ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1996Psychotherapie: Weitblick fehlt

SPEKTRUM: Leserbriefe

Psychotherapie: Weitblick fehlt

Schulz, Kurt

Zu dem Leserbrief "Zusammenhänge" von Dr. Alexander Boroffka in Heft 23/1996
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LNSLNS Man könnte das Gedankenbeispiel doch weiterführen: gar keine Krankenhausbetten kosten gar kein Geld. Gar keine Ärzte kosten gar kein Geld, gar keine Medikamente . . .
Solange es nach wie vor eine eklatante Minderversorgung mit Psychotherapeuten gibt, egal ob ärztlich oder nicht, und Psychotherapiepatienten durchschnittlich sieben Jahre herumgeschoben und gemolken werden, bis sie endlich geeignet behandelt werden, muß das Kostenbeispiel anders aussehen: ein psychisch oder funktionell oder psychosomatisch Erkrankter, der keine Psychotherapie erhält, kostet ein Vielfaches durch nicht indizierte ärztliche Untersuchungen, Labor, medizinisch- technische Untersuchungen, nutzlose Medikationen, Notarzteinsätze und Krankenhauseinweisungen und sogar Operationen mangels der geeigneten Therapieform. Das aktuelle Beispiel aus meiner eigenen Praxis ist eine junge Frau, die seit 15 Jahren nach eigenen Aussagen wöchentlich ein bis drei Arztbesuche bei Allgemeinärzten, Internisten, Gynäkologen und HNO-Ärzten absolvierte, mehrfach im Krankenhaus war, sich einige nichts an ihren Beschwerden verändernde Operationen aufschwatzen ließ, bis endlich ein erstmalig konsultierter Kollege ihr klipp und klar sagte, das brächte ihr ja wohl so nichts, denn aufgrund der Symptomatik und ihrer Vorgeschichte sei anzunehmen, daß hier einzig und allein eine Psychotherapie indiziert sei. Lieber Herr Boroffka, was mag der 15 Jahre dauernde Irrweg dieser Patientin, die permanent an in dieser Hinsicht ungebildete Ärzte kam, wohl gekostet haben an Gesundheit (die 29jährige Frau ist trotz Kinderlosigkeit sterilisiert), Lebensqualität der armen Frau und an Krankenkassengeldern? Die PT-Kosten machen derzeit noch nicht einmal zwei Prozent aus, obwohl bis zu 40 Prozent der Patienten in Hausarztpraxen Psychotherapie benötigen. Hier scheint es mir, angesichts des Honorartopfes, doch wieder nur ums eigene Portemonnaie zu gehen und nicht darum, den Patienten eine angemessene und insgesamt Kosten einsparende Behandlung zu sichern. Außerdem fehlt es bei solchen Argumentationen am nötigen Weitblick, nämlich den Kostenersparnisfaktor, der nach einer AOK-Studie in den 60er Jahren in Berlin zur Einbeziehung der PT in den Katalog der Kassenleistungen geführt hat, zu berücksichtigen.
Dr. med. Kurt Schulz, Hohenzollernstraße 38, 83022 Rosenheim
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