ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Junge Ärzte: Versorgung neu denken

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Junge Ärzte: Versorgung neu denken

Dtsch Arztebl 2019; 116(22): A-1092 / B-900 / C-888

Richter-Kuhlmann, Eva

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Viele Nachwuchsärzte fühlen sich von ökonomischen Vorgaben im Krankenhaus nahezu erdrückt und sehen die Freiberuflichkeit des Arztberufes in Gefahr. Dennoch schauen sie optimistisch in die Zukunft: Sie wollen neue Versorgungsstrukturen mitgestalten und auf „Augenhöhe“ mit Krankenhausmanagern gelangen.

Diskussion zur Kommerzialisierung: Thorsten Kehe, Jana Aulenkamp, Helmut Laschet, Inna Agula- Fleischer, Pedram Emami (von links). Fotos: Jürgen Gebhardt
Diskussion zur Kommerzialisierung: Thorsten Kehe, Jana Aulenkamp, Helmut Laschet, Inna Agula- Fleischer, Pedram Emami (von links). Fotos: Jürgen Gebhardt

Der Arztberuf braucht Visionen und Visionäre. Im Vorfeld des 122. Deutschen Ärztetages in Münster hatten junge Ärztinnen und Ärzte die Gelegenheit, ihre beruflichen Erfahrungen und ihre Visionen bezüglich einer künftigen ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus und in der Niederlassung öffentlich zu formulieren. Bei der von der Bundes­ärzte­kammer gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Junge Ärztinnen und Ärzte“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe organisierten Dialogveranstaltung „Die Versorgung von morgen – wie wollen die nächsten Generationen die Patientenversorgung sicherstellen“ zeigte sich: Mit den derzeitigen Strukturen kann und will sich die nachwachsende Ärztegeneration nicht abfinden.

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„Wir möchten Verantwortung übernehmen, neue Konzepte vordenken und gestalten“, sagte Jana Aulenkamp, Medizinstudierende im Praktischen Jahr und ehemalige Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd). Hierfür müssten Medizinstudierende bereits im Studium sensibilisiert werden. Möglicherweise müssten die Strukturen im Gesundheitswesen komplett geändert werden. „Wir sollten offen sein, die Dinge neu zu denken.“

Bei den Ärztekammern werden die engagierten Nachwuchsärzte mit offenen Armen empfangen: Die Selbstverwaltung könne viel ändern, deshalb sei es notwendig, in den Dialog mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen zu treten, sagte Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der gastgebenden Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Leider haben wir schon Jahre vergehen lassen. Aber wir brauchen Sie und Ihre Visionen und Wünsche!“, rief er den mehr als 200 Teilnehmern der Dialogveranstaltung im überfüllten Grünen Saal der Halle Münsterland in Münster zu.

Junge Ärzte engagieren sich

Ein solches Nachwuchsärzte-Forum fand in diesem Jahr zum vierten Mal im Vorfeld des Deutschen Ärztetages statt – mit stetig wachsender Beteiligung, wie der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, betonte. Dies zeige, dass die Ärztekammern lebten.

Für Montgomery war die Diskussion, die sich im ersten Teil dem Thema „Kommerzialisierung“ widmete, symptomatisch für die „Sprachlosigkeit zwischen Ärzten und Ökonomen“. „Wir verstehen die Probleme des anderen nicht“, analysierte er. Wichtig sei es dabei, zwischen Ökonomie und Kommerzialisierung zu unterscheiden. „Auch wir Ärzte müssen uns sparsam und wirtschaftlich verhalten.“ Problematisch sei aber eine Kommerzialisierung.

Diese jedoch ist für viele Ärztinnen und Ärzte Realität im Alltag: Sie berichteten von einem wachsenden Druck aufgrund von zunehmender Kommerzialisierung des Systems, sagte Dr. med. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg und Moderator der Dialogveranstaltung. Die Nachwuchsärzte wollten dies nicht länger akzeptieren. „Ich sehe meine Freiberuflichkeit in Gefahr“, erklärte Inna Agula-Fleischer, Fachärztin für Chirurgie und Vorsitzende des Arbeitskreises „Junge Ärztinnen und Ärzte“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Wir müssen endlich handeln.“

Managemententscheidungen im Krankenhaus müssten sich an hochwertiger Patientenversorgung orientieren, anstatt sich nur an betriebswirtschaftlichen Zielgrößen auszurichten, fordern auch die Medizinstudierenden. Nach Ansicht der bvmd ist dafür eine gemeinsame Krankenhausführung nötig, bei der Ärztliche Direktion, Pflegedirektion und kaufmännische Leitung auf Augenhöhe agierten. Bei der Besetzung von Leitungspositionen im Krankenhaus dürfe künftig nicht nur die jeweilige berufliche Kernkompetenz beachtet werden, sondern auch qualifizierte Kenntnisse in Ökonomie, Ethik, Management und Recht. Krankenhausmanager sollten im Umkehrschluss auch über Kenntnisse in praktischer Patientenversorgung verfügen. „Die Ärzteschaft scheint hier etwas verpasst zu haben“, meinte Aulenkamp. „Wir brauchen mehr Ökonomie bereits im Studium und in der Weiterbildung“, forderte sie. Auch Dr. med. Thorsten Kehe, Internist und Vorsitzender der Geschäftsführung der Märkischen Gesundheitsholding, spürt die Kluft zwischen Managern und Ärzten. „Auf ärztlicher Seite fehlt es an Professionalität bezüglich Ökonomie und Personalführung“, konstatierte er.

