ArchivDeutsches ÄrzteblattArztgesundheit/2019Leberzirrhose und Blausäure: Ärztesterben im Viktorianischen Zeitalter

STUDIEN

Leberzirrhose und Blausäure: Ärztesterben im Viktorianischen Zeitalter

Dtsch Arztebl 2019; 116 (Arztgesundheit): [27]

Meyer, Rüdiger

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Auch in früheren Zeiten pflegten nicht alle Ärzte einen gesunden Lebensstil. Der britische Mediziner William Ogle veröffentlichte 1886 eine detaillierte Analyse der Todesursachen aller „Medical Men“ (Ärztinnen gab es damals noch nicht) aus England und Wales (1). Die Sterblichkeit lag im Bereich von Fleischern und Buchbindern. Sie war deutlich höher als in anderen akademischen Berufen. Der Abstand zum Klerus, dem Berufsstand mit der längsten Lebenserwartung, war erheblich.

Häufige Todesursache von Ärzten waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Darunter waren viele Apoplexien und Paralysen, also Schlaganfälle. Die viktorianischen Medizinmänner litten häufig an Lebererkrankungen oder gingen am Alkoholismus zugrunde. An einer Zirrhose starben Ärzte doppelt so häufig wie die Normalbevölkerung. Auch Nierensteine („calculus“), Gicht und Diabetes waren häufiger. Die Medical Men waren laut Ogle Genussmenschen, die oft die Ratschläge zu einer Lebensführung missachteten, die sie ihren Patienten empfahlen.

Infektionskrankheiten führten ebenfalls häufiger zum Tod, was Ogle auf den Einsatz vieler Ärzte beim Militär und in den Kolonien zurückführte. Immerhin: Ärzte starben in den 1880er-Jahren seltener als andere Menschen an den Pocken. Für die Botschaften der Impfgegner, die es schon damals gab, waren die Mediziner nicht empfänglich, da sie die Erkrankung aus eigener Anschauung kannten. Auch die Phthisis, also die Tuberkulose, war bei Ärzten selten, was mit der besseren Ernährung und Lebenssituation zusammenhängen dürfte. Atemwegserkrankungen waren damals eine häufige Todesursache bei Arbeitern.

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Auffällig in der Statistik war eine erhöhte Zahl von Suiziden, wobei die Ärzte oft den Weg der Vergiftung wählten. Der Übergang vom Unfall- zum Freitod war fließend. Viele Ärzte waren opiatabhängig. Als häufigste Ursache für tödliche Vergiftungen ermittelte Ogle Laudanum (Morphium). Es folgte „Prussic acid“, wie die Blausäure damals genannt wurde. Die Ärzte wussten schon damals, wie sie ihrem Leben rasch und effektiv ein Ende bereiten können.

Eine weitere häufige Todesursache waren Verkehrsunfälle. Ärzte kamen des Öfteren bei Stürzen vom Pferd oder bei Kutschenunfällen ums Leben. Vor allem Landärzte, die auf schlechten Wegen zu Hausbesuchen unterwegs waren, lebten gefährlich. Zugunglücke forderten ebenfalls zahlreiche Opfer unter Ärzten, die sich den Luxus einer Zugfahrt leisten konnten. Rüdiger Meyer

  1. Ogle W: Statistics of mortality in the medical profession. Medico-Chirurgical Transactions 1886; 69: 217–37.

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