ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Migräneprophylaxe: Eine Injektion pro Quartal genügt

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Migräneprophylaxe: Eine Injektion pro Quartal genügt

Dtsch Arztebl 2019; 116(22): A-1117

Weiß, Maria

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Ein neuer CGRP-Antikörper reduziert auch bei monatlicher oder gar nur vierteljährlicher Gabe die Zahl der Migränetage signifikant. Mit einer Nebenwirkungsrate auf Placeboniveau punktet die prophylaktische Therapie außerdem mit einer guten Verträglichkeit.

Migräne ist mit 8 bis 10 Millionen Betroffenen allein in Deutschland nicht nur eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen – sie wird von der WHO auch zu den Top 10 der nichttödlichen Krankheiten mit den stärksten Beeinträchtigungen gezählt. Mit Fremanezumab (Ajovy®, Teva) steht erstmals ein monoklonaler Antikörper speziell für die Migräneprophylaxe zur Verfügung, der entweder monatlich oder 1-mal im Quartal angewandt werden kann. Dies bietet die Möglichkeit, die Therapie stärker an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen.

Besonders belastend sei eine hochfrequente episodische Migräne mit 9 bis 15 Migräneattacken pro Monat oder die chronische Migräne mit mehr als 15 Kopfschmerztagen (davon mindestens 8 mit Migräne) im Monat, sagte Prof. Dr. med. Uwe Reuter von der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Universitätsmedizin Berlin. Bei diesen Patienten versucht man in der Regel, die Anzahl, Schwere und Dauer der Attacken durch eine prophylaktische Therapie zu reduzieren. Bei etwa 40 % der Migräne-Patienten wäre eine solche Prophylaxe indiziert – aber nur etwa 15 % erhalten sie zurzeit.

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Spezifische Medikation

Ein möglicher Grund hierfür könnte sein, dass die bisher zur Migräneprophylaxe eingesetzten Medikamente zum Teil mit erheblichen Nebenwirkungen und zahlreichen Kontraindikationen einhergehen und auch in ihrer Wirksamkeit begrenzt sind. Ein Großteil der Patienten bricht die prophylaktische Behandlung daher im 1. Behandlungsjahr ab.

Fremanezumab ist ein Antikörper gegen das Calcitonin Gene Related Peptide (CGRP), welches nach neueren Erkenntnissen entscheidend an der Pathogenese der Migräne beteiligt ist. Mit der Entwicklung von CGRP-Antikörpern wie Fremanezumab steht in der Prophylaxe erstmals eine spezifisch gegen Migräne entwickelte Medikation zur Verfügung, berichtete PD. Dr. med. Tim Jürgens von der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität Rostock.

In den Phase-III-Studien des HALO-Studienprogramms konnte durch die Gabe von Fremanezumab sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne die Zahl der Kopfschmerz- bzw. Migränetage im Vergleich zu Placebo signifikant reduziert werden. (1, 2). Beide Dosierungen (monatliche oder vierteljährliche Gabe) erwiesen sich dabei als gleichermaßen wirksam: Bei chronischer Migräne wurde die Anzahl der monatlichen Kopfschmerztage im Vergleich zur Baseline um 4,6 Tage reduziert; bei der Quartalsdosis lag die Reduktion bei 4,3 Tagen (p < 0,0001 vs. Placebo mit –2,5 Tagen).

Bei der Behandlung der episodischen Migräne konnte bei fast der Hälfte der Patienten die Anzahl der monatlichen Migränetage halbiert werden. So wiesen bei monatlicher Dosierung 47,7 % der Patienten eine mindestens 50%ige Verbesserung auf, bei der Quartalsdosis waren es 44,4 % (vs. Placebo 27,9 %, p = 0,0001). Auch Patienten, bei denen bereits andere prophylaktische Therapien versagt haben, profitieren von der Therapie mit Fremanezumab, berichtete Jürgens.

Der Neurologe hob den schnellen Wirkeintritt von Fremanezumab hervor. In der Studie zur chronischen Migräne verspürten die Patienten bereits nach einer Woche eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu Placebo (3) – das ist deutlich schneller als unter herkömmlich zur Migräneprophylaxe eingesetzten Medikamenten.

Gute Verträglichkeit

Ein weiterer Vorteil gegenüber den bisherigen Prophylaxe-Möglichkeiten ist die gute Verträglichkeit, betonte Dr. med. Astrid Gendolla, niedergelassene Neurologin aus Essen. Die Rate an Nebenwirkungen unterschied sich nicht wesentlich von der Placebogruppe und die meisten unerwünschten Wirkungen waren nur injektionsbedingt. Dies könnte erheblich zur langfristigen Adhärenz beitragen.

Zugelassen ist Fremanezumab zur Prophylaxe bei Patienten mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat. Dem Wirtschaftlichkeitsgebot der GKV folgend, werden die neuen Antikörper aber zunächst bei schwerstbetroffenen Patienten und nach dem Versagen anderer prophylaktischer Therapien angewandt werden. Maria Weiß

Quelle: Launch-Pressekonferenz „Schnell, stark und flexibel: AJOVY® schafft Entscheidungsfreiheit in der spezifischen Migräneprophylaxe“, 9. April 2019, Berlin; Veranstalter: Teva

1.
Silberstein SD, Dodick DW, Bigal ME, et al.: Fremanezumab for the preventive treatment of chronic migraine; N Engl J Med 2017; 377 (22): 2113–22 CrossRef MEDLINE
2.
Dodick DW, Silberstein SD, Bigal ME, et al.: Effect of Fremanezumab compared with placebo for prevention of episodic migraine: a randomized clinical trial; JAMA 2018; 319: 1999–2008 CrossRef MEDLINE
3.
Brandes J, Yeung PP, Aycardi E, et al.: American Academy of Neurology 2018 annual meeting, Los Angeles, 21.–27. April 2018, Poster P4.102.
1.Silberstein SD, Dodick DW, Bigal ME, et al.: Fremanezumab for the preventive treatment of chronic migraine; N Engl J Med 2017; 377 (22): 2113–22 CrossRef MEDLINE
2. Dodick DW, Silberstein SD, Bigal ME, et al.: Effect of Fremanezumab compared with placebo for prevention of episodic migraine: a randomized clinical trial; JAMA 2018; 319: 1999–2008 CrossRef MEDLINE
3.Brandes J, Yeung PP, Aycardi E, et al.: American Academy of Neurology 2018 annual meeting, Los Angeles, 21.–27. April 2018, Poster P4.102.

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