Diskussion zur Niederlassung: Anne Wichels- Schnieber, Aline Tiegelkamp, Eva- Maria Ebner, Max Tischler, Pedram Emami (von links)
Diskussion zur Niederlassung: Anne Wichels- Schnieber, Aline Tiegelkamp, Eva- Maria Ebner, Max Tischler, Pedram Emami (von links)

Neue Versorgungsstrukturen

Lediglich andere Führungskonzepte sind den jungen Ärzten aber nicht genug: „Wir brauchen Visionen über generell neue Strukturen im Gesundheitswesen“, erklärte Aulenkamp. Beispielsweise müsse das jetzige System der diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) überarbeitet werden. Einige junge Ärzte berichteten in Münster beispielsweise von einem „Upcoding”, also der Abrechnung nicht indizierter Leistungen, um den Gewinn für das Krankenhaus zu erhöhen. „Der Patient steht keineswegs mehr im Mittelpunkt“, beklagte eine Ärztin in Weiterbildung.

Dass ein „Upcoding“ in der Realität vorkäme und vom Management angeordnet sei, verneinte Kehe – zumindest für seine Häuser. In der Tat hätte aber das DRG-System Webfehler, räumte er ein. „Ich versuche deshalb, an der Klinik Transparenz zu schaffen und die Mitarbeiter zu motivieren.“ Warum dies jedoch häufig schwierig ist, erläuterte Helmut Laschet, Volkswirt und freier Journalist: „An den meisten Krankenhäusern herrscht seit Jahren ein Investitionsstau“, sagte er. Das Management müsse deshalb das Krankenhaus quasi „auf Rille“ fahren.

Viele Ärzte hätten zudem gar keine Ambitionen, in der Geschäftsführung eines Krankenhauses zu arbeiten, berichtete Dr. med. Anne Wichels-Schnieber, Ärztin und Personalberaterin bei Russell Reynolds Associates. Dies trage zum Bestehen dieser Kluft bei.

Mehr Fortbildung im Bereich Ökonomie sei dennoch wünschenswert, wie sich im Laufe der zweiten Diskussionsrunde zum Thema „Niederlassung“ zeigte. Die meisten jungen Ärzte fühlen sich auf eine künftige Niederlassung zu wenig vorbereitet. „Mit der Arbeit in einer Praxis habe ich auch erst während der Weiterbildung im Rahmen einer Praxisvertretung Erfahrung gemacht“, berichtete Eva-Maria Ebner, niedergelassene Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. „In der Niederlassung muss man sich schon mit Ökonomie befassen. Aber man braucht auch keine Angst davor zu haben.“ Nach den ersten fünf Jahren ihrer Niederlassung sei ihre Berufszufriedenheit sehr hoch.

Damit beruhigte sie viele junge Kolleginnen und Kollegen, die sich in die Diskussion in dieser Runde eingeschaltet und unter anderem auf das jüngste Berufsmonitoring bei Medizinstudierenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, des Medizinischen Fakultätentages und der bvmd verwiesen hatten. Danach gab 2018 zwar die Hälfte der Studierenden an, gern in eigener Praxis tätig zu werden. Aber auch Ängste kamen zur Sprache: hohe Bürokratie, finanzielles Risiko, drohender Regress sowie ein geringer fachlicher Austausch im ambulanten Bereich.

Angst vor der Niederlassung

Viele der genannten Sorgen seien unbegründet, meinte Max Tischler, Arzt in Weiterbildung im Gebiet Dermatologie und stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises „Junge Ärztinnen und Ärzte“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Dabei verwies er auf verschiedene Angebote und Initiativen der Kassenärztlichen Vereinigungen.

Kein „Auslaufmodell“ ist die Niederlassung ebenfalls für Pascal Nohl-Deryk von der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland/JADE. „Die Zukunft liegt in der ambulanten Versorgung“, ist er überzeugt. Ähnlicher Ansicht ist Dr. med. Leonor Heinz, Sprecherin des Forums Weiterbildung im Deutschen Hausärzteverband. „Die Medizin der Zukunft findet zu Hause statt mit Unterstützung verschiedener technischer Möglichkeiten“, sagte sie. „Wir sollten die ambulante Medizin hochhalten und weiterentwickeln für die Zukunft.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

aerzteblatt.de

Junge Ärzte

Videointerviews mit den Diskutanten auf der Veranstaltung der Bundes­ärzte­kammer im Internet

►http://daebl.de/FQ42

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