse im Forschungsverbund diskutiert. Bis September wird die Datenerhebung abgeschlossen sein und die Entwicklung der Intervention für das Teilprojekt 2 im Fokus stehen. „Der Mehrwert unseres Forschungsansatzes liegt klar in der Inter- und Transdisziplinarität“, erklärt die Ärztliche Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Tübingen, Prof. Dr. med. Monika A. Rieger, die das Projekt leitet. „In IMPROVEjob arbeiten wissenschaftliche Expertinnen und Experten für die Themen Führung, Kommunikation, Gesund­heits­förder­ung, Arbeitsgestaltung und Operations Research eng mit der wissenschaftlichen Hausarztmedizin zusammen.“ Diese sehr fruchtbare Kooperation ermögliche die Entwicklung und Implementierung einer Intervention, die sowohl die wesentlichen Aspekte zur Reduktion psychischer Belastungen in Hausarztpraxen adressiere als auch sehr gut zur Zielgruppe passe. „Die Zielgruppe ist kontinuierlich in den Forschungsprozess eingebunden“, erklärt Rieger. „Hier geben uns sowohl Hausärztinnen und Hausärzte als auch Medizinische Fachangestellte immer wieder sehr hilfreiche Rückmeldungen.“

Wertvolle Erkenntnisse

„Bisher konnten sehr wertvolle Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich psychische Belastungen in Hausarztpraxen manifestieren – und was in Hausarztpraxen bereits zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen getan wird“, sagt Rieger. „Die komplexe Intervention basiert sowohl auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft in allen beteiligten Disziplinen als auch auf den Erfahrungen aus der Praxis – zwei Erfolgsfaktoren, die hoffentlich bereits in der im Juni beginnenden Machbarkeitsstudie positive Effekte zeigen werden.“ Falk Osterloh

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