ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Krebsfrüherkennung: Aufklärung durch Ärzte notwendig
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Prof. Dr. Norbert Schmacke weist bei seiner Vorstellung des „Versorgungs-Reports Früherkennung“ zurecht darauf hin, dass die Aufklärungssituation der Bevölkerung über Krebsfrüherkennungsuntersuchungen noch „eine riesige Baustelle“ ist und dass nicht umfassend genug über Nutzen und vor allem über mögliche Nachteile von Untersuchungen aufgeklärt wird. Sein Appell richtet sich besonders an Ärzte.

Die im Beitrag angeführte und positiv bewertete Entscheidungshilfe zum Mammografie-Screening-Programm (MSP) kann aber einerseits das ärztlich geführte Aufklärungsgespräch nicht ersetzen und andererseits weist sie – hier muss Schmacke entschieden widersprochen werden – eklatante Defizite auf: Da erstens im MSP kein Patientin-Arzt-Kontakt vorgesehen ist, kann die Aufklärung nicht mündlich erfolgen. Nur eine partizipative Patientenaufklärung, der die ethischen Prinzipien Selbstbestimmung und ärztliche Fürsorge zugrunde liegen, entspricht in Kombination mit einer gemeinsamen Entschei-dungsfindung sowohl dem Rechtsanspruch der Frau als auch dem ärztlichen Selbstverständnis. In einem persönlichen Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt – das wird im Patientenrechtegesetz BGB § 630 e, Abs. 2, Nr. 1 ausdrücklich gefordert – muss ausnahmslos jede Frau von dem zu vermutenden Irrtum befreit werden, dass die Mammografie ausschließlich Nutzen hat. Nur die von einem Arzt informierte Frau kann sich rechtswirksam für oder gegen das Screening entscheiden. Eine Broschüre kann die mündliche Aufklärung ergänzen, aber nicht ersetzen.

Zweitens werden in der vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss 2017 vorgelegten und von Schmacke ausdrücklich als positiv bewerteten Entscheidungshilfe entscheidende Defizite schöngeredet, verzerrt oder verschwiegen. So heißt es dort zum Beispiel: „Auch eine hohe Brustdichte kann eine Rolle spielen“. In dichter Brust werden Herde in der Mammografie eher zufällig als systematisch gefunden, die Sensitivität liegt unter 50 Prozent. Dass Frauen mit dichter Brust ein viermal größeres Krebsrisiko haben, müsste ihnen ausdrücklich mitgeteilt werden. Ebenso müssten sie darüber informiert werden, dass ein beträchtlicher Teil der Tumore durch eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung erkannt werden könnte. Ein weiteres Beispiel: „Die Mammografie kann Brustkrebs im Frühstadium entdecken. Dadurch sinkt das Risiko, an Brustkrebs zu sterben“: Ziel von Brustkrebsfrüherkennung ist es, biologisch aggressive Karzinome frühzeitig zu erkennen, sie von den eher harmlosen Karzinomen zu unterscheiden, aber gleichzeitig die Zahl von Überdiagnosen niedrig zu halten.

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Je höher die biologische Aggressivität des Karzinoms ist, desto besser ist die Aussagekraft der Magnetresonanztomografie (MRT). Dass mittels MRT Krebsvorstufen (DCIS) mit niedrigem Risiko von denen mit mittlerem oder hohem Risiko unterschieden werden können, ist für Betroffene wichtig zu wissen, da bei Frauen mit DCIS Therapiemaßnahmen bis hin zu einer Ablatio mammae durchgeführt werden, obwohl viele von ihnen niemals in ihrem Leben an einem invasiven Karzinom erkranken oder versterben würden.

Dr. med. Ulrich Placzek, 80687 München

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