ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2019Luftverschmutzung: Komplexität erlaubt keine allgemeingültigen Aussagen

MEDIZINREPORT

Luftverschmutzung: Komplexität erlaubt keine allgemeingültigen Aussagen

Dtsch Arztebl 2019; 116(22): A-1110 / B-916 / C-904

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Um die Luftverschmutzung zu reduzieren und die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, werden weltweit verschiedenste Maßnahmen ergriffen. Doch mit welchem Erfolg? Die Cochrane Collaboration legt den ersten systematischen Review zur Evidenz vor.

In den letzten Jahren wurden weltweit diverse Gesetze und Programme mit dem Ziel eingeführt, die Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickstoffoxide und andere Schadstoffe zu reduzieren. Dazu zählen beispielsweise regulatorische Maßnahmen gegenüber der Industrie, die Einrichtung von Umweltzonen, die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs sowie Verbote oder Einschränkungen bei der Verbrennung von Holz oder Kohle in Privathaushalten. Doch zeigen solche Maßnahmen auch die gewünschte Wirkung?

Bisher fehlte eine Analyse, welcher in systematischer Weise die Auswirkungen von Interventionen auf die Luftverschmutzung und deren gesundheitliche Folgen untersucht hat. Einen solchen Review hat die Cochrane Collaboration nun vorgelegt. Hierfür wurden 42 wissenschaftliche Studien (Stichtag 31. August 2016) mit Blick auf Mortalität, Morbidität und die Konzentration diverser Schadstoffe analysiert. Mit dem Ergebnis, dass angesichts der Heterogenität der Interventionen, Endpunkte und Methoden, keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit der untersuchten Maßnahmen abzuleiten sind.

Gemengelage der verschiedenen Einflussfaktoren

„Es ist wichtig zu bedenken, wie viele Faktoren sich auf Luftqualität sowie auf relevante Erkrankungen auswirken“, erklärt Erstautor Jacob Burns, Pettenkofer School of Public Health der LMU in München: „Der Energieverbrauch von Industrie, Verkehr und Haushalten genau wie das Wetter tragen alle wesentlich zur Luftverschmutzung bei.“ Auf das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – um nur ein Beispiel zu nennen – wirke sich nicht nur die Belastung mit Feinstaub und anderen Luftschadstoffen, sondern auch diverse genetische, physiologische und soziale Risikofaktoren aus.

Nach der Cochrane-Analyse wurden die meisten Interventionen (79 %) in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen implementiert, vor allem in städtischen oder kommunalen Settings (76 %). Die meisten Studien, die Endpunkte zu Gesundheit und Luftqualität analysierten, bezogen sich auf routinemäßig erfasste Monitoringdaten. Gesundheitsbezogene Endpunkte wurden überwiegend auf die Bevölkerung insgesamt erhoben, nur wenige Studien hatten Subgruppen wie Säuglinge, Kinder und Senioren im Fokus.

„Die Studien zeigen zum größten Teil entweder positive Auswirkungen oder unklare Effekte. Sie sind aber so unterschiedlich, dass sich keine verallgemeinernden Schlüsse für oder gegen die untersuchten spezifischen Maßnahmen ziehen lassen“, sagt Burns. Der Epidemiologe betont jedoch, dass dies nicht gegen die Interventionen spricht: „Nur weil sich kein Effekt nachweisen lässt, heißt das nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt.“

Aufgrund der unterschiedlich konzipierten Studien falle es schwer, allgemeingültige Schlussfolgerungen zu der Wirksamkeit der Interventionen zu ziehen. „Es ist anspruchsvoll festzustellen, ob es zu Veränderungen der Luftqualität oder der Gesundheit von Bevölkerungen kommt. Noch komplexer ist es, diese Änderungen auf bestimmte Maßnahmen zurückzuführen“, betonen die Autoren des Cochrane-Reviews. So seien die Konzentrationen von Schadstoffen in der Luft ständig im Wandel und aufgrund von Wetter und anderen Einflussfaktoren nur schwer vorhersagbar. „Es kann oft lange dauern, bis gesundheitliche Verbesserungen erkennbar werden“, so Burns. „Die von uns identifizierte Evidenz hatte eine sehr niedrige oder niedrige Vertrauenswürdigkeit. Das bedeutet, dass wir uns nicht komplett sicher sein können, ob die Ergebnisse verlässlich sind.“

Standardisierte Methoden der Datenanalyse gefordert

Weitere Untersuchungen von Maßnahmen zur Verringerung von Luftverschmutzung seien nötig. Dabei sollten zukünftige Studien verlässlichere und standardisierte Methoden der Datenanalyse anwenden. In ihrer Arbeit haben die LMU-Forscher daher konkrete Empfehlungen für künftige wissenschaftliche Studien erarbeitet, etwa zum Studiendesign. Diese richten sich auch an Entscheidungsträger in der Politik: „Momentan werden viele Studien nur retrospektiv durchgeführt. Besser wäre es, wenn die Evaluation schon vor oder im Zuge der Umsetzung der Intervention eingeplant wird,“ betont Co-Autorin Eva Rehfuess. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Burns J, Boogaard H, Polus S, Pfadenhauer LM, Rohwer AC, van Erp AM, Turley R, Rehfuess E: „Interventions to reduce ambient particular matter air pollution and their effect on health.“ In: Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 2. Art. No.: CD010919. http://daebl.de/HZ26.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema