ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Der lange Weg der Aufarbeitung
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Das Deutsche Ärzteblatt, die renommierte Zeitschrift der deutschen Ärzteschaft, veröffentlicht eine Originalarbeit zum Thema sexueller Kindesmissbrauch durch Kleriker der katholischen Kirche (1). Wäre das vor 20 Jahren oder früher möglich gewesen? Ich glaube nicht.

Die katholische Kirche steht seit 20 Jahren weltweit mit dem Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs durch Geistliche oder in katholischen Institutionen, mit dem Rücken an der Wand. Untersuchungen und Aufarbeitungskommissionen unter anderem in den USA, Australien und Irland hatten sich des Themas angenommen – und zwar auf Initiative und Druck von Betroffenen. Im Jahr 2012 publizierte der forensische Psychiater Leygraf mit Kollegen (2) eine Studie auf Grundlage von psychiatrischen Gutachten über katholische Geistliche aus deutschen Diözesen. Die mit weit weniger Aufwand als die aktuelle MHG-Studie betriebene Untersuchung sollte als Ergänzung nochmals zur Hand genommen werden, weil sie den Blick auf das Problem erweitert. Der Anteil der Geistlichen mit einer pädophilen Problematik war gering, Geistliche mit einer homosexuellen Orientierung waren häufig, es gab einen großen Anteil von Geistlichen ohne auf Partner gerichtete, sexuelle Erfahrungen.

Historie und Rahmen der MHG-Studie

Im Jahr 2011 fasste die Deutsche Bischofskonferenz den Beschluss, die Personalakten von Klerikern auf Hinweise für sexuelle Übergriffe zu untersuchen; ein Projekt, das zunächst an den Kriminologen Prof. Christian Pfeiffer vergeben wurde. Dieses Projekt wurde 2013 von der Deutschen Bischofskonferenz gekündigt, das Vertrauensverhältnis galt nach Aussage von Bischof Ackermann als zerrüttet. Die Deutsche Bischofskonferenz blieb mit dem Rücken an der Wand, musste sich mit dem Vorwurf der Zensur und Vertuschung auseinandersetzen, aber auch datenschutzrechtlichen Fragen stellen und schrieb das Projekt neu aus. Das war alles andere als vorauszusehen. Arbeitsgruppen, die in dem Feld als kompetent anzusehen gewesen wären, waren vor der Frage einer Bewerbung für das Projekt mit der Sorge beschäftigt, ob man unter diesem Druck überhaupt frei forschen kann.

Anliegen der aktuellen Arbeit war es, „herauszuarbeiten, wie Erkenntnisse der MHG-Studie in der ärztlichen Praxis umgesetzt werden können“. Der Bogen ist damit weit gespannt und die Herausforderung groß. Um gleichzeitig die Limitationen der Studie zu verstehen, empfiehlt es sich, den ausführlichen Methodenteil sorgfältig zu lesen. Danach wird deutlich, dass die epidemiologischen Daten aus der Personalaktenanalyse der Kleriker stammten. Der zweite wichtige Punkt ist, dass die Durchsicht der Akten aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht vom wissenschaftlichen Personal des Forschungskonsortiums durchgeführt wurde. Die Untersuchung erfolgte durch Personal der Diözesen – hier bestand also ein potenzieller Interessenkonflikt. Berichte über die Beurteiler-Übereinstimmung finden sich nicht. Letztlich handelt es sich um in Akten dokumentierte Handlungen, die als sexueller Missbrauch von Minderjährigen gefasst werden, eine Mischung aus Hell- und Dunkelfeld sowie eher breiten und enger gefassten Definitionen sexuellen Missbrauchs bilden. Das Maximum der beschuldigten Kleriker habe es zwischen den 1960er und 1980er Jahren gegeben, also einer Zeit, die zurückliegt. Zu ergänzen ist, dass fast 30 % der Fälle für die Zeit bis 1960 berichtet wurde.

Das ist zur diskursiven Einordnung der Ergebnisse wichtig und macht dreierlei deutlich:

  • die katholische Kirche muss sich einem Prozess der Aufarbeitung stellen
  • es kann lange dauern, bis Erinnern möglich wird
  • wir dürfen bei der Diskussion der Ergebnisse die historische Einordnung nicht übersehen.

Die Frage, wie die Situation gegenwärtig ist, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht zeigen. Dreßing und Kollegen betonen in ihrer Diskussion, dass es institutionsspezifische Aspekte aber auch Risikokonstellationen für Kindesmissbrauch durch Kleriker gebe, so zum Beispiel die Sexualmoral, die Einstellung zur Homosexualität und der Umgang mit dem Zölibat und dem Beichtgeheimnis (1). Gerade letztgenannte Punkte müssen im Rahmen weiterer Forschung untersucht werden.

