ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2000Fatigue bei Tumorpatienten: Geheilt, aber matt und erschöpft

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Fatigue bei Tumorpatienten: Geheilt, aber matt und erschöpft

Dtsch Arztebl 2000; 97(3): A-119 / B-108 / C-104

Hahne, Dorothee

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LNSLNS Patienten, die Krebs überlebt haben und als geheilt gelten, haben oft Probleme, die wir Ärzte lange nicht wahrgenommen haben: 40 Prozent oder mehr sind müde und antriebslos, einfach nicht mehr so frisch wie vorher", beschreibt Prof. Volker Diehl (Köln) das Fatigue-Phänomen bei Tumorpatienten. Lange unterschätzt, war das Erschöpfungssyndrom Thema eines Symposiums in Köln, das von der Janssen-Cilag GmbH unterstützt wurde.
Fatigue kann sich auf verschiedene Weise zeigen: Bei manchen Patienten steht die physische Erschöpfung mit Kurzatmigkeit, schneller Ermüdbarkeit oder Herzjagen im Vordergrund. Andere leiden eher unter Antriebslosigkeit, Depression oder verminderter Gedächtnisleistung. Dabei trifft Fatigue sowohl Patienten mit soliden als auch mit hämatologischen Tumorentitäten - und dies nicht nur während der Erkrankung und Therapie, sondern noch Monate, manchmal Jahre später.
Nach Angaben der Strahlentherapeutin Prof. Petra Feyer (Köln) leiden 70 bis 80 Prozent aller Krebspatienten an Fatigue, davon 30 bis 50 Prozent in ausgeprägter Form. Die Ursachen sind nur schwer fassbar. "Es kann eine Anämie oder ein Tumorrezidiv sein. Aber es kann auch die Angst vor einem Rezidiv sein - das ist dann genauso schlimm wie ein Tumor, der wirklich aufgetreten ist", so Diehl. Sicher spielt jedoch die Therapie als auslösender Faktor eine Rolle: Zum Beispiel ist Fatigue die häufigste Nebenwirkung bei Krebspatienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen, die Erschöpfung trifft je nach Therapieschema 50 bis 96 Prozent der Patienten.
In der Regel beginnen die Fatigue-Symptome drei bis vier Tage nach Beginn der Chemotherapie und steigern sich bis zum zehnten Tag. Dann normalisiert sich das Befinden bis zum Beginn des nächsten Zyklus. Erklärbar sind diese Reaktionen auf die Chemotherapie zum einen durch anämie-induzierende Faktoren - etwa die Verringerung funktionsfähiger Knochenmarkzellen oder die verminderte Erythropoetinbildung durch Schädigung der Nieren. Untersuchungen belegen, dass Patienten mit einem Hb-Wert von über 12 g/dl signifikant weniger fatigue- und anämieasssoziierte Symptome aufweisen. Auch psychische Faktoren können eine Rolle spielen, zum Beispiel chronischer Schmerz, Stress durch den Klinikaufenthalt, Schlafstörungen oder Ängste. Des Weiteren können Vitamin- oder Eisenmangel den Erschöpfungszustand begünstigen.
Bei chirurgischen Eingriffen ist die Müdigkeit zehn Tage nach der Operation am meisten ausgeprägt. Drei Monate nach dem Eingriff ist sie in der Regel aber wieder verschwunden. Nach einer Strahlentherapie trifft die Erschöpfung 35 bis 100 Prozent der Patienten - je größer das bestrahlte Areal, desto ausgeprägter sind die Symptome. Mit jedem Behandlungszyklus nimmt die Müdigkeit zu. Müdigkeit und Schwäche sind auch bekannte Nebenwirkungen der Immuntherapie, bei der die Patienten Zytokinen wie Interferonen, Interleukinen, Tumornekrosefaktoren oder Wachstumsfaktoren ausgesetzt sind. So vielfältig die Ursachen der Fatigue sind, so komplex ist auch die Behandlung. "Die lässt sich nicht auf eine Tablette konzentrieren", sagte Dr. Agnes Glaus (St. Gallen). Psychologische Behandlungsansätze wie Entspannungstechniken und Stressbewältigungsprogramme sind hilfreich im Umgang mit der Krebserkrankung und ihren Folgeproblemen wie Fatigue.
Ein mit dem Arzt abgesprochenes Bewegungsprogramm ist ebenfalls ratsam, denn zu viel Bettruhe kann die Fatigue noch verstärken. Oft müssen die Patienten lernen, mit der Müdigkeit zu leben und die verbleibende Energie für Dinge zu nutzen, die ihnen Freude machen. Dorothee Hahne


Tipps, wie Krebspatienten mit Fatigue ihre Kräfte im Alltag am besten einteilen und ihr Leben positiv gestalten können, gibt die Broschüre "Fatigue" der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., die kostenfrei angefordert werden kann unter: Paul-Ehrlich-Straße 41, 60596 Frankfurt, Fax: 0 69/ 63 91 30, E-Mail: service@ deutsche.krebsgesellschaft.de

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