ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Medizinisches Cannabis: Ein schwieriges Medikament

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Medizinisches Cannabis: Ein schwieriges Medikament

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 256

Bühring, Petra

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Vor mehr als zwei Jahren ist das Gesetz zur Verordnung von medizinischem Cannabis zulasten der Krankenkassen in Kraft getreten. Weil Wirksamkeitsstudien fehlten, gibt es keine spezielle Indikationen bei Cannabisblüten. Das schafft Probleme in der ärztlichen Praxis.

Foto: boltenkoff/ stock.adobe.com
Foto: boltenkoff/ stock.adobe.com

Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem die Verordnung von medizinischem Cannabis zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bei der Gesetzgebung nicht auf spezielle Indikationen beschränkt worden ist. Cannabisblüten und -extrakte können daher für jede Indikation verordnet werden, wenn eine allgemein anerkannte Leistung im Einzelfall nicht zur Verfügung steht, oder wenn diese Leistung unter Abwägung von Nebenwirkungen und Krankheitszustand des Patienten nicht zur Anwendung kommen kann, und wenn „eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwirkende Symptome besteht“. So sieht es das „Gesetz zur zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ vom März 2017 vor.

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Pro Genehmigungsvorbehalt

Grund für die Verordnungsmöglichkeit ohne spezielle Indikationen war das Fehlen von Wirksamkeitsnachweisen zum Zeitpunkt des Gesetzes. Weil Cannabisblüten und -extrakte nicht die Voraussetzungen erfüllen, die sonst an Arzneimittel gestellt werden, also Zulassungsstudien fehlen, hat der Gesetzgeber einen Genehmigungsvorbehalt durch die Krankenkassen vorgesehen. Dieser wurde seit Inkrafttreten des Gesetzes häufig kritisiert, als zu aufwendig, zu bürokratisch und die Therapiehoheit der Ärzte untergrabend. Die Kritiker verschafften sich Gehör in der Politik, infolge setzten sich die Bundestagsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke mit Gesetzesentwürfen für die Streichung des Genehmigungsvorbehaltes ein: mit eingeschränktem Erfolg. Bei einer Expertenanhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages verdeutlichten vor allem Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband, dass ein Verzicht mit zusätzlichen Risiken für Ärzte verbunden wäre. Die jetzige Regelung erhöhe die Sicherheit, sich nicht in Wirtschaftlichkeitsprüfungen rechtfertigen zu müssen, Cannabis-
präparate verordnet zu haben. Dass der bürokratische Aufwand für die Genehmigung bei einer erneuten Verordnung oder einem Wechsel der Cannabissorte jedoch entfallen könne, darin waren sich alle einig. Unter anderen sprach sich Dr. med. Erik Bodendieck, Mitglied im Ausschuss Sucht und Drogen der BÄK, dafür aus, cannabisbasierten Rezeptur- und Fertigarzneimitteln den Vorzug vor der Verordnung von Cannabisblüten zu geben, „weil eine exakte Dosierung bei diesem Naturprodukt kaum möglich ist“.

In der Praxis sind die fehlenden Informationen zu Indikationen, Dosierung, Anwendungsform und -dauer, Gegenanzeigen, Risiken und Nebenwirkungen sowie Langzeitwirkungen ein großes Problem. Darauf weisen elf Fachgesellschaften aus Psychiatrie, Neurologie, Suchtmedizin, Schmerz- und Palliativmedizin in einer Stellungnahme „mit Sorge“ hin. Sie werben für einen verantwortungsbewussten Umgang mit medizinischem Cannabis. So habe die „unkritische Darstellung“ des Nutzens der Droge in den Medien dazu geführt, dass es bei Hausärzten, Psychiatern, Neurologen und Schmerzmedizinern „einen Andrang von Patienten gibt, die bei nicht schwerwiegenden Erkrankungen oder bei solchen, die anders behandelt werden könnten, teils vehement die Verschreibung von Cannabisblüten fordern“. Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler kritisierte vor Kurzem, dass „Lobbyisten Patienten Cannabis einreden“. Darüber hinaus sei der Informationsmangel vieler Ärzte zu Cannabisblüten von der Industrie aufgegriffen worden, so die Fachgesellschaften, die Deutschland auch „aufgrund des sehr offenen Cannabisgesetzes als weltweit größten Absatzmarkt“ für ihr Produkt sehe. So biete das Internetportal www.leafly.de, Tochtergesellschaft eines kanadischen Pharma- und Cannabisunternehmens, vermeintlich unabhängiges Wissen über medizinisches Cannabis an. Ärzte und Wissenschaftler erhielten zudem Einladungen von Produzenten, um dort „Cannabisexperten“ zu treffen. Auch sogenannte Konsensuspapiere, die einen sehr breiten Indikationsbereich beschreiben, würden verteilt, bei denen erst auf den zweiten Blick deutlich werde, wie industrienah die Autoren seien, schreiben die Experten.

Appell der Fachgesellschaften

Die elf Fachgesellschaften appellieren an Ärztinnen und Ärzte, die betäubungsmittelrechtlichen Regularien in der Verschreibung von Cannabispräparaten zu beachten und an der Begleiterhebung teilzunehmen. Erste Ergebnisse der Erhebung liegen vor (siehe folgenden Artikel). Der Gesetzgeber wird aufgerufen, die Forschungsförderung von cannabisbasierten Arzneimitteln zu unterstützen. Schließlich sollten medizinische Fachgesellschaften selbst interdisziplinäre Leitlinien zum Umgang mit medizinischem Cannabis erstellen.

Petra Bühring

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