Rolle der Ärzte

Die Rolle der Ärzte in diesem Feld beschreiben Dreßing und Kollegen als wesentlich bedeutsamer als sie bisher wahrgenommen worden ist. Es muss innerhalb der Ärzteschaft eine stärkere Sensibilisierung für sexuelle Gewalt Kindern gegenüber geben. Hier stehen selbstverständlich die Kinder- und Jugendärzte sowie die Allgemeinmediziner aber auch Beratungsstellen im Zentrum der Aktivitäten. Es muss als genuin ärztliche Tätigkeit anerkannt und wahrgenommen werden, dass sexuelle Gesundheit im Sinne der Welt­gesund­heits­organi­sation das sensible Ansprechen von Sexualität und eventueller Probleme durch Ärzte erfordert. Das sollte bereits mit Medizinstudierenden geübt werden, wie das zum Beispiel im Hamburger Modellstudiengang iMed der Fall ist (3). Dies erfordert nur wenige Stunden des Pflichtcurriculums und führt gleichzeitig zu deutlichen und prüfbaren Erfolgen bei den Studierenden. In die gleiche Richtung gehen selbstverständlich die vielfältigen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten nach dem Studium. Es kann hier als wichtiger Meilenstein gelten, dass der letzte Deutsche Ärztetag die Einführung der Zusatzbezeichnung Sexualmedizin beschlossen hat (4). Dennoch gehören diese Fragen nicht allein den Spezialisten. Es ist eine zivilgesellschaftliche und politische Herausforderung für uns alle, sich dem Thema sexueller Kindesmissbrauch zu stellen. Dazu sind der Blick in die Vergangenheit, wie ihn zum Beispiel die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs nimmt (5), die gegenwärtige Versorgungslage in ärztlich-therapeutischen sowie beratenden Kontexten und schließlich die Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch die notwendigen Ansatzpunkte.

Es ist gut, dass es dem MHG-Forschungsverbund gelungen ist, diese Studie abzuschließen und es ist gut, dass sie im Deutschen Ärzteblatt der Ärzteschaft zugänglich ist.

Interessenkonflikt
Prof. Briken erhielt Erstattung für Reise- und Übernachtungskosten von der Aufarbeitungskommission.

Manuskriptdaten
eingereicht: 29. 4. 2019, revidierte Fassung angenommen: 29. 4. 2019

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peer Briken
Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin & Forensische Psychiatrie
Direktorium – Institut für Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg, briken@uke.de

Zitierweise
Briken P: The long road to recovery following sex abuse by clergy.
Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 387–8. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0387

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Dreßing H, Dölling D, Hermann D, Kruse A, Schmitt E, Bannenberg B, Hoell A, Voss E, Salize HJ: Sexual abuse at the hands of Catholic clergy— a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study). Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 389–96 VOLLTEXT
2.
Leygraf N, König A, Pfäfflin F, Kröber HL: Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland. Eine Analyse forensischer Gutachten 2000–2010. Abschlussbericht für die Katholische Bischofskonferenz www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers_ 2012/2012_Sex-Uebergriffe-durch-katholische-Geistliche_Leygraf-Studie.pdf (last accessed on 24. April 2019).
3.
Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: Lehrangebote und Fortbildungen. www.uke.de/kliniken-institute/institute/institut-und-poliklinik-für-sexualforschung-und-forensische-psychiatrie/lehrangebote-fortbildungen/studierende/index.html (last accessed on 24. April 2019).
4.
Bundes­ärzte­kammer. 121. Deutscher Ärztetag. Beschlussprotokoll. www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/121.DAET/121_Beschlussprotokoll.pdf (last accessed on 24. April 2019).
5.
Aufarbeitungskommission 2019. www.aufarbeitungskommission.de/bilanzbericht_2019/ (last accessed on 24. April 2019).
Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin
& Forensische Psychiatrie, Direktorium – Institut für Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Prof. Dr. med. Peer Briken
1.Dreßing H, Dölling D, Hermann D, Kruse A, Schmitt E, Bannenberg B, Hoell A, Voss E, Salize HJ: Sexual abuse at the hands of Catholic clergy— a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study). Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 389–96 VOLLTEXT
2.Leygraf N, König A, Pfäfflin F, Kröber HL: Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland. Eine Analyse forensischer Gutachten 2000–2010. Abschlussbericht für die Katholische Bischofskonferenz www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers_ 2012/2012_Sex-Uebergriffe-durch-katholische-Geistliche_Leygraf-Studie.pdf (last accessed on 24. April 2019).
3.Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: Lehrangebote und Fortbildungen. www.uke.de/kliniken-institute/institute/institut-und-poliklinik-für-sexualforschung-und-forensische-psychiatrie/lehrangebote-fortbildungen/studierende/index.html (last accessed on 24. April 2019).
4.Bundes­ärzte­kammer. 121. Deutscher Ärztetag. Beschlussprotokoll. www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/121.DAET/121_Beschlussprotokoll.pdf (last accessed on 24. April 2019).
5.Aufarbeitungskommission 2019. www.aufarbeitungskommission.de/bilanzbericht_2019/ (last accessed on 24. April 2019).

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