ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Medizinische Versorgung: Mehr „richtige“ Ärzte

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Medizinische Versorgung: Mehr „richtige“ Ärzte

Dtsch Arztebl 2019; 116(22): A-1083 / B-891 / C-879

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschlands Gesundheitswesen braucht laut Zentralinstitut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für die kommenden 16 Jahre 6 000 zusätzliche Studienplätze für Medizin, um den errechneten perspektivischen Ärztemangel kompensieren zu können. Diese hohe Zahl ist nicht nur der Sachlage geschuldet, dass schon in wenigen Jahren viele niedergelassene Ärzte aus Altersgründen ihre Praxen aufgeben, medizinischer Fortschritt zusätzliche Spezialisierungen abfordert und höhere Lebenserwartung, aber auch die statistische Überalterung der Gesellschaft zusätzlichen Versorgungsaufwand verlangen. Sie ist auch Ergebnis eines sich wandelnden Verständnisses, wie Mediziner ihr Arbeits- und Privatleben austarieren.

Auch wenn die Zahl besetzter Ärztestellen absolut steigt, fest steht: Es werden angesichts zunehmender „Teilzeit“-Arbeit – heißt zum Beispiel: reguläre 30 Wochenstunden plus Bereitschaftsdienste – oder nicht mehr grenzenloser Bereitschaft zur Selbstausbeutung in diesem Beruf schlicht mehr ärztliche Köpfe gebraucht.

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Das gesellschaftliche Umfeld inklusive Gesetzgeber stellt die schon heute spürbare Notlage in der Versorgung zwar immer weniger in Abrede. Allerdings sind die Reaktionen, so führte es KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen auf der Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor dem 122. Deutschen Ärztetag in Münster aus, längst nicht so konsequent wie erforderlich: Entstehende Versorgungslücken möchte der Gesetzgeber gern durch – billigere – Delegation stopfen. Die nötige Absicherung soll ein Upgrading gesundheitlicher Fachberufe erzielen: Akademisierung anderer Heil- und Hilfsberufe, Ausbildungsreformen für Psychotherapeuten, aber auch die zunehmende Rekrutierung ausländischer Mediziner sehen Gesundheitspolitiker als preisgünstigere Alternative zur Bewältigung des zunehmenden Ärztemangels.

Auf dem 122. Ärztetag in Münster wird angesichts der offensichtlichen Arbeitsverdichtung im Gesundheitswesen auf den Raubbau hingewiesen, den diese gesellschaftliche Spardosen-Mentalität auch für die Gesundheit von Ärzten selbst bewirkt: „Ausgebrannte“, kranke, gestresste oder übermüdete Ärzte sind keine haltbare Situation für eine Gesellschaft, die auf ein gutes Gesundheitswesen baut. Jeder Lkw-Fahrer, jeder Fluglotse unterliegt anderen Schutzmechanismen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahns (CDU) Antwort auf den Mangel ist eine Fülle von Gesetzentwürfen, mit denen er, wie der nicht wieder zur Wahl angetretene Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zur Eröffnung des 122. Ärztetags kritisierte, „am Rande ärztlicher Tätigkeit neue Berufe“ kreiere, bekannte verselbstständige oder durch Verlagerung von zentralen Berufsinhalten auf andere an die Professionalität des Arztberufes herangehe. Montgomery hingegen ist überzeugt: „Es braucht mehr Ärzte – mehr Studienplätze, mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung! Patienten haben in einem hoch entwickelten Gesundheitswesen vor allem ein Anrecht auf Ärztinnen und Ärzte!“ Es ist fatal, das grundsätzlich auch ärztlicherseits unterstützte ökonomische Denken im Gesundheitswesen durch, so Montgomery, „Merkantilismus oder Kommerzialisierung des Gesundheitswesens“ zu ersetzen. Das Gesundheitswesen braucht, wie auch Gassen betont, mehr „richtige“, nicht „Halb-“ oder „Ersatz“-Ärzte.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #773817
OMNL
am Dienstag, 4. Juni 2019, 15:32

Die alte Leier

Bereits vor 10 Jahren hatten wir zu wenige Medizinstudienplätze. Daran wird sich aber auch nichts ändern, so lange wir an Bildungsausgaben sparen. Wenn schon die günstigen Fachhochschulen in technischen und wirtschaftlichen Fächern sparen müssen, wird es wohl kaum mehr von den teuersten aller Studienplätze geben. Da ist es günstiger auf den Import von Ärzten zu spekulieren. Das führt jedoch zu einem rücksichtlosen Brain-Drain, da diese Länder dann selbst unter einem Ärztemangel leiden werden. Ob die Qualität der Lehre in diesen Ländern mit der Lehre in Deutschland mithalten kann und plötzlich jeder Senior und jede Seniorin auf Englisch mit ihrem Hausarzt sprechen kann, steht wahrscheinlich auch auf einem anderen Blatt.
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