ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Junge Ärzte: Not schafft keine Kompetenz
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Wir, der Arbeitskreis „Ärztlicher Nachwuchs“ der Ärztekammer Niedersachsen, wollen gute ärztliche Versorgung und die Attraktivität unseres Berufes durch bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen erhalten bzw. wiederherstellen. Wir sind fünf Ärzte/-innen in Weiterbildung sowie drei Studierende der Universitäten Göttingen, Hannover und Oldenburg.

Als junge Generation, so heißt es oft, seien wir anspruchsvoll, kritisch und arbeitsscheu. Nein, wir sind ehrgeizig, gut ausgebildet, möchten uns stetig verbessern bzw. fortbilden, um sehr gute Ärzte zu werden, aber ohne Selbstaufgabe oder Verleugnung unserer persönlichen Bedürfnisse. Zur Erfüllung unserer Arbeit und in Hinblick auf zunehmende Belastung im Alltag ist es uns wichtig, Zeit für Erholung, Familie, Freunde und Hobbys zu haben. Wichtig ist uns neben der Wertschätzung in Worten und im Umgang aber auch die finanzielle Wertschätzung.

Es gibt Arbeitgeber, die sehr gute Konzepte zur Weiterbildung und Arbeitszeitgestaltung haben. Außer Frage steht eine Patientenversorgung rund um die Uhr. Daher muss jemand Dienste zu unliebsamen Zeiten machen. Das erfordert gegenseitige Kollegialität: Singles, kinderlose Paare sowie Mütter und Väter müssen sich gleichermaßen einbringen.

Anzeige

Wir sollen flexibel sein, also fordern wir auch von unseren Arbeitgebern mehr Mut zu neuen, flexiblen Arbeitszeitmodellen. Da wir zusätzlich zur Wochenarbeitszeit Bereitschaftsdienste ableisten müssen, liegt unsere Arbeitszeit schnell über der einer „normalen“ Vollzeitstelle. Nicht ohne Grund gibt es den Wunsch zur vollzeitnahen Teilzeitarbeit. Doch auch als Teilzeitkräfte wollen wir Karriereperspektiven in den Kliniken. Wir möchten keine Diskriminierung, wenn wir in Teilzeit arbeiten.

Wir sind anspruchsvoll, auch an uns selbst: Wir möchten unsere Patienten gut und nach aktuellem Wissensstand versorgen. Wir wollen kein schlechtes Gewissen, weil wir den Bedürfnissen der Patienten nicht gerecht werden. Also brauchen wir Zeit für unsere Patienten und ein gutes Lernumfeld mit gut ausgebildeten, ausreichenden Pflegekräften, engagierten Oberärzten, denen man die Weiterbildung ermöglicht, sowie eine gute Infrastruktur. Konzepte nach der Art „Not schafft Kompetenz“ sind nicht länger haltbar.

Laut SGB V sind wir zum wirtschaftlichen Handeln verpflichtet. Doch ein verantwortungsbewusster Umgang mit Versichertengeldern darf nicht bedeuten, dass wir auf notwendige Untersuchungen verzichten oder multimorbide Patienten aus Profitgründen von privaten in städtische Krankenhäuser verlegt werden. Den sukzessiven Verkauf unseres Gesundheitssystems an Aktiengesellschaften und Investorenfonds, die genau das als Renditegarantie ansehen, sehen wir kritisch. Versorgungsqualität lässt sich nicht allein in Statistiken darstellen. Auch die würdevolle Behandlung und Begleitung sterbender Patienten ist Teil guter Versorgung. Das sind Qualitätskriterien. Gute Arbeitsbedingungen und gut ausgebildete, gesunde Ärzte sichern eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten.

Marion Renneberg, Johanna Berndt, Dr. med. Philip Bintaro, Johanna Grimme, Dr. med. Antje Petersen, Johannes Stalter, Hannah Tiggemann, Theodor Uden (Ärzte und Medizinstudierende); Hannover/Oldenburg/Göttingen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema