ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Versorgung psychisch kranker Menschen: 776 neue Therapeutensitze

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Versorgung psychisch kranker Menschen: 776 neue Therapeutensitze

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 241

Bühring, Petra

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Gerade noch hat die Bundesregierung auf die Bedarfsplanungsreform zur Reduzierung der Wartezeiten in der Psychotherapie gesetzt, schon legt der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) die geänderte Bedarfsplanungsrichtlinie vor und kommt damit seinem gesetzlichen Auftrag fristgerecht zu Ende Juni nach. „Als zumutbar gelten sechs Wochen Wartezeit auf einen Therapieplatz, in Ausnahmefällen bis zu zwölf Wochen“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion vom 26. April. Nach einer Studie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) von 2018 beträgt die Wartezeit auf eine Richtlinienpsychotherapie bundesweit indes im Durchschnitt 20 Wochen, im Ruhrgebiet sogar 29 Wochen.

Ob psychisch Kranke künftig nur bis zu sechs Wochen in der Regel warten müssen, ist nach der Reform mehr als fraglich. Der G-BA ermöglicht mit der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie 776 zusätzliche Niederlassungen für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) bundesweit. Gleichzeitig können sich 1 446 zusätzliche Hausärzte, 476 Nervenärzte und 401 Kinder- und Jugendärzte niederlassen. Wenn man niederlassungsbereite Ärzte denn findet, weil bereits 3 470 Ärztesitze bundesweit unbesetzt sind (siehe auch Seite 249). Die Zahlen ergeben sich aus einer neuen Berechnungsstruktur, die nicht nur die reinen Verhältniszahlen von Einwohner pro Arzt/Psychotherapeut berücksichtigt, sondern auch das Alter, Geschlecht und die Morbidität der Bevölkerung in einer Region.

Die zusätzlichen Psychotherapeutensitze sind immerhin ein Schritt in die richtige Richtung und nehmen denjenigen Kritikern, die behaupten, man brauche nicht mehr Psychotherapeuten, um die Wartezeiten zu reduzieren, sondern nur eine besserere Steuerung der Versorgung, den Wind aus den Segeln. Wobei eine koordinierte, strukturierte und interdisziplinäre Versorgung vor allem schwer psychisch Kranker natürlich auch dringlich ist. 776 Sitze bleiben aber deutlich hinter den Erwartungen zurück, die die BPtK und die psychotherapeutischen Berufsverbände an die Reform hatten. In dem zuvor vom G-BA beauftragten Gutachten zur Weiterentwicklung der Bedarfsplanung (Sundmacher et al., September 2018) gingen die Prüfer von bis zu 2 413 weiteren Psychotherapeuten aus, die benötigt würden, um die Wartezeiten zu reduzieren. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer macht die Krankenkassen als Verantwortliche für die jetzt deutlich niedrigere Zahl aus: Diese würden sich gegen jeden zusätzlichen Praxissitz sperren, und die Kassenärztliche Bundesvereinigung habe schließlich bei der Vorstellung des Sundmacher-Gutachtens knapp 2 000 zusätzliche Sitze in den am schlechtesten versorgten Regionen vorgeschlagen.

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Immerhin gibt es eine ausreichende Zahl an approbierten Psychotherapeuten, die die neuen Niederlassungsmöglichkeiten auch besetzen können. Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort auf die hohen Absolventenzahlen bei der Ausbildung zum PP und KJP: 2018 haben 3 000 Personen die staatliche Prüfung abgelegt. Hinzu kommen die vielen bereits approbierten Psychotherapeuten, die auf eine Zulassung warten und solange in Privatpraxen arbeiten. Deren genaue Zahl wird allerdings nirgendwo erfasst.

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